Das Focke-Museum widmet sich in einer Sonderschau ausführlicher der Nachkriegszeit und fordert damit zugleich offensiv seine eigene Erweiterung ein.von JAN ZIER

Das Aalto-Hochhaus steht schon, die Berliner Freiheit kommt noch - Geschichte wird gebaut. Bild: Focke-Museum
Es ist nicht nur museale Lücke, die da am Sonntag im Focke-Museum geschlossen wird. Es offenbart sich zugleich auch eine. Denn die Geschichte Bremens seit 1945 - sie fand im Landesmuseum bislang nur im Foyer statt. Und auch dort nur "sehr fokussiert", wie selbst Direktorin Frauke von der Haar sagt. Ein bisschen Schiffbau, dazu etwas Borgward-Historie, das war's.
Das ist nun anders - aber vorläufig nur bis zum kommenden Frühjahr. Solange läuft die Sonderschau "Soviel Wandel war nie", die - entgegen aller historischen Konventionen - die bremische Geschichte bis zum heutigen Tage aufarbeitet. Die Ausstellung ist zugleich eine museumspolitische Forderung. Auch wenn die Direktorin selbst lieber von einem "Wunsch" spricht. Das Focke-Museum müsste "erweitert" werden, sagt Heinz-Gerd Hofschen, Abteilungsleiter für Stadtgeschichte. Zumal, wenn es seinem inhaltlichen Anspruch gerecht werden will: Das Haus wolle nicht nur die "Schatzkammer der Stadt" sein, so Hofschen, sondern ein "authentischer Ort der Geschichtsvermittlung". Und vor allem: "Ein Ort, an dem über die Gegenwart und Zukunft Bremens diskutiert wird". Und ein Ort der Integration von Buten-BremerInnen.
Die Chance zur Kontroverse bietet die Ausstellung allemal - schon weil ihr Macher Hofschen, der auch in der Linkspartei aktiv ist, vor einer gewissen Polemik nicht zurückschreckt. So wird unter dem Stichwort "soziale Spaltung" eine goldene Uhr ausgestellt und deren Preis - 30.000 Euro - in Hartz-IV-Monatseinkommen umgerechnet: 83, also fast sieben Jahre. Unmittelbar daneben findet sich unter Glas das Original des "Kanzler-Briefs", aufgrund dessen Bremens Große Koalition sich selbst jährliche Einnahmen von 500 Millionen Euro luftbuchte. Umso trutziger wirkt das dazu aufgestellte "Freie Hansestadt Bremen"-Schild als Symbol der Selbstständigkeit.
Immer wieder versucht die Ausstellung, auf engem Raum auch jene Zeitgeschichte zu erzählen, die weniger bremisch denn vielmehr ganz allgemein ist, wenn auch oft mit hübschen Exponaten garniert. Andererseits vermag sie an einigen Stellen mit wenig Aufwand exemplarische Geschichten zu erzählen, etwa jene von Nikolaus H., der unter den Nazis als Gendarmeriehauptmann an Kriegsverbrechen beteiligt war - und bis 1966 zum Chef der Bremer Bereitschaftspolizei aufstieg.
Einen Anspruch auf Vollständigkeit kann man auf 800 Quadratmetern auch mit 470 Exponaten sicherlich nicht erheben. An manchen Stellen wird stark verkürzt: So stehen die Jahre 1952-1967 unter der Überschrift "Bremen wird reich". Sie vermag dabei zwar mit dem einen oder anderen Mythos aus der Wirtschaftswunderzeit aufzuräumen. Doch dem Umstand, dass Borgward, hier mit einem "Lloyd" vertreten, 1961 endgültig in den Konkurs ging, wird dieses Motto nicht gerecht.
Die Ausstellungseröffnung fällt in eine Zeit, in der "sehr böse Zeichen" für die Museen gesetzt würden, sagt Frauke von der Haar. Soeben hat der Hamburger Senat die Schließung des Altonaer Museums angekündigt, während die Weserburg in Bremen sich gezwungen sieht, ihren Bestand an Tafelsilber der Gegenwartskunst zu verkaufen, um das eigene Überleben zu sichern (taz berichtete). Letzteres sei nicht nur "ein Tabubruch", sondern auch ein "schlechtes Signal" für das Focke-Museum, sagt dessen Direktorin. Schließlich lebe ihr Haus von Schenkungen. Da könnte mancher, fürchtet sie, wertvollere Exponate am Ende nun doch lieber zurückhalten.
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