Hamburgs Bücherhallen (HÖB) sollen eine Million Euro einsparen. Filialen will der Kultursenator nicht schließen, aber seltener öffnen. Die HÖB-Chefin wehrt sich.von PETRA SCHELLEN

Alles Gerüchte: Lesen ist gar nicht out. Bild: dpa
Bibliothekare sind ruhige Zeitgenossen. Sie dulden lange, bevor sie toben. Was Hamburgs Kultursenator Reinhard Stuth (CDU) allerdings derzeit mit den Öffentlichen Bücherhallen (HÖB) anstellt, erhitzt sogar bundesweit die Gemüter. "Es ist schlimm, dass die HÖB, die schon seit 2005 jährlich 900.000 Euro weniger bekommen, jetzt eine weitere Million einsparen müssen", sagt Monika Ziller. Sie ist Vorsitzende des Deutschen Bibliotheksverbandes und empfindet die Sparvorgabe als "Angriff auf die Substanz der Bibliotheksversorgung in Hamburg".
In der Tat sind die HÖB mit einem Etat von 24,3 Millionen Euro der zweitgrößte Zuwendungsempfänger in Hamburg. Dafür werden sie seit den Neunzigern aber auch bei jeder Haushaltskonsolidierung zur Kasse gebeten - 32 von ehemals 57 Standorten existieren noch - und haben tatsächlich jede Einsparung letztlich bewältigt. 2010 legte man einen ausgeglichenen Haushalt vor.
Da war HÖB-Chefin Hella Schwemer-Martienßen schon schockiert, dass es sie schon wieder trifft. Noch dazu, weil der Kultursenator auch gleich das Prozedere vorgab: "Standortschließungen wird es nicht geben", verspracht er vollmundig. Die Einsparung solle vielmehr durch Personalabbau, Gebührenerhöhungen und verkürzte Öffnungszeiten erbracht werden. Schwemer-Martienßen hält dagegen: "Wir können nicht schlechteren Service bieten und dafür mehr Geld verlangen." Zudem vergraule die Reduktion der Öffnungszeiten Besucher: "Ich kann nicht große Bücherhallen wie Altona oder Wandsbek nur noch an drei Tagen wöchentlich öffnen." Der Senator hatte dies vorgeschlagen und gemeint, man könne Bibliotheken, die anderthalb Kilometer auseinander lägen, quasi abwechselnd öffnen.
Ein Vorschlag, der zudem nichts einspare, sagt Schwemer-Martienßen. "Die Mieten laufen weiter, und die Bücher müssen weiterhin bearbeitet werden." Da sei sie im Ernstfall lieber konsequent und schließe einzelne Standorte, um anderswo die Qualität zu halten.
Auch den aus Behördenkreisen erhobenen Vorwurf, die Bücherhallen seien verstaubt, weist sie vehement zurück: "Wir waren 2006 die erste öffentliche Bücherhalle Europas, die E-Medien anbot. Etliche Bibliotheken haben uns inzwischen kopiert." Stuth hatte die Reduktion der Öffnungszeiten mit der "zunehmenden Digitalisierung" gerechtfertigt und auf "veränderten Lesegewohnheiten - etwa E-Books verwiesen.
"E-Medien machen nicht einmal drei Prozent unserer Ausleihen aus", kontert Schwemer-Martienßen. Untersuchungen des Bibliotheksverbands ergeben dasselbe: "Die These, dass heutzutage niemand mehr Bücher liest, ist nicht belegbar", sagt Monika Ziller. Die Zahl der Bücherei-Nutzer steige vielmehr konstant - die Ausleihen der HÖB etwa stiegen in den letzten zehn Jahren um 45 Prozent. Außerdem gewännen die Büchereien als Arbeits-, Lern- und Aufenthaltsorte an Bedeutung.
Von einst 57 existieren derzeit noch 32 Standorte der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen (HÖB). Ihre Kennzahlen:
1,6 Millionen Medien in 26 Sprachen
13 Millionen Ausleihen pro Jahr
4,4 Millionen Benutzer jährlich (2007: 4,2 Millionen)
Pro Monat 600 Veranstaltungen, unter anderem für Schulen und Kitas
300 Ehrenamtliche
E-Bücherhalle sowie E-Medien-Angebot samt E-Learning-Plattform
künftig eine Interkulturelle Bibliothek sowie ein Internet- und Lernzentrum mit 70 Arbeitsplätzen
Womit man wieder bei den Öffnungszeiten wäre. "Die müssen nicht reduziert, sondern verlängert werden", sagt Schwemer-Martienßen. Das sei angesichts 40 durch Fluktuation einzusparender Stellen, die der Senat fordere, nicht zu machen. Jedenfalls nicht an 32 Standorten.
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Leserkommentare
06.10.2010 16:55 | my name (female)
Mal wieder typische weltfremde, abgehobene Politikerentscheidung - würde man den unnützen Werbezug von Hamburg durch Europa ...
06.10.2010 15:10 | Conny Preira
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