Schmierentheater. Ein christliches Rührstück über Margot Luther Käßmann in der Diaspora lässt die Scheinheilige auferstehen.von MICHAEL RINGEL

Mediengeil bis unter die Engelsflügel: Margot Luther Käßmann. Bild: ap
Statt froh zu sein, dass die Labertasche Gottes nach Amerika ausgewandert ist, weint man der Ampelüberfahrerin Margot Käßmann in Hannover bittere Tränen nach - zumindest bei der christlichen Nachrichtenagentur epd. Deshalb hat sich die Chefredakteurin des Landesdienstes Niedersachsen, Ulrike Millhahn, kurzerhand eine Reise nach Atlanta gegönnt, wo die angebetete Exbischöfin bei einer Universität Unterschlupf gefunden hat.
"Ehemalige EKD-Ratsvorsitzende lebt vier Monate in den USA", lautete der Titel der anlasslosen epd-Reportage am vergangenen Mittwoch. Vier Monate hat man es ohne Schwester Käßmann ausgehalten, nun wanzt man sich wieder an die gefallene Landestochter heran.
Herausgekommen ist ein mit feuchten Fingern verfasstes Rührstück über eine Deutsche, die von den Amerikanern selbstverständlich sofort ins Herz geschlossen wurde. " ,In Deutschland ist sie sehr beliebt', sagt eine ältere Dame zu ihrer Sitznachbarin, bevor die Feier in der Universitätskirche beginnt", schleimt es aus dem Bericht über einen Margottesdienst, den Käßmann zelebriert. "Ziemlich schnell hat sie die Lacher auf ihrer Seite, als sie über den Turmbau zu Babel spricht und zugibt, dass sie die Aussprache von ,Megalomania', auf Deutsch ,Größenwahn', erst einmal üben musste.
Auch die beiden Damen nicken sich lächelnd zu." Offenbar wissen die so einverstanden lächelnden Damen nicht, dass Käßmann von Größenwahn jede Menge versteht. "Sie sind sichtlich gerührt, als Käßmann die Einsetzungsworte für das Abendmahl auf Deutsch spricht und auch den Segen in der Sprache Luthers erteilt." Wo so viel Rührung vorherrscht, da darf der Nationalstolz nicht fehlen bei der weitgereisten Reporterin, die allen Ernstes dichtet: "Deutschland steht hier hoch im Kurs, und das einstige Oberhaupt der evangelischen Kirche ist sehr gefragt." Fast kommen einem die Tränen, dass die Angehimmelte in der Diaspora versauern muss. "Es war eine schwierige Zeit, und natürlich spüre ich auch Wehmut und Traurigkeit", sagt die öffentlichkeitsgeile Käßmann über ihre "Autofahrt unter Alkoholeinfluss", wie die Hofberichterstatterin die Sufffahrt ihrer Königin der Herzen sanft umschreibt.
Unter Schwestern von gestern wird die Rückkehr der Geläuterten medial vorbereitet: " ,Da schließt sich ja fast ein Kreis', sagt sie nachdenklich." Und der angeekelte Leser ahnt bereits, was nun kommt: Käßmann wird auf eine Stufe gestellt mit einem bekannten Gottesmann, dessen Licht auch sie beleuchten soll. "In Atlanta wurde der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King (1929-1968) geboren und begraben. Sein Einsatz für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit für alle Menschen hatte die 16-jährige Margot als Austauschschülerin in den USA einst zum Theologiestudium inspiriert."
Margot Luther Käßmann heißt die Heldin dieser Herrschaftsprosa, mit der die Auferstehung einer Scheinheiligen sich ankündigt. Ein journalistisches Schmierentheater, bei dem einen das Grauen überkommt.
Die Wahrheit auf taz.de
Leserkommentare
31.10.2010 10:37 | Dietlind Sö.
Gibt es denn nichts Wichtigeres zu berichten als immer noch von längst verbüsten und eingestandenen Fehlern??? Unsere EX-Bi ...
30.10.2010 01:18 | Rita
Jeder Schreiberling hier hat Fehler, und wenn er sich noch so sauber vorkommt. ...
29.10.2010 19:35 | Hans H.
Alkohol ist ne feine Sache, aber Autofahren unter Alkoholeinfluss ist ein absolutes No-Go, da extrem gefährlich. Das eigent ...