Die internationalen Atomorganisationen verharmlosen und leugnen bis heute die Folgen der Katastrophe von Tschernobyl. Nicht mehr als 50 Tote sollen es nach deren Zahlen sein.von WOLFGANG LÖHR

Ob wohl der Mensch, der als Kind diese Kindergasmaske trug, noch lebt? Bild: ap
BERLIN taz | "Wir wollen, dass endlich die Wahrheit über die Atomkatastrophe und ihre Folgen berichtet wird." Alexej Jablokow, Gründer und Präsident des Zentrums für Russische Umweltpolitik, ist mehr als verärgert über die Informationspolitik von Organisationen wie der Internationalen Atom-Energie-Agentur (IAEA) oder dem Wissenschaftlichen Ausschuss der Vereinten Nationen über die Auswirkungen atomarer Strahlung (UNSCEAR).
Auch wenn diese Kritik zum Teil auf die aktuelle Atomkatastrophe in Japan zutreffen dürfte, der Biologe Jablokow, der früher als Umweltberater von Boris Jeltzin tätig war, ist erzürnt über die "verharmlosende" und "vertuschende" Informationspolitik hinsichtlich der Folgen des Atom-GAUs von Tschernobyl.
Jablokow, der als Nestor der russischen Umweltbewegung gilt, ist anlässlich des 25. Jahrestages von Tschernobyl zusammen mit zahlreichen WissenschaftlerInnen aus der Ukraine, aus Weißrussland und Russland nach Berlin gekommen, um die neuesten Daten über die Tschernobyl-Opfer vorzustellen. Diese drei Länder waren am stärksten durch die Explosion des Tschernobyl-Reaktors am 26. April 1986 und dem nachfolgenden radioaktiven Fallout betroffen.
* Der Kongress "25 Jahre Folgen der Tschernobyl-Katastrophe: Bilanz gesundheitlicher und ökologischer Schäden" geht noch bis Freitag, den 8. April 2011. Veranstaltunsort ist das Virchow Klinikum der Charité in Berlin-Wedding. Veranstalter ist die Gesellschaft für Strahlenschutz e.V.
* Am Freitag, den 8. April 2011 beginnt in der Urania, in Berlin, der öffentliche IPPNW-Kongress "25 Jahre Tschernobyl: Zeitbombe Atomenergie - Atomausstieg jetzt". Geboten werden bis Sonntag, den 10. April 2011 Filme, eine Ausstellung, Lesungen, Musik, Berichte von Zeitzeugen und Workshops. Veranstalter sind die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). Am Sonntag werden von der Organisation Nuclear-Free Future Award Menschen mit einem Preis geehrt für ihren Einsatz "das atomare Zeitalter zu beenden".
Eingeladen zu dem Kongress "25 Jahre Folgen der Tschernobyl-Katastrophe", der noch bis Freitag geht, hatte die Gesellschaft für Strahlenschutz e. V. Deren Präsident, der Physiker Sebastian Pflugbeil, unterstützt den russischen Biologen in seiner harschen Kritik.
Hinter der Verharmlosung der Tschernobyl-Folgen stecken für ihn vor allem der "Desinformationsapparat" der IAEA und die Internationale Strahlenschutzkommission (ICRP) als Lobbyorganisationen der Atomindustrie. Auch die WHO diene in Fragen des Strahlenschutzes nur der Atomlobby. So gebe es ein Abkommen zwischen IAEA und der WHO, das der Atombehörde die Oberaufsicht bei Atomfragen zusichere, erläutert Pflugbeil.
Zwar wurde bisher auch von der Atomenergiebehörde IAEA der Tschernobyl-Unfall als größte Katastrophe in einem Atomkraftwerk bezeichnet, doch damit hat es sich fast schon mit den Gemeinsamkeiten zwischen den kritischen Wissenschaftlern auf dem Berliner Kongress und der Atomenergiebehörde.
Die IAEA geht offiziell bis heute von etwa 50 Toten aus, die als Folge der Tschernobyl-Katastrophe gestorben sind, erläutert Pflugbeil. So etwa lautet auch die offizielle Bilanz der UN-Wissenschaftlerkommission UNSCEAR, die im Februar 2011 veröffentlicht wurde: 28 Tschernobyl-Arbeiter seien aufgrund einer hohen Verstrahlung schon wenige Monate nach dem Unfall gestorben. Neunzehn weitere verstarben bis 2006.
Dazu kommen laut UNSCEAR noch rund 6.000 registrierte Fälle von Schilddrüsenkrebs. Davon sollen 15 Personen gestorben sein. In der UN-Bilanz ist somit von insgesamt 62 Strahlentoten die Rede. Fast alle anderen Tschernobyl-Patienten sind UNSCEAR zufolge ein Opfer des wirtschaftlichen und sozialen Niedergangs in diesen Regionen geworden. Auch der übermäßige Alkoholgenuss aufgrund der Ausweglosigkeit ist für UNSCEAR ein Grund für den hohen Krankenstand in diesen drei Staaten.
Ganz anders lauten die Daten, die die Wissenschaftler auf dem Berliner Kongress vorlegten. Ermittelt wurden die Zahlen aus den Vergleichen von belasteten und unbelasteten Regionen in der Ukraine und in Weißrussland. Alexej Jablokow geht in seinen Hochrechnungen am weitesten. In den hoch belasteten Regionen ist seinen Untersuchungen zufolge die Sterblichkeit durch Tschernobyl um durchschnittlich 4 Prozent angestiegen.
Wird dieser Wert auf alle Regionen extrapoliert, die vom Tschernobyl-Fallout betroffen waren und zum Teil noch sind, muss bis jetzt von insgesamt 1,44 Millionen Todesopfern ausgegangen werden. Berücksichtigt ist dabei auch, dass nur etwa die Hälfte des radioaktiven Fallouts in den den drei osteuropäischen Staaten heruntergekommen ist. Die andere Hälfte der radioaktiven Substanzen ging im restlichen Europa herunter.
Dieser Rechnung liegt die Annahme zugrunde, dass auch Niedrigstrahlung gesundheitliche Folgen haben kann. Selbst ein einzelnes radioaktives Atom kann Krebs auslösen, wenn es vom Körper aufgenommen und zum Beispiel in das Erbmolekül eingebaut wird. Das jedoch wird bis heute von den UN-Organisationen und der Atomlobby abgestritten.
Die Wahrscheinlichkeit eines Atomunfalls ist 200-mal höher als bislang angenommen. Weltweit am meisten gefährdet ist der Südwesten Deutschlands. von Kai Schöneberg

In ihrem Videocast fordert Kanzlerin Merkel einen schnellen Ausbau der deutschen Stromnetze. Um den Windstrom von den Norden in den Süden zu schaffen, sind Tausende neue Netzkilometer nötig.

Der Live-Ticker zum Castortransport 2011 zum Nachlesen auf taz.de.
Zur Bilderstrecke "Castortransport 2011".
Am 30. Mai 2011 hat die schwarz-gelbe Koalition ihren Atomkurs radikal verändert. Bis dahin galt der Ausstieg aus dem rot-grünen Atomausstieg, die deutschen AKW sollten bis nach 2030 laufen - also im Schnitt zwölf Jahre länger als mit dem rot-grünen Atomkonsens.
Nun heißt es: Die acht ältesten deutschen AKW bleiben abgeschaltet, die restlichen laufen zum großen Teil bis 2021 oder 2022 weiter. Nach der Atomkatastrophe in Fukushima kippte die Stimmung auch unter den Unionswählern gegen die Atomkraft, die wichtige Wahl in Baden-Württemberg ging für Merkel verloren.
Deshalb nun die Umkehr. Im Eiltempo werden nun Atomgesetz und andere Energiegesetze umgeschrieben. Auch das Genehmigungsrecht für Stromleitungen soll vereinfacht werden. Das Eiltempo soll alle überrumpeln: die Energiekonzerne und ihre Abgeordnetenfreunde ebenso wie die Anti-Atom-Bewegung und die Regierungen der Bundesländer.
Wie die Anti-Atom-Bewegung reagiert; wie das Energiesparen bei Elektrogeräten, der Industrie und den Gebäuden berücksichtigt wird, was auf Mieter und Hausbesitzer zukommt; wie der Verbraucher sich für die Energiewende motiviert - die taz berichtet in diesem Schwerpunkt darüber.
Starre Rituale, öde Debatten, ein Haus der Langeweile? Nicht in der Ukraine! Hier werden Parlamentsdebatten noch mit Leidenschaft, Herzblut und handfesten Argumenten geführt!

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Weltraumtouristen, Satelliten und Versorgungsflüge zur ISS – die Raumfahrt wird privatisiert und kommerzialisiert.

Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare
24.04.2011 01:00 | Frank
Faktisch setzen Betreiber und Regierung die Gesundheit und das Leben von Generationen aufs Spiel. Zusätzlich werden Land, G ...
08.04.2011 17:14 | Toby
Also wenn ich die Untertreiber und die Übertreiber nehme und mich so ungefähr in der Mitte zwischen ihnen einrichte, wird m ...
08.04.2011 11:03 | Marcus
God las Seriosität Regnen! ...