Als 1986 halb Europa verstrahlt wurde, beruhigten Politiker in Ost und West die Bevölkerung mit teilweise absurden Behauptungen. Immerhin: In der BRD gab es eine Opposition. von INGO ARZT

Damals trugen die Nachrichtensprecherinnen passend zur Havarie Atomfrisuren. Bild: screenshot: Youtube
Selten waren Regierungen so schizophren wie nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl. Wider besseren Wissens behauptete sowohl die bundesdeutsche Regierung als auch die des Arbeiter- und Bauernstaates, es wäre nach der Explosion am 26.04.1986 alles in bester Ordnung. Das Video der Woche zeigt einen Zusammenschnitt der ARD-"Tagesschau" über einen Zeitraum von zwei Wochen: Darin sagt Wolfgang Schäuble, damals Kanzleramtsminister, es gebe keine Gefährdung der Bevölkerung. Doch schon Tage vorher vernichteten die Behörden in Baden-Württemberg verseuchten Salat und empfahlen Eltern, ihre Kinder nicht auf der Straße spielen zu lassen.
Ist Ihnen dieser Artikel etwas wert?
<object style="height: 375px; width: 460px">
<embed src="http://www.youtube.com/v/9n977DCuNF0?version=3" type="application/x-shockwave-flash" allowfullscreen="true" allowScriptAccess="always" width="460" height="375"></object>
Daraus lässt sich für den japanischen Atom-GAU nichts Gutes ableiten: Die Regierung Nippons ist nämlich so unkritisch gegenüber der Kernkraft und so verbandelt mit den Atomkonzernen, wie es die deutsche damals war. In Fukushima wird vermutlich genauso vertuscht und verharmlost, wie 1986 in Deutschland. Oder, was in dem Video nicht zu sehen ist: in Frankreich. Die dortigen "Nuklearexperten" hatten sogar das DDR-Fernsehen zitiert, als Kronzeugin, dass man im Fall Tschernobyl alles im Griff hätte.
In der ARD traten immerhin Experten auf, die von der Strahlung berichteten und eine Opposition, die der Regierung widersprach. Im Osten dagegen verkauften sie die Bevölkerung komplett für dumm. Der MDR hat eine Chronologie der DDR-Berichterstattung über Tschernobyl ins Netz gestellt, mit Sendungen der "Aktuellen Kamera". Kritik an der Linie der Regierung fehlt hier vollständig, brav lesen Moderatoren und Korrespondenten die staatlichen Meldungen vom Blatt.
Ein Jahr nach Tschernobyl besuchte ein Korrespondent eine neue Siedlung für die evakuierten Opfer. Die Sowjetunion hatte sie für die Vertriebenen aus Pripjat gebaut - jene Stadt unmittelbar neben dem AKW Tschernobyl, die komplett verseucht und noch heute unbewohnt ist. Die Botschaft des Reports: Alles super. Keine Toten, keine Verletzten, alle glücklich in den schönen, neuen Häusern. Von den elend verreckten Helfern am Reaktor, von den Fehlgeburten und schwer behinderten Kindern, davon erfährt der DDR-Zuschauer kein Sterbenswörtchen.
Der "Tagesschau"-Mitschnitt bricht leider manchmal zu früh ab. Weggeschnitten ist der damalige CSU-Innenminister Friedrich Zimmermann. Heute könnte er Lizenzgebühren für die in Deutschland ständig wiederholte Behauptung verlangen, hier stünden die sichersten Kernkraftwerke der Welt. Die stammt nämlich von ihm.
Man kann die Videos übrigens auch unter Style-Gesichtspunkten anschauen, sozusagen mode-ikonografisch interpretieren: 1986 schmückten sich die Männer im Fernsehen mit Atom-Brillen und die Frauen mit voluminösen Atom-Frisuren. Vermutlich eine Übersprungshandlung, weil man die Angst vor den Strahlen unterdrückte.
Das Gesetz für einen Neubeginn der Endlagersuche ist in den Bundestag eingebracht. Aber Greenpeace will unter den gegebenen Umständen nicht mitmachen. von Malte Kreutzfeldt

Am 30. Mai 2011 hat die schwarz-gelbe Koalition ihren Atomkurs radikal verändert. Im Eiltempo werden nun Atomgesetz und andere Energiegesetze umgeschrieben. Wie die Anti-Atom-Bewegung reagiert; wie das Energiesparen bei Elektrogeräten, der Industrie und den Gebäuden berücksichtigt wird, was auf Mieter und Hausbesitzer zukommt; wie der Verbraucher sich für die Energiewende motiviert - die taz berichtet in diesem Schwerpunkt darüber.
David Beckham beendet seine Fußballer-Karriere. Wird er jetzt etwa Vollzeitpapa, Model oder Frührentner? Ach, uns fallen da noch ein paar andere Sachen ein...

Ein echt fieser Augapfel, ein Harley-Davidson-Skelett, Buddha hat Geburtstag und jede Menge Quallen. Unsere Bilder der Woche.

14 Jahre war Thomas Schaaf Trainer bei Werder Bremen – genug Zeit, seinen trockenen Humor in vielen Interviewantworten unter Beweis zu stellen.

Am Samstag ist es wieder so weit: Im schwedischen Malmö kämpfen 39 Länder um den ersten Platz beim ESC. Wir wissen, auf welche Teilnehmer Sie besonders achten können.

Leserkommentare
24.04.2011 06:52 | vic
Die Lügengeschichten sind geblieben, die Frisuren haben sich- zum Glück- gewandelt.
23.04.2011 22:54 | Frank
Auch anläßlich des Jahrestages von Tschnernobyl wird in den Medien das Restrisiko der Atomkraft, der größte anzunehmende Un ...
23.04.2011 10:54 | Fofi
Wo es dem Weisen ein Wink vermag, da braucht der Narr einen Hammerschlag. So weit - so gut. Nach den Hammerschlägen von Tsc ...