Atom-Lobbyistin über AKW-Moratioum

"Ökodiktatorische Ansätze"

Was macht die Atomindustrie nach dem Ende des Atom-Moratoriums? Astrid Petersen, Vorsitzende der Kerntechnischen Gesellschaft, will Sicherheit exportieren.

Auf den Kopf gestellt: Spiegelung des Kühlturms des Akw Isar 1.  Bild: dpa

taz: Frau Petersen, RWE behält sich vor, seine Meiler nach Ende des Moratoriums wieder anzufahren. Wäre es für das Image der Atomindustrie nicht besser, solche Drohungen zu unterlassen?

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Astrid Petersen: Es kann einen Imageschaden geben, klar. Die Betreiber sind aber auch ihren Aktionären verpflichtet, und der Stillstand bedeutet Verluste für sie. Insofern stecken die Betreiber in einer Zwickmühle. Allerdings war das Moratorium selbst hysterisch und rein politisch motiviert.

Sie haben auch nach Fukushima kein Verständnis für einen Ausstieg aus der Kernenergie?

ASTRID PETERSEN 43, ist Physikerin und seit Kurzem Vorsitzende der Kerntechnischen Gesellschaft. Diese vertritt als Lobbyorganisation Personen, die in der Atomenergie tätig sind.

Am 15. März verkündete Angela Merkel als Reaktion auf die Atomkatastrophe von Fukushima, dass acht Alt-AKW in Deutschland drei Monate abgeschaltet werden. Heute ist ihre Stilllegung endgültig beschlossen. Da erst im Juli das Gesetz dazu den Bundestag passiert, könnten sie bis dahin wieder hochgefahren werden. RWE hält sich das beim AKW Biblis offen.

Nein, habe ich nicht. Fukushima und der Tsunami haben mich sehr betroffen gemacht, das hat aber nichts mit Technik zu tun. Die japanischen Kraftwerke waren unzureichend ausgelegt, es mangelte zudem am Notfallschutz. In Deutschland hat die Reaktorsicherheitskommission eine deutlich darüber hinausgehende Robustheit bescheinigt.

Sie hat auch festgestellt, dass bei uns nicht ein Kraftwerk ordentlich gegen Flugzeugabstürze gesichert ist.

Das kann man so pauschal nicht sagen. In Sachen gezielte Flugzeugabstürze müssen Sie den Bundesinnenminister fragen. Tatsache ist, dass diverse Maßnahmen ergriffen wurden, um terroristische Angriffe auszuschließen.

Wie wollen Sie Glaubhaftigkeit gewinnen, wenn Sie bei ungelösten Sicherheitsfragen auf die nächste Instanz verweisen?

Ich kann nur jeden einladen, mal ein Kernkraftwerk zu besuchen, dann können wir die Fragen vor Ort mit einem Fachmann klären. Aber ich vertrete hier nicht die Betreiber, sondern Techniker und Naturwissenschaftler, die an einer ideologiefreien Debatte interessiert sind. Wir übernehmen viel Verantwortung für die Sicherheit der Kernkraftwerke hier in Deutschland. Jetzt werden wir in einem politischen Pingpong missbraucht.

Warum setzen Sie als Ingenieure die Energiewende nicht um?

Das wollen wir doch. Aber der Zeitplan passt nicht. Für mich fehlen noch zu viele Faktoren, Windräder ersetzen nicht einfach mal Atomkraftwerke. Wir müssen uns klar machen, wer wir sind: Exportweltmeister, wir sind mitten in Europa, wir haben eine riesige Verantwortung!

Warum isoliert sich die Atomindustrie, indem sie immer noch so tut, als sei die Energiewende unverantwortlich?

Nehmen Sie doch nur die Bundesnetzagentur, die aufzeigt, wie viel Stromnetze uns noch fehlen. Wer will denn Gaskraftwerke bauen, die er nur dann hochfahren darf, wenn gerade kein Wind bläst? Zweitens geht es ohne Speicher nicht. Man schreckt nicht mal vor ökodiktatorischen Ansätzen zurück, indem man sich die norwegische Seenplatte als Speicher für deutschen Windstrom ausgucken will.

Der Zeitplan für die Energiewende steht. Wann schulen Sie auf Solartechnik um?

Wir haben noch sehr lange etwas zu tun. Es gibt eine jahrelange Nachbetriebsphase in den stillgelegten AKWs, dann kommt der Rückbau. Außerdem wollen wir auch künftig unsere Sicherheitsstandards mit in die internationale Debatte einbringen. Schließlich stehen um Deutschland herum Kernkraftwerke, die man nicht ignorieren kann.

 

Was die Energiewende für uns bedeutet - die taz berichtet in diesem Schwerpunkt darüber.

15. 06. 2011

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