Das Studierendenmagazin der Musikhochschule Hannover interviewt einen prominenten Nazimusiker. Die Szene applaudiert, die Landesregierung grollt.von ANDREAS SPEIT

Alles nur ein Witz? Das Ministerium war nicht amüsiert. Bild: Ausriss: Saitensprung
HANNOVER taz | Das Cover ziert ein Musiker mit Irokesenschnitt. Auf Seite 8 des Saitensprung, des Magazins der hannöverschen Hochschule für Musik, Theater und Medien prangt dann auf einem nackten Oberarm die Schwarze Sonne - ein mancherorts beliebtes Tattoomotiv, entlehnt einem Bodenmosaik der SS aus der Wewelsburg bei Paderborn.
Mit dem Bild illustriert das Blatt ein Interview mit Frank Kraemer, Gründer der Rechtsrockband "Stahlgewitter". Mehr Reichweite außerhalb seiner eigenen Szene, mutmaßt Martin Langebach, Rechtsrock-Experte aus Düsseldorf, "dürfte der überzeugte Neonazi in seiner über 15-jährigen Karriere nicht erreicht haben".
Es ist nicht so, dass die Studierenden des Studiengangs Medien und Politik darüber nicht auch diskutiert hätten: Lange sei in der Redaktion das Für und Wider verhandelt worden, sagt der verantwortliche Professor Gunter Reus. Weil aber Rechtsrock ein zentrales Moment in der rechten Strategie sei, müsse diese Musik nicht tabuisiert werden, sondern thematisiert, so Reus. Dem dreiseitigen "Streitgespräch" wurde daher das redaktionelle Bekenntnis vorangestellt, Kraemers Positionen "grundsätzlich abzulehnen".
Den Rechtsrocker, der regelmäßig betont, mit "dem System" im Krieg zu liegen, und es als Ehrung verstehen dürfte, dass einige seiner Lieder indiziert sind, bleibt in dem Gespräch gelassen. Rechts und links, darf er ausbreiten, seien überholte Begriffe, um sogleich darzulegen: "Dank wissenschaftlicher Erkenntnisse der Genetik, der Soziobiologie und der Verhaltensforschung wissen wir, dass z. B. Schwarze, Asiaten und Europäer ja nicht einfach nur verschieden aussehen, sondern ganz andere biologische und charakterliche Eigenarten mitbringen."
Die Interviewer fassen nach, halten ihm Textstellen aus seinen Liedern vor. Kraemer aber sagt, was er sagen will, schimpft über "Ausländerkriminalität" und verharmlost rechtsextreme Gewalt, beklagt den "Schuldkult", wettert über Einwanderung sowie die "Besatzung" und "Fremdbestimmung durch multinationale Logen".
Sicher, sagt Gunter Reus: Bei dem Interview hätte man vielleicht hier und da etwas mehr nachhaken müssen. Andererseits werde begreiflich, was da zu bekämpfen gebe. Für Martin Langebach dagegen ist klar: Das Interview dürfte Neonazi Kraemer als PR-Erfolg verbuchen.
In der Tat feierte die Szene das Gespräch unverzüglich: Auf dem einschlägigen Portal "Altermedia" heißt es in einem Kommentar: "voller Erfolg", und man werde "beim nächsten Kameradschaftsabend das Interview ausführlich besprechen und einige Punkte nochmals vertiefen" - "ein hervorragener Schulungsleitfaden".
"Es ist ein schwerer Fehler, in einer seriösen Hochschulzeitung einem bekannten Nazimusiker auf diese Art und Weise eine Plattform zu bieten", sagt Victor Perli, hochschulpolitischer Sprecher der niedersächsischen Linksfraktion. Es handele sich da eben nicht um ein Forschungsprojekt, sondern um ein Unterhaltungsmedium. "Das Signal, welches ausgesendet wird, ist, das Nazi-Positionen legitim sind", fürchtet Perli.
Am Donnerstag nun kritisierte auch das niedersächsische Wissenschaftsministerium die Veröffentlichung scharf und forderte das Präsidium der Hochschule zu einer Stellungnahme auf. Presse- und Wissenschaftsfreiheit seien ein hohes Gut, aber es sei nicht akzeptabel, dass in Publikationen "unserer Hochschulen auch nur der Eindruck" entsteht, dass "radikale Positionen ein ungefiltertes Forum finden", sagte ein Ministeriumssprecher.
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Leserkommentare
01.07.2011 10:42 | Michael Idir
Ist es denn nicht so, daß Frank Krämer Mißstände aufzeigt und Lösungsansätze bietet? 360° Ausleuchtung einer total verfehlt ...
29.06.2011 13:31 | Malte
Habt ihr euch denn das Interview auch mal selbst durchgelesen, um euch eine eigene Meinung zu bilden? Ich schon. Und wer ei ...
24.06.2011 12:10 | baaba
Die Scheinheiligkeit deutscher Offizieller kennt keine Grenzen mehr. Die Angst vor Konsequenzen raubt denen das Denkvermöge ...