Kolumne von GEORG LÖWISCH
Der Grüne Boris Palmer liebt die Geschwindigkeit. Er hat Mathematik studiert, da rechnet er schneller als andere. Sein Vater nahm ihn als Jungen in unzählige Wahlkämpfe mit, deshalb kann er intuitiv durch Rededuelle preschen. Er kam auch schneller zum Regieren als andere Grüne, denn mit 34 Jahren war er schon Oberbürgermeister von Tübingen.
Als ich das erste Mal über ihn berichtet habe, sind wir durch den Schlossgarten von Stuttgart gerannt. Er wollte einen Express kriegen, ich keuchte ihm nach. Er war noch nicht OB und einen Bauzaun gab es auch noch nicht im Schlossgarten. Er trug einen Korb Weintrauben von seiner Mutter und hat sich im Laufen kurz zu mir umgedreht und gelacht, es war ein guter Moment, Boris Palmer im Jahr 2006.
Er hatte damals ein Ziel: es besser zu machen als sein Vater Helmut Palmer, der Remstal-Rebell, der ewige Kandidat, der viele Menschen begeisterte, aber nie in ein Amt gewählt wurde. Das hat er geschafft. Aber seither hat er das Tempo nicht gedrosselt, im Gegenteil.
GEORG LÖWISCH leitet die sonntaz-Redaktion.

Diese Kolumne und viele andere spannende Geschichten lesen Sie in der sonntaz vom 2./3. Juli 2011 – ab Sonnabend zusammen mit der taz an ihrem Kiosk oder am eKiosk auf taz.de. Die sonntaz kommt auch zu Ihnen nach Hause: per Wochenendabo. Und für Fans und Freunde: facebook.com/sonntaz Foto: taz Foto: taz
Wer spurtet, schüttet Glücksstoffe aus, egal ob es auf den Parteitag geht oder mit dem Rad auf einen Berg. Palmer machte beides. Er glänzte in Talkshows, wo sich Gäste dieses feine Höhegefühl mitnehmen; es belohnt sie dafür, dass sie sich zerreißen zwischen Orten und Aufgaben.
Wir treffen uns am S-Bahnhof Friedrichstraße in Berlin. Starbucks. "35 Minuten", sagt Palmer. Vor dem Tresen biegt sich eine Schlange. Wir kürzen den Kaffee weg. Gleich muss er zum Parteirat in die Grünen-Zentrale.
Vor sechs Wochen verteilte er dort ein Thesenpapier. Über das er nicht lange genug nachgedacht hat. Es ging darum, was der Erfolg für die Partei bedeutet. Über Punkt vier steht: "Das grüne Wachstum erfordert eine programmatische Veränderung." Selbst bei grünen Themen stehe vieles in Frage, wenn das Wachstum gesichert werden sollte. "Das uneingeschränkte Adoptionsrecht für homosexuelle Paare ist vorerst keine Forderung, mit der sich 25 % der Deutschen gewinnen lassen."
Der Satz an sich ist schon ein ziemlicher Mist. Die 25 Prozent stimmen nicht, deutlich mehr Deutsche haben in Umfragen nichts gegen ein vollwertiges Adoptionsrecht von Schwulen und Lesben. Es ist auch Unfug zu behaupten, dass irgendwer in Deutschland uneingeschränkt adoptieren dürfe.
Das Papier gelangte in die Medien. Der Oberbürgermeister, der 2007 vom Tübinger CDU-Landrat verlangt hatte, dass die Homoehe auf dem Rathaus geschlossen werden darf und nicht im Landratsamt stattfinden muss, stand nun als schwulen- und lesbenfeindlich da. So unbeliebt kannte er sich nicht.
Palmer schaut über den Starbucks-Tisch. Er habe die Risiken so eines Papiers unterschätzt. Er sagt: "Ich habe nicht gewusst, dass es so wichtig ist, mich in den Dreck zu ziehen."
Der Satz in dem Papier sei ein Beispiel für eine Position gewesen, die die Grünen halten müssten. Mit gutem Willen kann man vielleicht aus dem Titel des Papiers herleiten, dass es nicht nur Forderungen enthält: "Grünes Wachstum - um jeden Preis?"
Aber er hat eine Grenze verletzt. Manche Fragen gehören nicht in strategische Kalkulationen, das Eintreten für die Gleichstellung einer Minderheit zählt dazu. Er hat sie zum Objekt von Rechenschiebereien gemacht.
Er schaut mich an, als verstehe er das Argument. Aber er gibt nicht nach. Ein ICE kann keine Spitzkehre. Er ist zu schnell. Boris Palmer im Jahr 2011.
Die Linkspartei hat jetzt ihre letzte Chance, es Lafontaine nicht gleichzutun und endgültig von der politischen Bühne abzutreten. Die linken Frauen könnten sich positionieren. von Ines Pohl
Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

NRW hat gewählt. Die taz hat sich mal angeschaut, wie kreativ die Parteien waren und was das über die KandidatInnen aussagt.

„Verspätet“ – in Berlin trifft das nicht nur einzelne Flüge, sondern ganze Flughäfen. Und was passiert nun in der Hauptstadt?

Ausgerechnet Bildungsministerin Annette Schavan? Auch sie soll bei ihrer Doktorarbeit mit dem bezeichnenden Titel „Person und Gewissen“ gemogelt und abgekupfert haben. Sehen Sie hier: Einige Vorbilder und Nachahmer ...

Leserkommentare
03.07.2011 16:56 | vic
Palmer kann bisweilen nur mit äußerster Kraftanstrengung den grünen Anstrich bewahren. ...