Räuberpistolen aus Kongo-Brazzaville am letzten Prozesstag vor der Sommerpause: Ein FDLR-Kontaktmann will die Frau eines FDLR-Obersts entführt haben.von Dominic Johnson

Oberst Idelphonse Nizeyimana vor dem UN-Ruanda-Tribunal 2009. Bild: ap
STUTTGART taz | Cyprien Habyarimana ist ein vielbeschäftigter Mann. Der ruandische Hutu-Flüchtling in Kongo-Brazzaville war, wie die Verteidiger der beiden wegen Kriegsverbrechen angeklagten FDLR-Führer Ignace Murwanashyaka und Straton Musoni vor dem OLG Stuttgart ausführen, Chauffeur von "Bischöfen und Ministern".
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FDLR-Vizepräsident Musoni wollte ihn nutzen, um Geld an seine in Brazzaville lebende Schwester zu schicken, deren Mann im lokalen Militär dient. Zugleich aber sei Habyarimana ein "harmloser Schwätzer", möglicherweise sogar ein "Spion", dem die FDLR-Führung nicht unbedingt traue.
Am 13. Juli 2009 jedenfalls rief Habyarimana spätabends aus Kongo-Brazzaville bei Musoni in Deutschland an. Der 1. FDLR-Vizepräsident hatte zu dem Zeitpunkt offenbar tatsächlich Funktionen des FDLR-Präsidenten Ignace Murwanashyaka übernommen; dessen Drängen darauf war Thema früherer in Stuttgart abgespielter Telefongespräche zwischen den beiden gewesen.
Jetzt, im Juli 2009, ist Murwanashyaka abgetaucht und sogar für die BBC nicht mehr zu erreichen. "Ich habe gehört, dass BBC berichtet hat, dass sie euch sucht, aber sie kann euch nicht finden", berichtet der Kontaktmann aus Brazzaville dem FDLR-Führer. "Sie haben bestimmt Ignace gesucht", sagt Musoni. "Normalerweise suchen sie den Präsidenten."
Das Telefongespräch hat eine Dauer von zehn Minuten. Die Abspielung und Übersetzung samt Anfechtung einzelner Passagen durch die Verteidigung dauert zweieinhalb Stunden. Und der weitere Verlauf des Gesprächs lässt erkennen, warum die Verteidigung den Anrufer als unglaubwürdig darstellen will.
So fragt Cyprien Habyarimana, ob er einen BBC-Journalisten im ostkongolesischen Bukavu bestechen soll, damit dieser FDLR-Erklärungen veröffentlicht. "Ich würde sagen, dass es sich um Reisegeld handelt; wenn man ihm 1.000 Dollar schickt, würde er motiviert sein", schlägt er vor.
Pikantes Detail: Habyarimana sagt, er habe darüber bereits mit dem Armeesprecher in Bukavu gesprochen – zu dem Zeitpunkt hatte die Armee der Demokratischen Republik Kongo gerade eine Großoffensive gegen die FDLR in Süd-Kivu begonnen, die sogenannte Operation "Kimia II". Später, im November 2009, enthüllt ein UN-Bericht, hochrangige Armeeangehörige in Süd-Kivu würden insgeheim mit der FDLR zusammenarbeiten.
Musoni lehnt die Bestechung zögernd ab. "Wenn du die Möglichkeit hast, es zu machen, kannst du es machen, aber du solltest vorsichtig sein", sagt der FDLR-Vizepräsident seinem Kontaktmann in Kongo-Brazzaville. "Wir sprechen mit solchen Leuten auf andere Weise. Es eilt nicht. Lass es."
Dann erzählt Habyarimana eine regelrechte Räuberpistole. Die Frau des FDLR-Obersts Idelphonse Nizeyimana, Deckname "Sebisogo" – der im Büro des 2. FDLR-Vizepräsidenten Gaston Iyamuremye in Masisi (Nord-Kivu) arbeitete – sei in Masisi "festgehalten" und schließlich nach Kinshasa gebracht und mit ihren fünf Kindern inhaftiert worde. Möglicherweise unter Mitwirkung des in Kinshasa lebenden FDLR-Kaders Rafiki (alias John Muhindo), der mehrfach erwähnt wird, dessen Rolle allerdings uinklar bleibt.
Aus Angst, sie würde "unsere Leute verkaufen", berichtet Habyarimana, "musste ich diese Frau und fünf Kinder in Kinshasa entführen. Ich habe Leute geschickt, die haben sie entführt. Sie haben sie in der Nacht über die Grenze gebracht, Sie sind jetzt hier."
"Sind sie dort bei dir?" fragt Musoni verblüfft.
"Ja, ich habe sie in Kinshasa entführt", wiederholt Habyarimana. Die Sache habe ihn viel Geld gekostet, "1.500 Dollar". Brazzaville und Kinshasa, die Hauptstädte der beiden Kongos, liegen gegenüber an den beiden Ufern des Kongo-Flusses. Es gibt einen regen kleinen Grenzverkerhr zwischen beiden Ländern.
Habyarimana führt aus, die Frau heiße Nadine und sei die Cousine des verstorbenen ehemaligen ruandischen Übergangspräsidenten während des Völkermords, Thédore Sindikubwabo. Der war damals vom Militär als Nachfolger des am 6. April 1994 mit seinem Flugzeug abgeschossenen Staatschefs Juvénal Habyarimana bestellt worden. Er führte Ruandas Staat während des Genozids.
Den Namen des FDLR-Obersts, dessen Ehefrau Nadine sein soll, hat Habyarimana nicht parat. Er ruft zwei Minuten später wieder an, um ihn zu nennen: Sebisogo.
Die Verteidigung gibt dazu eine Erklärung ab. Die Erzählung Habyarimanas sei "wirr", der Anrufer nicht glaubwürdig, und Sebisogo sei zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren aus der FDLR desertiert.
Dies widerspricht allerdings bisherigen Erkenntnissen: Sebisogo reiste im Oktober 2009 aus dem Kongo nach Uganda und wurde dort fesgenommen und an das UN-Ruanda-Völkermordtribunal im tansanischen Arusha überstellt, das ihn mit internationalem Haftbefehl als führender Genozidtäter suchte.
Auch FDLR-Präsident Ignace Murwanashyaka ergreift das Wort. Die Übersetzung, wonach die Frau "entführt" wurde, sei inkorrekt. "Gestohlen" müsse es heißen. Vermutlich hält der Angeklagte das für eine Entlastung.
Es war der letzte Prozesstag vor der Sommerpause. Die Hauptverhandlung wird am Montag,den 12. September fortgesetzt.
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