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Profiboxen in DeutschlandWeil er nicht Axel heißt. Und schon gar nicht Max

Er ist Boxweltmeister im Schwergewicht, stammt aus dem Ruhrgebiet und hat demnächst einen Megakampf im Stadion. Warum kennt kaum jemand Agit Kabayel?

D ies ist eine Frage an regelmäßige taz-Leser und -Leserinnen. Sie geht explizit nicht an Boxnerds, die meine Kolumne regelmäßig lesen: Kennt Ihr Agit Kabayel? Eine spontane Umfrage in der vierten Etage des taz-Gebäudes unter elf Kollegen und Kolleginnen hat ergeben: Nur einer kennt ihn.

In trockener Wikipedia-Prosa beantwortet: „Agit Kabayel ist ein deutscher Profiboxer im Schwergewicht. Er ist in dieser Gewichtsklasse der aktuelle WBC-Weltmeister.“ Anders gesagt: Der Junge aus Wattenscheid hat das geschafft, was Axel Schulz dreimal versucht hat. Noch mal anders gesagt: Er ist das, was Deutschland seit über 90 Jahren sucht, nämlich ein zweiter Max Schmeling. Oder, dritter Erklärungsversuch, er ist das, was der amerikanische Schriftsteller Norman Mailer so ausgedrückt hat: „Es ist, als wärst du der große Zeh Gottes. Da ist nichts mehr, womit du dich messen kannst.“

Das Zitat illustriert sehr schön, dass ausgerechnet die Schwergewichtsweltmeister so berühmt und so bedeutend sind: Muhammad Ali, Joe Louis, Evander Holyfield, Mike Tyson, George Foreman, Jack Johnson, Rocky Marciano, Joe Frazier, Sonny Liston – Namen für die Ewigkeit. Mit Max Schmeling gibt es einen Deutschen in dieser Reihe und mit den Klitschko-Brüdern Wladimir und Vitali zwei Sportler, die ihren Aufstieg nicht zuletzt ihrer medialen Präsenz in Deutschland verdanken.

Ende November verteidigt Kabayel seinen WM-Titel – im Düsseldorfer Stadion, weil eine Halle zu klein ist

Wollen wir verstehen, warum es diesen Nimbus gibt, wird es schwierig: Warum muss es ein Boxer sein, warum ein Mann und warum einer aus der schwersten Kategorie von allen?

Leben als Metapher für das Boxen

„Ich kann mich auf den Gedanken einlassen, dass das Leben eine Metapher für das Boxen ist.“ So hat die US-Schriftstellerin Joyce Carol Oates die Faszination dieses Sports beschrieben, und da es sich wohl nicht besser ausdrücken lässt, ist das Thema „Warum Boxen“ hiermit abgehakt. Dass es Kerle sind, hat damit zu tun, dass im Pricefighting zwar Frauen von Beginn an dabei waren, aber in der Zeit, die wir aus irgendeinem Grund immer noch Fin de Siècle nennen, hinausgedrängt wurden. Das Thema „Warum Männer“ ist also auch erklärt. Und „Warum Schwergewicht“ ist besonders schwierig, daran versuche ich mich heute gar nicht.

Schon bin ich bei der großen Frage: Warum kennt kaum jemand Agit Kabayel, einen Menschen, der doch alles, was verlangt ist, erfüllt? Vielleicht weil es da doch noch mehr Voraussetzungen gibt, die wir uns gar nicht klarmachen. Mag sein, dass Kabayel in Leverkusen geboren und im Ruhrgebiet aufgewachsen ist – er stammt aus einer kurdischen Familie, und die hat es schwer, in einer weißen Mehrheitsgesellschaft Anerkennung zu finden. Kürzer gesagt: Ein Agit ist kein Max oder Axel.

Boxsport gehört zwar den wenigen Sportarten, die sich neben Fußball behaupten können, ist aber auch von Konjunkturen abhängig: In den 1990er Jahren brachte RTL Henry Maske, Graciano Rocchigiani und Axel Schulz groß raus, und die gesellschaftliche Bedeutung war klar. Im Ring wurde das Verhältnis von Ost- und Westdeutschen ausgehandelt.

Der Kampf um Akzeptanz

Eine vergleichbare Bedeutung ist zwar aktuell auch gegeben: Um Integration und Akzeptanz marginalisierter sozialer Gruppen wurde und wird im Boxsport immer schon gekämpft. Entsprechend ist Agit Kabayel ein Star nicht nur in der kurdischen, sondern auch in der türkischen und in anderen migrantischen Communitys. Aber für die Mehrheit ist er „keiner von uns“.

Am 28. November wird Kabayel seinen Weltmeistertitel verteidigen. Gegner ist der bislang ungeschlagene Albaner Nelson Hysa. Der Kampf findet im Düsseldorfer Fußballstadion statt, weil eine ursprünglich avisierte Halle in Oberhausen sich als zu klein erwies. Wird Agit wenigstens dann so berühmt wie Max und Axel? Das Traurige ist: Wir kennen die Antwort.

Martin Krauss

Martin Krauss

Jahrgang 1964, freier Mitarbeiter des taz-Sports seit 1989
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11 Kommentare

  • FuturII

    Susi Kentikian wurde ich jetzt auch Mal anführen oder Dilar Kisikyol. In den Medien durchaus präsent gewesen. Boxen ist vermutlich eher out inzwischen. Allein der Untergang der beiden Hamburger Ställe spricht da für sich.

  • Deep South

    Man könnte auch erwähnen, dass die Zuschauerzahlen im Boxen seit über einem Jahrzehnt massiv rückläufig sind, dass Boxen kaum noch im Free TV läuft, dass die vielen Skandale und völlig überhöhten Börsen dem Image geschsdet haben und MMA dem klassischen Boxen sowieso längst den Rang abgelaufen hat. Aber warum denn, wenn man das Ganze rassistisch framen kann?



    Die letzten großen Boxer, die in Deutschland begeistert haben, waren die Klitschkos. Zwei Ukrainer mit völlig "undeutschen" Namen. Das ist sehr lange her.

  • MK

    Der entscheidende Satz ist aus meiner Sicht:



    „In den 1990er Jahren brachte RTL Henry Maske, Graciano Rocchigiani und Axel Schulz groß raus.“



    Wer bringt Agit Kabayel groß raus? RTL ist es nicht. Laut KI war damals der Boxpromoter Wilfried Sauerland für die erfolgreiche Vermarktung der TV-Recht an RTL verantwortlich. Kabayel wird von Frank Warren promotet, der keine nationalen Champions aufbaut, sondern international vermarktet. Das ist wohl eher die Antwort, warum Kabayel kein nationaler Held wird.

    • Normalo

      @MK:

      ...und bei den Klitschkos war es ein Klaus-Peter (Kohl), und die Trainer der RTL-Boxhelden hießen - Wechselbad Rocky außen vor - entweder Wolfgang oder Fritz. Es scheint, als wäre der Name der Protagonisten an der Seite der Athleten wichtiger für den Promo-Erfolg als ihr eigener - auch keine ganz neue Erkenntnis in dem Sport.

  • Desti

    Es gibt zig Box-Verbände: außer jenen, die sich dafür interessieren, verfolgt, dass niemand.

    Die erwähnten deutschen Boxer wurden auch nur berühmt, weil sie nicht im klassischen Bild, welches Durchschnittsspießer mit dem Sport verbinden, entsprachen.



    Dadurch wurden diese auch außerhalb eines bestimmten Milieus anschlussfähig.



    Jetzt ist das eben nicht mehr so. Oder eben so, wie's vorher war. Wo ist da das Drama?

  • PartyChampignons

    Vielleicht ist es Rassismus, vielleicht hat der Mann aber auch nur ein verdammt schlechtes Marketing. Ich kannte ihn bis gerade auf jeden Fall nicht.

    • rero

      @PartyChampignons:

      Ich kannte von den anderen "so berühmten und so bedeutenden" Schwergewichtsweltmeistern auch nur dem Namen nach zwei, den Rest nicht.

      Auf einem Foto würde ich beide nicht erkennen.

      Ich kenne in meinem persönliche Umfeld nicht mal jemanden, der an Boxen interessiert ist.

      Boxen kann sich neben Fußball behaupten?

      Der Artikel ist nicht aus meiner Welt.

  • Jochen Laun

    Die Klitschko Brüder hießen weder Max noch Alex. Ihrer Popularität hat das nicht geschadet. Wenn also Vitali und Wladimir kein Problem waren, warum sollte Agit ein Problem sein?

  • Fairchild670

    Irgendwie ist doch der Boxsport allgemein aus den deutschen Medien verschwunden. Könnte es eventuell auch sein, dass der Sport und seine Verbände etwas hinterher hängen, sich in der neuen Medienwelt zu behaupten? Es scheint mir etwas zu kurz gegriffen, sofort Rassismus als Grund für die Unbekanntheit von Agit Kabayel auszumachen.

  • fly

    „ In trockener Wikipedia-Prosa “ steht auch, dass er kampflos Interimsweltmeister wurde und seit Juni zum Weltmeister erklärt wurde. Daher ist es schon mal kein Wunder, dass er nicht in aller Munde ist. Möglicherweise ändert sich das jetzt, schliesslich ist ein Umzug in eine größere Lokation erforderlich geworden. Vielleicht wird er aber immer noch nicht richtig bekannt, da irgendwie die große (Medien)Zeit für Boxen vorüber zu sein scheint. Oder wer kennt die Weltmeister der anderen x Verbände? Vermutlich wäre trotzdem jemand mit einem biodeutschen Namen etwas bekannter, aber es ist trotzdem kein Anlass für eine Diskriminierungsbeauftragte.

  • gyakusou

    Boxer mit den Namen Graciano, Dariusz, Wladimir und Vitali haben es geschafft, in Deutschland berühmt zu werden. Es scheint also nicht allein an einer weißen, deutschen Mehrheitsgesellschaft zu liegen, dass dieser Boxer in weiten Teilen der Bevölkerung eher unbekannt ist.