Bundesweit einmalig

Wenn Arbeit krank macht

Ungern erkennen Berufsgenossenschaften das Leiden ihrer Beitragszahler als vom Job verursacht an: Eine Beratungsstelle in Bremen sorgt für etwas Waffengleichheit

Schön wie Schneeflocken, aber tödlich: Asbestfasern  Bild: Archiv

BREMEN taz | Manchmal ist es nur der Verdacht: dass der Juckreiz auch Symptom einer Berufskrankheit ist, der Tinnitus im Büro oder an der Maschine erworben sein könnte oder der ewige Husten auf der Baustelle. Viel zu oft sind Arbeitnehmer oder Hinterbliebene mit dem Verdacht allein. Außer in Bremen. Dort betreibt, in Vegesack, seit etwas über einem Jahr die Arbeitnehmerkammer die bundesweit einzige Beratungsstelle für Berufskrankheiten.

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Mehr als 140 Ratsuchende haben die Stelle inzwischen konsultiert. „Ohne die fachkundige Hilfe wären viele Erkrankte nicht in der Lage gewesen, ihre Ansprüche geltend zu machen“, erläutert Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen die Idee.

Zwar, eine Erfolgsquote lässt sich damit noch nicht bestimmen: Selten ist ein solcher Antrag binnen eines Jahres abschließend beschieden. Die Stelle einzurichten, mit Geld von der EU, hatte die Bürgerschaft beschlossen. Sie reagierte damit auf eine Art Trend auf dem Feld der Berufskrankheiten. Denn während die Berufsgenossenschaften Ende der 1970er noch über 30 Prozent der gemeldeten Fälle akzeptierten, geben sie heute nur noch jedem fünften Antrag statt. Sprich: Die gut dotierten BG-Fachleute gehen immer knausriger mit den ihnen anvertrauten Geldern um, wenn Versicherte Ansprüche erheben.

Dabei herrscht allerdings eine schwer zu heilende Ungleichheit der Waffen: „Nicht jeder, der eine Berufskrankheit hat, ist Verwaltungsfachmann“, sagt die Projektleiterin Barbara Reuhl. Die Berufsgenossenschaften schickten Professoren ins Feld, Arbeiter und Handwerker lassen sich dadurch mitunter einschüchtern. Hinzu kommt: Bei Krankheiten, die nicht plötzlich auftreten, fällt der Nachweis oft schwer.

 

Die Zahlungsbereitschaft der Berufsgenossenschaften schlägt sich im Verhältnis von angezeigten und anerkannten Fällen nieder. Es ist starken Schwankungen ausgesetzt.

1978 wird es erstmals erfasst: 45.469 Verdachtsfällen stehen 14.001 anerkannte Berufskrankheiten gegenüber. Die Anerkennungsquote liegt bei 30,8 Prozent.

1990 werden in Gesamtdeutschland 57.740 Fälle bei den BGen angezeigt, 10.384 anerkannt - das entspricht nur 17,9 Prozent.

2010 standen 73.425 Verdachts-Anzeigen 15.926 Anerkennungen gegenüber - das sind 21,7 Prozent.

Asbestose ist dafür ein gutes Beispiel, also die durch Asbestfasern hervorgerufene schleichende Lungenkrankheit und ihre häufige Folge: Krebs – an Bauchfell, Kehlkopf, Lunge. Bis zu 40 Jahre kann es dauern, bis sich die Symptome zeigen. Asbestose ist eine häufige Berufskrankheit an Werftstandorten: Zwar wurde der Werkstoff 1993 verboten. Aber bis dahin war er im Schiffsbau fast allgegenwärtig. Zudem war der Hafen in Bremen Deutschlands wichtigster Umschlagplatz der Todesfaser. Mehr als jede dritte Berufskrankheiten-Anzeige und 69 Prozent aller anerkannten Fälle im Land waren 2010 asbestbedingte Erkrankungen.

Das Asbestproblem hatte auch zur Gründung der Beratungsstelle geführt: Ehrenamtlich hatte sie Rolf Spalek schon seit 2005 betrieben. Der ehemalige Betriebsrat der Vulkan-Werft, die 1997 pleite ging, kämpfte für mehr als 600 seiner Kollegen, rettete Akten teils aus dem Müll, um nachzuweisen, dass die Beschäftigten mit dem Gefahrstoff hantiert hatten. Heute berät er die Einrichtung. „Den Höhepunkt des Asbest-Problems erwarten wir erst um 2017“, sagt Reuhl.

 

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