Die Wahrheit

Ewiger Frischling wird Frau Wutz

Wie erklärt man eigentlich Außerirdischen Andrea Nahles, die neue und erste weibliche Parteivorsitzende der SPD?

Ein ufoartiges Gefährt steht an einem Fluss auf Gras

Typisches Brandenburger Raumschiff: Hier fragt man sich, wie Nahles tickt Foto: Stefan Boness/Ipon

Ich weiß auch nicht mehr, wie ich am Mittwochabend mit meinem Wagen auf diese einsame Straße in dem abgelegenen Brandenburger Landstrich geraten bin, jedenfalls hörte ich gerade im Autoradio, dass die Große Koalition in Berlin nun fertig verhandelt worden war und dass Andrea Nahles neue SPD-Vorsitzende werden sollte, als die Radiostimme abrupt erstarb und der Motor stotternd ausging. Über dem Wagen aber erschien ein gleißendes Licht, in das ich jäh hinaufgesogen wurde wie mit einem Beamstrahl. Starr vor Schreck wurde ich besinnungslos …

Als ich wieder aufwachte, befand ich mich offenbar an Bord eines Raumschiffs und war an die Lehnen eines Stuhls geschnallt. Auf meinen Kopf spürte ich eine Art Metallschüssel, aus der mehrere Drähte herausführten. Um mich herum war ein einziges Zirpen und Zischen zu hören. Vage nahm ich die Gestalten mehrerer insektoider oder reptiloider Wesen wahr, die mich umkreisten, allerdings nicht genau auszumachen waren, weil ich wie in einem alten Polizeifilm von einer Verhörlampe geblendet wurde.

Daneben konnte ich einen Hologrammschirm erkennen, über den Bilder ferner Galaxien und Sterne wie auch Ausschnitte aus der „Tagesschau“ flackerten, in denen deutsche Politiker mit ihren Dienstlimousinen vorfuhren. „Guten Tag, Experte!“, bollerte plötzlich eine roboterhafte Stimme los. „Wir freuen uns, Sie hier zu haben!“

Bollernde Maschinenstimme

Experte? Ich? Für was denn? Dachte ich, und als ob die Maschinenstimme meine Gedanken lesen konnte, beantwortete sie auch schon meine Fragen: „Sie sind Experte für Andrea Nahles. Erklären Sie uns bitte diese Frau.“

Um Himmels willen! In welchen Mystery-Film war ich denn hier geraten? Ooh, ich sollte besser solche Fragen nicht denken, sonst würden sie mir noch beantwortet werden von diesen Außerirdischen, die zwar recht friedfertig erschienen, aber offensichtlich Genaueres über unsere Zivilisation und deren Pro­tagonisten wissen wollten. Doch warum hatten sie sich ausgerechnet Andrea Nahles dafür ausgesucht? „Andrea Nahles ist ein interessantes Geschöpf, bitte erklären Sie uns diese humane Lebensform!“

Aber warum ich? Für deutsche Politiker gibt es doch viel bessere Erklärer wie zum Beispiel Markus Feldenkirchen vom Spiegel. Der ist doch ein typischer Vertreter der Gattung „Weiß nichts, kann aber alles erklären“. Es war, als läge über der Roboterstimme ein leichtes Lächeln: „Den haben wir schon vor Jahren hochgebeamt. Er ist unser Experte für Angela Merkel. Er besucht uns inzwischen freiwillig jeden Montag in unserem Raumschiff.“

Im Gegensatz zu solchen Koryphäen kenne ich mich mit Andrea Nahles und ihrem Innenleben überhaupt nicht aus. „Experte!“, mahnte die Stimme: „Stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel!“ Wie bitte? Seit wann redeten denn extraterrestrische Kreaturen wie ein Nachrichtenticker, in dem auch ständig erstarrte Redewendungen verwendet werden und „jemandem der Rücken gestärkt“ oder „ein Hut in den Ring geworfen“ wird. Mir fiel der Philosoph Kierkegaard ein und sein Bonmot über bildhafte Sprache: „Wenn Hunde sprechen könnten, würden wir sie nicht verstehen.“ – „Experte! Lenken Sie nicht ab! Erzählen Sie alles über Nahles!“, drängte das Wesen.

Sicher hatte ich mich hier und da schon einmal mit Andrea Nahles beschäftigt, aber nach 25 Jahren als Berufsschreiber kann man doch nicht jeden Stiefel mehr kennen, den man weggeschrieben hat. Angestrengt versuchte ich die Hirnwindungen auszuwringen. Nahles, Nahles, Nahles … Na, erst einmal mit der Eifel beginnen. „Was ist Eifel?“, fragte die Stimme prompt. „Andrea Nahles kommt aus der Eifel und sonst nichts“, erklärte ich. „Das heißt: Dort gibt es noch Gerolsteiner-Sprudel und einen Formel-1-Ring. Aber sonst ist dort tote Hose.“

„Tote Hose?“, fragte das Wesen, dem diese Phrase offenbar nicht geläufig war. „Das ist das Gegenteil vom ‚Tannhäuser Tor‘ oder der ‚Schulter des Orion‘, also faszinierenden Weltraumgegenden.“ – „Zurück zu Nahles“, mahnte die Stimme jetzt schon fast quengelig. Tja, Nahles. Ich hatte sie, wenn ich mich recht erinnerte, in fast jedem Text als „ewigen Frischling“ bezeichnet. Und jetzt war offenbar aus dem Frischling Frau Wutz geworden. „Wer ist Frau Wutz?“, fragte es prompt zurück.

Bohrende Außerirdische

Einen Moment lang überlegte ich, ob ich die Geschichte von „Urmel aus dem Eis“ erzählen sollte, vermutlich würden mich die Außerirdischen dann endgültig genervt von Bord werfen, aber vielleicht würden sie dann auch mit einem Bohrer in mein Gehirn vordringen, um endlich mehr zu erfahren. Eine Weile blieb die Stimme jetzt stumm, als ob die Kreatur nicht recht wüsste, was sie tun sollte. Oder hatte ich sie so verwirrt, dass ich mich auf die Art befreien könnte? „Experte! Du verwirrst uns tatsächlich. Halte dich an Nahles!“

Tja, die Eifel hatte ich schon versucht zu erklären, wenn ich jetzt mit der SPD weitermachte, wären wir noch in zig Millionen Jahren hier zu Gange. Über Nahles hatte ich mal geschrieben, dass sie das „Maggi der SPD“ wäre. Keine Ahnung, was das damals bedeuten sollte. Und einmal hatte ich gespottet, dass „die studierte Germanistin redet, wie ein Desinfektionsmittel riecht“. Ein andermal hatte ich sie als „Königin der sozialdemokratischen Verzagtheitssprache“ verspottet und dann dafür getadelt, dass sie als „alte Tante des Jungseins“ mit einem tiefen Dekolleté in einer bayerischen Tracht zur Eröffnung des Berliner Oktoberfestes erschienen war. Als Eifelanerin!

„Aarrrgh! Aarrrgh!“ Die Stimme klang regelrecht verzweifelt. Das war es dann aber auch. Ein ungeheuer helles Licht brandete auf, und mit einem rasanten Wusch saß ich wieder in meinem Wagen. Vermutlich war ich doch nicht der Richtige, um Andrea Nahles zu erklären. Dabei waren die Außerirdischen mit ihrem Wissensdurst eigentlich ganz sympathisch. Jetzt musste wohl der wackere Spiegel-Mann Markus Feldenkirchen das demnächst erledigen. Leider hatte ich noch nicht einmal erfahren, aus welcher Eifel des Weltraums die forschenden Fremden wohl kamen. Schade!

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