Frauenproteste

Kein Rosengarten

Ihr alltäglicher Kampf ist schwerer geworden, aber Frauen wehren sich entschieden gegen die massiven Einschränkungen ihrer Rechte im Ausnahmezustand.

Frau protestiert mit leerem Topf in Istanbul

Laut, stark, entschieden: die türkische Frauenbewegung Foto: dpa

In letzter Zeit kommen Frauen verstärkt in Versammlungsräumen und Vereinen zusammen. Bei den kleinen Zusammenkünften unter der Woche nach Feierabend oder auch bei Treffen am Wochenende, wenn Teilnehmerinnen aus anderen Landesteilen dabei sind, diskutieren Frauen untereinander über die Frage: „Was tun im Ausnahmezustand?“

Frauen berichten einander von ihren Ängsten und Sorgen und davon, wie die Ereignisse in der Türkei sich auf ihr Leben auswirken. Sie hören sich die Erfahrungen der anderen an und entwickeln gemeinsame Handlungsstrategien.

Diese Treffen, bei denen man sich das „Leid von der Seele spricht“ und gemeinsam stark wird, sind gerade jetzt bitter nötig. Da kommen Frauen unterschiedlicher Berufe und diverser Herkünfte zusammen. Hört man ihnen zu, sieht man, dass die Probleme und die Kämpfe gar nicht so verschieden voneinander sind.

In der Türkei ist es mittlerweile alltäglich, dass sich das Leben der Menschen aufgrund von Dekreten von heute auf morgen verändern kann. Mit einem Dekret werden Tausende Angestellte aus dem öffentlichen Dienst entlassen und zivilgesellschaftliche Verbände geschlossen – und ihre Aktivitäten mit einem Schlag beendet. Die Verbote und Entlassungen wirken sich auf die Frauenbewegung aus. Auch ohne Ausnahmezustand hatten die Frauen zu kämpfen, jetzt umso mehr.

Unter dem Ausnahmezustand wurden zwölf Frauenverbände geschlossen. Der Frauenverein Van VAKAD, von Feministinnen gegründet und jetzt geschlossen, hatte mit der UNO, UNICEF und türkischen Ministerien gemeinsame Projekte laufen. Neben Weiterbildungen zu Themen wie den Menschenrechten der Frau, finanzieller Alphabetisierung und der Intimsphäre gegen Kindesmissbrauch kümmerte sich der Verein um die Unterstützung von Frauen, die Opfer von Gewalt geworden waren, und zwar in Van (Stadt im Osten der Türkei, Anm.d.Red.) wie auch in den umliegenden Städten.

Frauenarbeit erlitt einen herben Rückschlag

Der Frauenverband Muş kämpfte gegen Kinderehen. Der Verein Panayır (Kirmes) Bursa war nach einer Demonstration nach dem Mord an Özgecan Aslan auf Initiative von Frauen im Viertel in einer Konditorei gegründet worden. Der Kongress freier Frauen KJA war eine Art Dachorganisation für kurdische Frauen. Jeder Verein beruht auf einer Geschichte und unterhielt wichtige Projekte.

Unter dem Ausnahmezustand wurden Besitz und Unterlagen der Vereine konfisziert. Die Frauenarbeit erlitt einen herben Rückschlag, doch die Tausende Frauen, um die sich die Verbände kümmerten, stehen nicht ganz allein da. Weiterhin sind viele engagierte Frauen in Heimarbeit und über ihre Handys aktiv.

Wurde KJA (Kongress freier Frauen) geschlossen, gründete sich TJA (Bewegung freier Frauen). Der Kampf der Frauen war nie ein Rosengarten, Frauen sind Schwierigkeiten und Behinderungen ihrer Arbeit gewohnt.

Im Ausnahmezustand wurde JINHA geschlossen: die einzige von Frauen gegründete und rein mit weiblichen Reporterinnen, Redakteurinnen, Kamerafrauen betriebene Nachrichtenagentur der Türkei. Ihr Motto ist Virginia Woolfs Satz „Und wir schreiben ohne uns Gedanken darüber zu machen, was Männer dazu sagen“. Sie ergänzen: „Und wir verändern die Sprache der Medien. Nach uns werden die Medien nicht mehr sein wie zuvor.“

Erste Frauen-Nachrichtenagentur JINHA geschlossen

Die Schließung von JINHA hat in der Frauenbewegung Proteste ausgelöst. Mit der Kampagne „JINHA wird nicht schweigen“ öffneten die Aktivistinnen ihre eigenen Räume für JINHA-Reporterinnen.

JINHA ist verboten, doch die Solidarität setzt sich fort. Kurz darauf erschien die Zeitung Şûjin und verkündete: „Frauen sagten: ’Wir schreiben ohne uns Gedanken darüber zu machen, was Männer dazu sagen’. Hinter diesem Motto stehen wir und setzen die Arbeit fort.“ Bei Şûjin, das bedeutet auf Kurdisch „Sacknadel“, fahren also Frauen damit fort, „sich selbst mit der Nadel zu pieksen, die herrschenden Medien der Männer aber mit der Sacknadel“.

Per Dekret wurden 97.679 Angestellte aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Seit Monaten protestieren Frauen auf der Straße mit Plakaten: „Ich will meinen Job zurück!“ Eine von ihnen ist die Akademikerin Nuriye Gülmen, die seit dem 9. November 2016 auf der Straße ist. Am 20. Tag ihrer Aktion war sie bereits 17 Mal festgenommen worden, jedes Mal unter Schlägen. Danach habe ich die Festnahmen nicht mehr mitgezählt. Sie aber gab nicht auf. Vielmehr inspirierte sie auch andere. Die Lehrerin Acun Karadağ protestiert vor der Schule in Ankara, in der sie viele Jahre unterrichtet hat, Betül Celep in Istanbul.

Frauen beweisen, dass Protest möglich ist

Seinen Job zu verlieren, kriminalisiert zu werden, in einer Atmosphäre, da sich niemand zu protestieren traut, jeden Tag auf die Straße zu gehen und sein Recht einzufordern – das ist nicht einfach. Diese Frauen beweisen, dass es möglich ist. Sie ermutigen sich gegenseitig und werden immer mehr.

Eine Nachricht, die Betül Celep nach ihrem ersten Protesttag an feministische Newsgruppen schickte, erklärt vieles: „Zuerst sah ich die Polizisten, dann euch, die Frauen. Da lächelte ich.“

Jetzt steht die neue Verfassung auf der Agenda des Ausnahmezustands. Die Mainstream-Medien preisen sie: „Sie wird wunderbar“. Bei der geheimen Abstimmung hielten Minister ihre Ja-Stimmen in die Kameras, bei den Parlamentsdebatten darüber drangsalierten weibliche Abgeordnete der Regierungspartei Geschlechtsgenossinnen der Opposition.

Lachen als Protest: „Ha Ha Ha Hayır!“

Und die Frauen sagen Nein, sie sagen das mit einem Lachen: „Haha ha Hayır (dt.: Nein)!“ Sie sagen Nein zu der neuen Verfassung, die von Männern für Männer unter Missachtung von Frauen geschrieben wurde. Dabei versuchen sie, auch die Frauen im Parlament mit einzubeziehen:

„Jahrelang haben wir ehrenamtlich dafür gestritten, dass ihr kandidieren konntet und gewählt wurdet. Nun werft ihr achtlos die Kompetenzen hin, für die wir kämpfen mussten, damit ihr sie überhaupt bekommt. Wenn wir zu dem, was uns aufgezwungen wird, NEIN sagen können und wenn ihr uns im Parlament vertreten könnt, dann deshalb, weil Frauen seit 100 Jahren im Kampf für die Freiheit nicht klein beigegeben haben. Gebt auch ihr nicht nach!“

In der Türkei war das Leben für Frauen stets ein Kampf. Deshalb ist der feministische Widerstand nicht erloschen da es als „Verbrechen“ betrachtet wird, auf die Straße zu gehen und seine demokratischen Rechte anzuwenden, da Meinungsfreiheit bestraft wird, das Recht ausgesetzt ist und es zunehmend schwieriger wird, überhaupt noch zu atmen.

In diesen Zeiten werden Proteste bereits per Polizeieinsatz beendet, ehe die Protestierenden überhaupt auf dem Platz sind. Frauen aber führen ihre Demonstrationen und Aktionen in Beyoğlu ohne Wenn und Aber durch. An jedem 25. November (Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, Anm.d.Red.) rufen sie, ob nun Ausnahmezustand oder sonst ein Zustand herrscht, in stets wachsender Menge: „Wir schweigen nicht, wir haben keine Angst, wir gehorchen nicht!“

Denn wir Frauen wissen, wenn wir verstummen, uns ins Haus zurückziehen und isolieren, entgleiten uns unsere erstrittenen Rechte und die Möglichkeiten, Veränderungen herbeizuführen. Das zeigt unsere jahrhundertelange Erfahrung.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe

 

taz.gazete ist ein deutsch-türkischsprachiges Portal. Hier schreiben Journalist*innen aus der Türkei und der Diaspora. Das Ziel: Meinungsvielfalt stärken. Mehr: www.gazete.taz.de

Çiçek Tahaoğlu studierte an der Université Marc Bloch in Straßburg Soziologie. Zwischen 2009 und 2011 arbeitete sie für die französische Nachrichtenagentur AFP als Übersetzerin. Seit 2011 ist sie bei dem unabhängigen Nachrichtenportal bianet Redakteurin für Frauen- und LGBTI-Themen.

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