Es hat gedauert, bis der Aufstand Syriens nördliche Metropole erfasst hat. Die hiesigen Händler galten als wichtige Stütze des Assad-Regimes – bis jetzt.von Gabriela M. Keller

Die Revolution ist schlecht fürs Geschäft: Geschlossene Läden nach einem Bombenanschlag Ende Juni in Aleppo. Bild: dpa
BERLIN taz | Lange Zeit schien die nordsyrische Wirtschaftsmetropole Aleppo weitgehend isoliert von dem Aufstand, der weite Teile des Landes erfasst hat: „Viele Leute waren schon wütend auf uns, weil sie dachten, dass wir nicht hinter der Revolution stehen“, sagt Mohammed Said, ein aleppinischer Aktivist. „Dabei war es für uns nur viel schwieriger, zu protestieren, weil es hier so viele Sicherheitskräfte und Schabiha-Milizionäre gibt.“
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Zwar hat es auch in der 2,5-Millionen-Stadt Aleppo Proteste gegeben, vor allem an der Universität, doch sie kamen spät in Gang und waren schwächer als in vielen anderen Orten des Landes. Im Mai, bei den bisher größten Kundgebungen in Aleppo, sollen einige tausend Leute auf die Straße gegangen sein.
Seit Beginn der Revolte hatte Präsident Baschar al-Assad alles darangesetzt, die Situation in der 2,5-Millionen-Einwohner-Stadt ruhig zu halten. Das tat er mit aller Härte, wie ein aktueller Bericht von Amnesty International jetzt belegt: Der Report, der sich auf einen zweiwöchige Rechercheaufenthalt in Nordsyrien stützt, dokumentiert Folter, Razzien und willkürliche Verhaftungen, mit denen das Regime gegen die Opposition vorging.
Doch nun hat der Bürgerkrieg Aleppo erfasst. Seit die Rebellen der Freien Armee Syriens (FSA) vor zwei Wochen in mehrere zentrale Viertel vorgedrungen sind, greift die Gewalt immer stärker um sich. Beide Seiten haben den Kampf um Aleppo zur Entscheidungsschlacht erklärt. „Wir stehen an einem kritischen Punkt“, sagt Rami, ein Aktivist aus Aleppo, der vor wenigen Tagen in ein Dorf im Norden geflohen ist. „Wenn Assad Aleppo verliert, heißt das, dass der Zusammenbruch des Regimes begonnen hat.“
Aleppo liegt in der Nähe der Grenze zur Türkei. Die geografische Lage erklärt die große strategische Bedeutung der Stadt. Die Rebellen der FSA nutzen die Südtürkei als Rückzugsraum und bringen von dort Waffen und Munition ins Land. „Das Regime muss Aleppo schnell unter Kontrolle bringen“, sagt Ayham Kamel, Syrienexperte der Eurasia Group. „Denn wenn es den Rebellen gelingt, Aleppo zu erobern und dort politische Strukturen aufzubauen, wären sie in der Lage, das Libyen-Szenario zu wiederholen.“ Das heißt: Sie könnten eine Pufferzone schaffen, in der sich die Opposition organisieren kann, so wie sich zuvor die libyschen Rebellen in Bengasi sammelten.
Allerdings bezweifeln viele Beobachter, dass die Rebellen den regulären Streitkräften lange standhalten können. Nur eines ist sicher: Die Gefechte beschleunigen den wirtschaftlichen Niedergang Syriens. Denn Aleppo ist nicht nur das Zentrum des Handels in Syrien, sondern mit seinen vielen Textil- und Lebensmittelfabriken auch ein bedeutsamer Industriestandort.
Jetzt stehen die Aleppiner Betriebe weit gehend still, auch die meisten Geschäfte haben geschlossen. „Wenn die Wirtschaft schrumpft, fehlen dem Regime die Mittel, den Lebensstandard der Menschen aufrechtzuerhalten“, sagt der Wirtschaftsanalyst Samir Seifan, ein früherer Regierungsberater, der jetzt in Dubai lebt. Die Folge ist ein Verlust von Legitimität: „Das Regime hat sich die Loyalität der Eliten gesichert, indem sie ihnen Privilegien verschafft hat. Jetzt kann es dieses System immer weniger aufrechterhalten.“
„Die Revolution ist schlecht fürs Geschäft“, sagt Rami, der Aktivist aus Aleppo. „Deswegen standen die Händler bislang hinter Assad. Manche haben sogar Schabiha bezahlt, damit sie ihre Fabriken beschützen.“ Die Schabiha sind Assad-treue Milizen.
Allmählich zeichnet sich ein Wandel in der Haltung der Geschäftsleute ab, die nicht nur unter den internationalen Sanktionen leiden, sondern auch unter der Gewalt im Lande, die das Wirtschaftsleben behindert. Zudem gab es zuletzt immer wieder Brandanschläge auf Betriebe, deren Inhaber als regimetreu gelten. „Die Mehrheit der Händler hatte Angst vor einem Umbruch“, sagt Samir Seifen. „Jetzt aber kalkulieren ihre Interessen neu, denn sie haben erkannt, dass das Regime ihnen nicht mehr die Stabilität verschaffen kann, die sie für ihre Geschäfte brauchen.“
Doch gerade weil die friedlichen Proteste in Aleppo nie eine kritische Masse erreicht haben, ist unklar, inwieweit die Bevölkerung hinter dem bewaffneten Aufstand steht. Die Mehrheit der FSA-Kämpfer ist aus anderen Orten in die Stadt gekommen, aus dem Umland oder aus der nahe gelegenen Provinz Idlib. „Aleppo selbst hat sich dem Aufstand nicht angeschlossen“, sagt David Schenker, Leiter des Programms für Arabische Studien am Washington Institute For Near East Policy. „Eine Menge Leute stehen derzeit am Rand des Konflikts und warten ab, welche Seite die Oberhand gewinnen wird.“
Allerdings sind Repressionen und wirtschaftliche Interessen nicht die einzigen Gründe, warum Aleppo so lange ruhig geblieben ist: In der Stadt leben die verschiedensten Ethnien und Konfessionen zusammen: 10 Prozent der Bevölkerung sind Christen, 20 Prozent Kurden
Die Minderheiten haben sich überwiegend aus dem Konflikt herausgehalten. Sie fürchten den zunehmenden Einfluss islamistischer Strömungen unter den Rebellen. So haben die Kämpfe noch nicht auf die christlichen Mittelklasseviertel im Westen übergegriffen. „Es ist seltsam, die Leute sitzen in den Cafés und rauchen Wasserpfeife, als wenn nichts passiert wäre“, sagt ein christlicher Künstler in dem wohlhabenden Viertel Jedideh. Viele von ihnen hätten den Eindruck, dass der Krieg von außen in ihre Stadt getragen wurde. Nun wächst bei den Minderheiten die Angst, zwischen die Fronten zu geraten: „Wir haben keine Ahnung, wer diese Leute sind, die wir jetzt auf der Straße sehen. Selbst meine muslimischen Freunde machen sich große Sorgen.“
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Seit Frühjahr 2011 demonstrieren in Syrien tausende Menschen in Syrien für einen Machtwechsel. Präsident Baschar al-Assad lässt hart zurückschlagen – laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in Großbritannien sind seit Beginn des Aufstandes 32.000 Menschen getötet worden.
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