Kolumne Der rote Faden

Bloß keine Kritik

Wer sich um Regeln schert, hat von Macht nichts verstanden. Macht bekommt man nicht, die nimmt man sich. Ob im Netz oder auf dem Landweg.

ein kleiner, scharzer Mops

Macht nicht immer ausreizen, bis einer weint Foto: Unsplash/ Charles

Mit der Macht ist es doch komisch. Hie und da gewinnt man mal ein Fitzelchen davon, aber dann gibt es meistens einen (historisch gesehen ist’s eigentlich nie eine Frau), der einem zeigt, wer hier der stärkste Wladi vom Wadi ist. So wie es gerade Putin mit Wolodimir Se­lenski macht. Selenski, gerade noch Komiker – oder Stand-upper, wie man jetzt ja sagt –, ist mit rauschhaften 73 Prozent Präsident der Ukraine geworden. Und dabei war der Mann nicht mal mit harten Parolen und markiger Agenda angetreten. Im Gegenteil scheint er auf echten Dialog zu setzen, wollte den Menschen in den besetzten Gebieten der Ostukraine entgegenkommen, finanziell und kulturell. Kurz, viele, auch in Europa, hatten zarte Hoffnung auf eine wie auch immer geartete Versöhnung.

Pech.

Wer sich auf so einen Pussykram einlässt, kann seine Macht schneller vergessen als Oma Erna ihre Pillen. Und so hat Putin einfach schnell ein Gesetz unterschrieben, das den Menschen in der besetzten Ostukraine schnellen und unkomplizierten Zugang zu russischen Pässen ermöglicht. (Ein super Konzept, ehrlich. Weltweit sollten viel mehr Pässe an Menschen verteilt werden, an jeden, so viele er will. Denke aber, das ist es nicht, was Putin vorschwebt.)

Wie, ist gegen die Regeln? Schätzeleins, wer sich um Regeln schert, hat von Macht nichts verstanden. Macht bekommt man nicht, die nimmt man sich. Braucht man natürlich eine gewisse Chuzpe für. Die fehlt leider zu vielen. Mir auch. Facebook weiß das, deshalb empfiehlt es mir neuerdings ständig ein Buch mit dem schönen Titel „Am Arsch vorbei geht auch ein Weg“.

Leute nicht leichtfertig als lustig bezeichnen

Das mag sein, ich hab nur so selten Zeit, da hinten mal nachzusehen. Kann sein, dass da ’ne ganze Autobahn entlangführt. Solange es vorne, vor meinen Augen, ständig flimmert und blinkt, kann ich mich darum nicht auch noch kümmern. Es gibt ja noch so viel mehr Machtfragen zu klären, nicht alle führen über den Landweg. Manche auch über Twitter.

Da läuft zum Beispiel gerade die Frage die Timeline rauf und runter, wer wen wie nennen darf. „Komikerin“ etwa ist gemein. Das wollen wir nicht mehr sagen. Ich finde das gut, Leute nicht mehr leichtfertig als lustig zu bezeichnen. Sind sie ja meistens nicht.

Klar, jeder, auch die Stand-upperin Enissa Amani, soll selbst bestimmen dürfen, wie man sie nennt. Manches, Despektierliches, verbietet sich von selbst, das muss man nicht dazu sagen. „Nutte“ etwa, von denen spricht Amani wiederum ganz gerne. Nutten sind zwar hübsch, und jeder wünscht sich welche, aber niemand ist eine.

Wenn also Enissa Amani aufsteht und sagt, sie will verdammt noch mal nicht mehr Komikerin genannt werden, und dann die Journalistin Anja Rützel eine sehr lustige Kritik über diesen Fernsehaufstand schreibt, in der sie Amani Komikerin nennt, ist das dann schon quasiputineske Übergriffigkeit? Haha, der war gut.

Ein bisschen verbale Chuzpe macht noch keinen zum Autokraten. Was Rützel macht und Amani empört, ist nichts als der normale Dialog zwischen Künstler und Kritiker. Der findet nicht statt, wenn der eine zur Nutte des anderen wird und statt Artikeln mit eigenen Gedanken nur noch Flausch und Liebe schickt. Der Witz ist ja, dass man jemanden, um ihn auf den Arm zu nehmen, ernster nehmen muss, als um ihn zu loben. Loben kann man auch aus blinder Begeisterung oder achtloser Gleichgültigkeit heraus. Letzteres wird oft bei Kindern angewandt: Jaja, schön, wie du da up-gestandet bist. Hauptsache, es weint nicht.

Samuel Salzborn, Antisemitismusforscher

„Man muss sich beinahe rechtfertigen, wenn man jemanden für antisemitische Äußerungen kritisiert“

Apropos nicht weinen, apropos bitte, bloß keine Kritik. In der Doku von Michel Friedman für Welt/N24 über den neuen, alten Antisemitismus in Deutschland fällt der interessante Satz, dass inzwischen Antisemitismusdebatten nicht mehr über den Inhalt, sondern – verniedlicht – über den Antisemitismusvorwurf geführt werden. Es geht also immer weniger um die arschlochhaften Äußerungen, die jemand macht, und immer mehr um das Mimimi wegen der Kritik daran. „Man muss sich beinahe rechtfertigen, wenn man jemanden für antisemitische Äußerungen kritisiert“, sagt Friedmans Interviewpartner Samuel Salzborn.

Das macht natürlich echt Hoffnung: Ein Land voll hyperindividualisierter Schneeflocken, jede einzelne über jede Kritik erhaben. Tut ja schließlich weh, so Kritik. Deshalb zum Schluss noch was richtig Schmerzhaftes: In Friedmans Doku geht es erst lange um den Antisemitismus von rechts, dann noch kurz um den islamistischen. Der von links (nicht so gewalttätig, dafür aber halt so gut anschlussfähig, ist ja schließlich nur Israelkritik) – uups! –, der wurde wohl am Ende vergessen. Und das, obwohl die Zeile von Rapper Ben Salomo die ganzen 38 Minuten des Beitrags durchzieht: „Ich fühl mich eingeklemmt, von radikalen Kräften rechts und links.“

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben