Kommentar #MeTwo

Mehr als nur ein weiterer Hashtag

Über #MeToo wird nach bald einem Jahr noch immer gestritten. #MeTwo könnte der nächste Hashtag sein, der einen Nerv trifft und lange nachhallt.

Ein Schattenriss von drei Menschen, die Smartphones in der Hand halten, vor einer Wand mit dem Twitter-Logo

Einfach mal aufmerksam lesen, statt gleich dagegenzuschreiben: #MeTwo zeigt Rassismus im Alltag Foto: reuters

Kann eine Revolution mit einem Hashtag starten? Revolution ist ein sehr großes Wort, die meisten Hashtags sind schnell vergessen. Und doch sind wichtige Diskussionen aus den unscheinbaren Rauten entstanden: Über #MeToo wird nach bald einem Jahr seit Entstehung noch immer gestritten. Der Hashtag #MeTwo könnte der nächste sein, der einen Nerv trifft und lange nachhallt.

Den Menschen, die unter #MeTwo ihre Geschichten teilen, ist lange klar: Deutschland hat ein Rassismusproblem – und das nicht erst seit der Debatte über Mesut Özils Rücktritt aus der Fußballnationalmannschaft. Trotzdem scheinen viele überrascht und fühlen sich zu Unrecht beschuldigt. Rassismus in Deutschland? Gibt es nicht.

Wenn der jüngste Diskurs um Özil eines gezeigt hat, dann ist es diese schmerzliche Unfähigkeit, in einer emotional aufgeheizten Debatte einen Schritt zurückzutreten, zu differenzieren und einfach mal zuzuhören.

Dass über Alltagsrassismus in Deutschland öffentlich gesprochen wird, ist absolut überfällig. Noch überfälliger ist allerdings eine Grundhaltung, die Selbstreflexion und Selbstkritik zulässt. Die nicht sofort abblockt, wenn das Wort Rassismus fällt. Eine Grundhaltung, die erlaubt, dass wir uns hinterfragen und von denen hinterfragen lassen, die Deutschland nicht als weltoffen und freiheitlich erleben. Die Privilegierten sind gewohnt, einen geschützten Platz für Stimme und Person vorzufinden. Wer privilegiert ist, muss nicht zwingend lernen, ernsthaft zuzuhören.

Es ist zum Schreien

Die Erfahrungen der von Rassismus und Diskriminierung betroffenen Menschen sind kein Angriff auf eine angeblich intakte deutsche Gesellschaft. Sie zeigen, dass es längst eine krasse Diskrepanz gibt zwischen dem Deutschland der Weißen und dem Deutschland der als migrantisch, also in irgendeiner Form als fremd markierten Menschen in diesem Land.

#MeTwo ist keine Revolution, aber doch mehr als ein weiterer Hashtag. Denn Tausende von Beiträgen über Rassismuserfahrungen in Deutschland öffnen einen Raum, in dem die Anklage endlich das Wort hat. Hier darf gefälligst auch mal geschrien werden, weil es zum Schreien ist, dass bei allem Gerede um Integration und Vielfalt bis heute der Wille fehlt einzusehen, dass Deutschsein nichts mit Geburtsort oder Aussehen zu tun hat.

Die Tweets unter #MeTwo zu lesen macht betroffen, wütend, macht vielleicht auch Angst. Aber das Lesen spaltet nicht – wie KritikerInnen gern behaupten, um den Diskurs zu drehen. Es kittet, wenn wir es endlich richtig machen.

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Jahrgang 1990, seit April 2018 Volontärin bei der taz. Studierte Asien- und Afrikawissenschaften sowie Stadtforschung in Berlin und ist Redakteurin beim deutsch-chinesischen Onlinemagazin sinonerds. Interessiert sich besonders für Fragen rund um Heimat, Identität und Digitales.

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