Für die Bevölkerung im Gebiet der ostkongolesischen Rebellen M23 wird die Lage immer prekärer. Im Virunga-Nationalpark ist man über UN-Luftangriffe besorgt.von Simone Schlindwein

Wegen der Kämpfe sind 200.000 Menschen geflohen. Bild: reuters
GOMA taz | In kleinen Gruppen, mit Koffern und Rucksäcken bepackt, marschieren junge Männer die staubige Straße entlang. Sie flüchten aus den von der M23-Rebellenbewegung kontrollierten Dörfern die Straße entlang, die aus Rutshuru nach Goma führt, Hauptstadt der Provinz Nord-Kivu im Ostkongo.
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„Sonst werden wir gezwungen, für die Rebellen zu kämpfen“, sagt ein junger Mann aus Rugari, das von der M23 (Bewegung des 23. März) eingenommen worden ist. „Sie umzingeln die Dörfer, gehen von Haus zu Haus. Jeder Junge im kampffähigen Alter muss mit ihnen mitgehen.“ Mehr will er nicht sagen, nicht einmal seinen Namen.
Rugari, Bukima, Rumangabo, Ngugu – lauter kleine Siedlungen auf den Hügeln nahe der kongolesisch-ruandischen Grenze, die nun unter Kontrolle der M23 stehen, knapp 30 Kilometer von der Millionenstadt Goma entfernt. Schwerbewaffnet mit Kalschnikows und Panzerfäusten stiefeln die Rebellen durch die matschigen Straßen. In allen Dörfern berichten die Einwohner dasselbe wie der junge Mann aus Rugari – leise flüsternd, hinter vorgehaltener Hand. Niemand will laut etwas Schlechtes über die neuen Herren sagen.
Rumangabo beherbergte einst Ostkongos größte Militärakademie, auf einem Hügel oberhalb der Straße rund 30 Kilometer nördlich von Goma. Jetzt hat sich dort die M23 einquartiert. Lkws voller Uniformierter fahren die schmale Piste hinauf, dahinter folgt ein Lkw mit jungen Männern in T-Shirts auf der Laderampe – vermutlich junge Rekruten.
Bis vor wenigen Tagen bombardierten Hubschrauber der UN-Mission im Kongo (Monusco) und Kongos Armee (FARDC) regelmäßig die M23-Stellungen rund um Rumangabo, Rugari, Bukima und Ngugu. Berichte, dass dabei Zivilisten getötet oder verletzt wurden, lassen sich vor Ort nicht bestätigen.
Anwohner berichten von einem Opfer, dessen Arme von einer Bombe zerfetzt wurden. Die UNO erklärt, das Opfer sei ein M23-Kämpfer gewesen. Die M23-Miliz gibt an, das Opfer sei ein Zivilist. Augenzeugen zu finden, ist schwer, denn sobald die Hubschrauber sich nähern, flüchten die Leute. Niemand kann hinterher genau sagen, was passiert ist.
„Die Bomben schaden uns nicht“, sagt M23-Sprecher Oberst Vienney Kazarama zur taz. Die UN-Geschosse fallen zumeist in den Virunga-Nationionalpark , der wenige Kilometer jenseits der Dörfer beginnt. „Sie schaden den Wildtieren“, schimpft Park-Direktor Emmanuel de Merode. „Wir haben keinen Zugang zu den Gebiet, wo die Berggorillas leben.“ Wie es um die seltenen gefährdeten Tiere bestellt sei, könne er derzeit nicht sagen. Die M23-Führung sagt, sie nehme Rücksicht auf die Tiere.
In den vergangenen Tagen sind die Kämpfe abgeflaut. Kongos Armee hat sich rund um Goma verschanzt. Weiter draußen kann die M23 ungestört Richtung Westen marschieren. Nordwestlich der Distrikthauptstadt Rutshuru klettern sie bei Tongo in die Masisi-Berge hinauf. Ihr mutmaßliches Ziel: die Stadt Kitchanga, aus welcher viele M23-Kämpfer stammen.
Die M23 streitet dies ab, erklärt jedoch, dass sie mit dem am vergangenen Wochenende in Addis Abeba unterzeichneten Abkommen zwischen Kongos Präsident Joseph Kabila und Ruandas Präsident Paul Kagame nicht einverstanden sei. Die beiden Präsidenten vereinbarten, die M23 sowie die FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas) im Kongo mit einer internationalen Eingreiftruppe bekämpfen zu wollen.
Bisher wurde die M23 von Ruanda unterstützt – nun scheint Ruanda seine Position zu verändern. So verändert sich jetzt auch die Politik der M23: Sie etabliert sich als Sammelbecken sämtlicher Milizen in den Kivu-Provinzen sowie in Ituri.
Sie integriert demobilisierte Ex-FDLR-Kommandeure und schließt Allianzen mit lokalen ethnischen Milizen, die im Kongo „Mayi-Mayi“ heißen – zum Beispiel Kommandeur Cheka im Urwalddistrikt Walikale im Westen von Nord-Kivu, dessen Hauptstadt diese Woche kurz unter seine Kontrolle fiel. Die M23-Führung selbst besteht hauptsächlich aus ehemaligen Tutsi-Kommandeuren der CNDP (Nationalkongress zur Verteidigung des Volkes).
Kitchanga rund 60 Kilometer von Goma entfernt war bis 2009, als die CNDP-Rebellion sich in die Armee integrierte, ihre Hauptstadt. Bis heute sind die Armeeeinheiten in Kitchanga Ex-CNDP-Truppen. „Die M23 hat unsere Stadt schon lange infiltriert“, berichtet Edmond Lwanda von der Stadtverwaltung.
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