Krieg im Kongo

Schulbeginn an der Frontlinie

Im Kongo beginnt das neue Schuljahr. Auch im Kriegsgebiet, wo manche Schulen geplündert wurden und andere jetzt voller Flüchtlinge sind.

Die Kinder in Kibumba wollen wieder zur Schule gehen.  Bild: Simone Schlindwein

OSTKONGO taz | Jackson Semagori trägt schon seine Schuluniform: blaue Hosen und weißes Hemd. Der 15-Jährige sitzt im Innenhof seiner Schule auf einem Stein und blättert durch sein Mathematikheft. Um ihn herum spielen jüngere Kinder. Sie alle sind heute gekommen, um sich für das nächste Schuljahr anzumelden. „Ich hoffe, dass der Unterricht nächste Woche wieder anfängt – wenn es die Sicherheit erlaubt“, nuschelt Jackson schüchtern.

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Jacksons Schule steht hoch oben auf einem Hügel im Dorf Kibumba, in der Provinz Nord-Kivu im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Soldaten stapfen in Gummistiefeln durch die staubigen Straßen. Jenseits von Kibumba, auf dem nächsten Hügel, haben Rebellen Stellung bezogen. Kibumba liegt direkt an der Frontlinie zwischen den Regierungstruppen und der Rebellenarmee M23 (Bewegung des 23. März), die von desertierten Tutsi-Offizieren geführt wird. Seit vier Wochen herrscht zwar Waffenruhe. Doch jeden Tag können die Kämpfe wieder ausbrechen.

Als Schuldirektor Innocent Ruhima den Schulhof betritt, grüßt er Jackson und die anderen Schüler mit einem Lächeln: „Schön, dass ihr zurückgekommen seid“, sagt er.

Von den rund 74 Millionen Einwohnern der Demokratischen Republik Kongo sind fast 45 Prozent jünger als 14 Jahre alt. Zwei Drittel der Jungs und die Hälfte der Mädchen gehen zur Schule. Nach UN-Angaben können ein Drittel der erwachsenen Kongolesen nicht lesen und schreiben.

Im Prinzip ist Grundschulbildung im Kongo kostenlos. Tatsächlich werden Schulen zumeist von den Eltern mitfinanziert, von Lehrmitteln über Schuluniformen bis hin zur Aufstockung der lächerlichen staatlichen Lehrergehälter.

Kinder werden von Schulen nur aufgenommen, wenn die Zahlung erfolgt ist. In wohlhabenden Vierteln der Hauptstadt Kinshasa kann das mehrere hundert US-Dollar bedeuten. In armen Gegenden auch wenige US-Dollar für kinderreiche Familien schwer zu tragen - sie haben oft nicht einmal einen Dollar Einkünfte pro Tag.

Mangels Investitionen in Lehrerausbildung und Schulgebäuden in den letzten 20 Jahren lässt die Qualität der Schulbildung stark zu wünschen übrig. Vielerorts werden Noten und Prüfungsergebnisse einfach verkauft.

Traumatisierte Kinder

Bis vor wenigen Tagen lebten diese Menschen in einem Flüchtlingslager nahe der Provinzhauptstadt Goma, 30 Kilometer südlich. Auch Direktor Ruhima war bei Ausbruch der Kämpfe Mitte Juli geflohen, erzählt er. Jetzt sei er zurück, um die Schule zu eröffnen, denn immerhin seien einige seiner Schüler auch wieder da. „Für die Kinder ist es wichtig, dass sie wieder beschäftigt werden“, sagt er. „Der Krieg und die Flucht haben viele traumatisiert.“

Ab nächsten Montag soll hier also wieder normaler Schulalltag herrschen. Das wird nicht einfach. Normalerweise zahlen die Eltern für jedes Kind 10 US-Dollar Schulgebühren pro Trimester, dazu 7 Dollar Unterhaltskosten. Normalerweise bekommen die Lehrer vom Staat 60 US-Dollar Gehalt pro Monat.

Aber in der Schule von Kibumba ist nichts normal. Die Türen zu den Klassenräumen hängen schräg in den Angeln. Sie wurden aufgebrochen. Ruhima blickt sich um und seufzt. „Sie haben alles mitgenommen, die Tische, die Stühle, sogar die Tafel“, schüttelt er den Kopf. „Wie sollen wir so die Kinder unterrichten?“

Knapp 30 Kilometer südlich von Kibumba liegt am Stadtrand von Goma das Dorf Kibati, direkt unterhalb des aktiven Vulkans Nyiragongo. Zwischen Marktplatz und Grundschule stehen tausende Flüchtlingszelte auf kantigen Lavasteinen. Frauen kochen auf Lagerfeuern die wenigen Nahrungsmittel, die sie irgendwie beschaffen können. Kinder in zerrissenen schmutzigen T-Shirts spielen barfuß im grauschwarzen Lavastaub. Babys weinen, Großmütter hocken erschöpft zwischen den wenigen Habseligkeiten, die die Vertriebenen bei der Flucht aus ihren Heimatdörfern mitnehmen konnten. Nur alle zehn Tage schafft das UN-Welternährungsprogramm WFP Lebensmittel herbei, die dann nur für ein paar Tage ausreichen.

Mami Nirere kniet über ihrem Kochtopf. Die 25-jährige Mutter von fünf Kindern rührt einen Maisbrei mit viel Wasser an, fast so dünn wie Suppe. Ihre Kinder zanken um einen Maiskolben. Nirere weist sie zurecht. „Sie haben Hunger und sind gelangweilt, deswegen sind sie so grantig“, klagt sie. Nirere floh mit ihren Kindern vor zwei Monaten aus der Bezirkshauptstadt Rutshuru 70 Kilometer nördlich, nachdem die M23-Rebellen einrückten. Ihr Mann sei zwangsrekrutiert worden, berichtet sie. Sie habe nie mehr von ihm gehört. Zurück will sie nicht. „Auch wenn das Schuljahr jetzt anfängt, bleiben wir lieber hier – ich habe derzeit sowieso kein Geld für die Schulgebühren“, sagt sie leise und zeigt in Richtung der Grundschule von Kibati: „Vielleicht können meine Jungen ja hier in die Schule gehen.“

Überfüllte Schulen

Das Flüchtlingslager von Kibati beherbergt mittlerweile über 50.000 Menschen. Auch in der hölzernen Grundschule nebenan haben sich die Vertriebenen eingenistet: Hunderte Männer, Frauen, Kinder und Alte schlafen dicht gedrängt in den Klassenzimmern auf Bastmatten oder auf dem blanken Boden. Schuldirektor Aimable Maombi hetzt im Schulhof umher und versucht Ordnung zu schaffen. Am Telefon verhandelt er mit dem UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) und dem UN-Kinderhilfswerk (Unicef): „Wir brauchen dringend mehr Zelte, damit die Leute die Klassenzimmer räumen“, sagt er, etwas verzweifelt.

Rund 300 Schüler hatte Maombi im vergangenen Schuljahr. Jetzt erwartet er einen Ansturm. Die französische Nichtregierungsorganisation Solidarité hatte Ende Juli im Flüchtlingslager von Kibati alle Kinder unter 18 Jahren registriert: rund 30.000. „So viele können wir niemals unterrichten“, schüttelt Direktor Maombi den Kopf und versucht erneut Nord-Kivus Bildungsministerin Adèle Basisane anzurufen. Sie geht nicht ans Telefon. Maombi flucht: „Seit Tagen versuche ich sie zu erreichen, und sie geht nie ran“, sagt er.

Basisanes Gegenstück auf Rebellenseite sitzt 120 Kilometer weiter nördlich in der Handelsstadt Bunagana an der ugandischen Grenze, wo die M23 ihre provisorische „Regierung“ eingerichtet hat. Ali Musagara ist der frischgebackene M23-„Minister“ für Jugend, Sport und Bildung. Der gewaltige Mann sitzt mit sechs Telefonen in einem Restaurant und trinkt Limonade.

Stolz überreicht er seine frisch gedruckte Visitenkarte mit M23-Logo. Eine Webseite für die M23-Jugend ist schon eingerichtet, eine Facebookseite ebenfalls. Musagara führt das alles auf seinem Smartphone vor. „Die junge Generation ist für unsere Bewegung sehr wichtig,“ sagt er.

Bunagana war Anfang Juli die erste Stadt, die die M23-Rebellen einnahmen, als sie begannen, im Ostkongo vorzurücken. Die meisten Bewohner flohen damals über die nahe Grenze nach Uganda. Inzwischen sind die meisten zurück. Die M23 rechnet damit, dass 80 Prozent der Schulkinder nächste Woche wieder zum Unterricht kommen. Minister Musagara sagt, er werde alles tun, damit das Schuljahr im M23-Gebiet pünktlich beginnt. „Wir erheben jetzt Steuern und werden von diesen auch die Lehrer und Schuldirektoren bezahlen.“

Verwüstete Klassenzimmer

Es wird noch viel anderes zu tun geben. In einem Klassenzimmer der Grundschule wühlen sich einige Jungen durch zurückgelassene Armeeausrüstung: Kondompackungen, Uniformen, Helme, Kochgeschirr. Ein paar leere Patronenhülsen liegen im Sand. Bevor die Soldaten der Regierungsarmee aus Bunagana flohen, hatten sie sich in der Grundschule einquartiert. Zwei Klassenzimmer dienten als Waffendepot: Mörser, Granaten, Munitionsgürtel, Raketenwerfer, Maschinenpistolen – alles lag kreuz und quer herum, als die taz einen Tag nach der Eroberung Bunaganas durch die Rebellen die Grundschule besuchte.

Inzwischen haben die M23-Kämpfer die Waffen und Munitionskisten weggeräumt. Holzbänke und Tische sind in einer Ecke gestapelt. Vizedirektor Innocent Sebarimba kommt angelaufen. Unter dem Arm trägt er blaues Papier: die Zeugnisse, die er aufgrund des Krieges zum Ende des Schuljahres 2011/12 nicht aushändigen konnte. Immerhin, Ende Juni hatten die Rebellen eine einwöchige Feuerpause ausgerufen, damit die Schüler ihre Abschlussprüfungen ablegen konnten. „Das hat dazu geführt, dass die Kinder ihr Schuljahr ordentlich beenden konnten“, sagt Sebarimba.

Für das neue Schuljahr ist der Vizedirektor zuversichtlich. Sein Hauptproblem sei die Bezahlung: „Wir sind ja eine staatliche Schule, aber wir wissen nicht, ob der Staat weiter unsere Gehälter bezahlt“, sagt er. „Wir befinden uns ja im Rebellengebiet.“ Zur M23 hat er noch keinen Kontakt aufgenommen.

 

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