Lech

Geläuterter Massenski

Der Arlberg ist verkehrsmäßig die Hölle. Dabei fahren wir in das Reich der Fußgänger und Skifahrer

Weißer Ring Liftstation  Bild: Alex Kaiser/Lech Zürs Tourismus

Natürlich ahnen wir Schlimmes: Das Skigebiet von Lech, unser Ferienziel, ist soeben als besonders umweltfreundlich ausgezeichnet worden. Wie aber soll das möglich sein bei den Massen an Skifahren, die ins Tal strömen? Unser Quartier liegt in Oberlech. Per Kabinenbahn geht es hinauf, das Gepäck haben wir einfach abgegeben, es wird per Lastengondel hinaufgeschafft und oben in einem unterirdischen Verbindungsgang direkt in unser Hotel gebracht. Fein! Kein Auto weit und breit. Noch besser! In weniger als fünf Minuten hat uns die Seilbahn in ein Reich der Fußgänger, Rodler und Skifahrer katapultiert. Fast sind wir erschrocken über die plötzliche Ruhe.

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Lech-Zürs ist nicht nur für die Weitläufigkeit seines Skigebiets bekannt, sondern auch für eine beispiellose Maßnahme: Sobald 14.000 Wintersportler die Zugangsschranken passiert haben, werden keine Tageskarten mehr verkauft. Leisten kann man sich diese freiwillige Selbstbeschränkung, weil Tagestouristen nur eine Nebenrolle spielen. In Lech findet die Wertschöpfung noch ganz traditionell in der Beherbungsbranche und in der Gastronomie statt. So wird der Übernachtungsgast an schönen Tagen nicht von der Welle der Tagestouristen überrollt, von denen sich die Bergbahngesellschaften überall sonst die Kassen füllen lassen.

Erstaunlich weitsichtig waren die Lecher auch in Sachen Bebauungspolitik: Hochhausklötze gibt es ebenso wenig wie gesichtslose Appartementsilos. Ein kategorisches Verbot von Zweitwohnungen hat der Zersiedelung rechtzeitig Einhalt geboten. So kürte die Entente Florale die einstige Walsersiedlung vor wenigen Jahren zum "schönstes Dorf Europas", was einem nun doch ziemlich schmeichelhaft erscheint. Wenn damit aber nicht ein dörfliches Idyll gemeint sein soll, sondern die gelungene Schadensbegrenzung einer boomenden Wintersportdestination, so ist diese Auszeichnung mehr als berechtigt.

Der typische Lech-Gast ist nach wie vor der passionierte Skifahrer. Kaum einer kehrt nach Hause zurück, ohne mindestens einmal den legendären "Weißen Ring" abgefahren zu haben. Die spektakuläre Runde beginnt mit der Auffahrt zum Rüfikopf, auf dessen Rückseite man talwärts schwingt, um sich dort von Lift zu Lift weiter zu hangeln. Am Ende dieser zweiundzwanzig Kilometer langen Skisafari hat man 5.500 Höhenmeter und vier Bergzüge überwunden, ist in mehrere Seitentäler abgefahren und hat dabei Lech weiträumig umkreist. Statt auf hoffnungslos überfüllten Tummelplätzen carven wir immer wieder auf schmaler Piste durch herrlich unerschlossenes Terrain. Dass die Lecher Bergwelt nicht zum großflächigen Freizeitpark planiert wurde, wissen die zahllosen Stammgäste zu würdigen.

Lech am Arlberg  Bild: dpa

In Oberlech finden wir nach 23 Uhr ein offenes Lokal. Die reichste Feriengemeinde Österreichs ist nun mal eine Art Anti-Sölden, ein Wintersportplatz, in dem das Ski- und Snowboardfahren nicht als Vorwand für ganz andere Urlaubsvergnügungen dient. Lech bietet den sympathischen Kontrapunkt zur Ballermannisierung des Wintersports, für die Österreich zum Synonym geworden ist. Wer seine Schwünge zwischen Valluga und Mohnenfluh zieht, kann das alpine Skifahren noch für ein Kulturprodukt halten - für ein unschuldiges Freizeitvergnügen, das noch nicht in den Abgründen der Spaßgesellschaft versunken ist. Andererseits ist auch in Lech das 21. Jahrhundert angekommen.

Zwei Drittel der Pistenflächen werden künstlich beschneit und statt von rustikalen Zweiersesseln der älteren Generation wird man von superschnellen Vierern und Sechsern mit Windschutzhaube den Berg hinaufgeschaufelt. Absurder Komforthöhepunkt ist die hie und da vorhandene Sitzheizung - reiner Zynismus, wenn man an den Klimawandel denkt.

Und doch ist Lech in Sachen "Ökologie" der Konkurrenz weit voraus. Als einziges Skiunternehmen Österreichs legen die Skilifte Lech seit 1999 immer wieder detaillierte Umweltberichte vor. Sie dokumentieren, dass man beim technischen Umweltschutz alle Register zieht. Folgerichtig hat das Unternehmen nun den erstmals ausgeschriebenen Umweltpreis der Stiftung "Pro natura - pro ski" bekommen. Gelobt wurden vor allem der Wille zur Transparenz und das Management einer hohen Anzahl von Skifahrern in einem kompakten Gebiet. Die Juroren legten indes auch den Finger in eine offene Wunde: die mangelnde Einbindung von Natur- und Umweltorganisationen. Für deren Blickwinkel hat Geschäftsführer Michael Manhart wenig Verständnis. "Wir gehen so schonend mit unserer Natur um, dass die Journalisten im Sommer immer wieder ungläubig fragen, wo denn hier im Winter eigentlich Ski gefahren wird", sagt er mit einem Selbstbewusstsein, das alle kritische Rückfragen im Keim ersticken lässt.

Skiclub Arlberg  Bild: Lech Zürs Tourismus

Vom Expansionsideen mag man sich allerdings noch nicht verabschieden: "Unser Skigebiet schrumpft relativ, weil überall sonst sich die großen Skigebieten zu noch größeren zusammenschließen", sagt Manhart mit besorgter Miene. Deshalb brauche man die Verbindungen nach St. Anton und dem nahen Warth, das im Winter nicht einmal mit dem Auto erreichbar ist. In dieser Hinsicht redet er trotz Sorge um die Natur der Wachstumslogik das Wort.

Allgemeine Information: Lech Zürs Tourismus, Dorf 2, A-6764 Lech am Arlberg, info@lech-zuers.at, Tel.: (00 43) (0) 5 58 32 16 10, www.lech-zuers.at

Bahnanreise über Ulm, Lindau, Bregenz und Feldkirch nach Langen am Arlberg, von dort regelmäßige Taxi- und Busverbindung, Transferdauer ca. 20 Minuten - Onlinereservierung unter www.taxi-lech.at oder www.taxi-zuers.com. Für die Anreise mit der Bahn nach Langen gibt es in vielen europäischen Ländern spezielle Spartarife.

Autoanreise: Autobahnen in Österreich sind mautpflichtig. Vignetten erhalten Sie auch an den Grenzübergängen.

Übernachtungstipp: Hotel Burgwald, Oberlech 151, Tel.: (00 43) 55 83 23 10, Fax: (00 43) 5 58 33 21 66, www.hotelburgwald.com. Nebensaison ab 92 Euro pro Person/Tag; Hauptsaison ab 146 Euro inkl. HP. Frühstückspension Alwin in Zug, Tel. (00 43) 55 83 30 93 00, Fax (00 43) 5 58 33 09 30 30, www.alwin.at, ab 50 Euro

Paralysiert vom Kerngeschäft Skifahren hatte man auch den Trend zum Winterwandern lange Zeit verschlafen. Nach Gästebefragung ist jedoch klar geworden, welch hohen Stellenwert die sanften Wintervergnügungen heute hat. Mit der ortsüblichen Professionalität ersteht nun ein Winterwanderweg nach dem anderen, im nächsten Jahr soll auch die ärgerliche Lücke zwischen Kriegeralp und Balmalp geschlossen werden. In Richtung Warth wird seit dieser Saison eine Runde zur weltfernen Geißbühelalp gespurt, die ganz sicher zu den schönsten Winterwanderwegen Österreichs gehört.

Klar, dass angesichts des Riesenerfolgs dieses Angebots mancher Hotelier am Sinn der Skigebietserweiterung zu zweifeln beginnt. Wie immer angepasst man den geplanten Verbindungslift nach Warth auch bauen würde, die Beschaulichkeit des Auenfelds wäre dahin. Und ein vergleichbares Landschaftsidyll gibt es in ganz Lech nicht mehr. Zudem hätte man nun eine Einfallschneise für die Massentouristen geschaffen, die man draußen halten will. Ein Imageschaden, von dem sich die Qualitätsdestination kaum erholen würde. Womöglich wird aber doch noch die Notbremse gezogen. Schließlich hat sich Lech das ehrgeizige Ziel gesetzt, auf allen Gebieten nur höchste Qualität zu liefern.

 

Schöne Landschaften werden zunehmend für TV-Serien entdeckt. In Osttirol steht man selten Schlange. Wien lebt von seiner Vergangenheit, in Kaprun gehts wieder steil den Berg hinauf, und eine Gemeinde im Salzburger Land setzt auf sanfte Mobilität

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