Die Occupy-Protestler vor der St-Pauls-Kathedrale in London müssen die Zelte abbrechen. Nun verlagern sie ihre Aktivitäten in andere Stadtteile. Auch ohne Zelte.von Johannes Himmelreich

Die Occupy-Camper in London suchen sich neue Plätze und Protestformen. Bild: reuters
LONDON taz | Noch lehnt das Schild an einem Pfeiler und verkündet: "Willkommen zur längsten Occupy-Besetzung der Welt!" Anfangs zählte es die Tage, dann die Monate, bald ist es Vergangenheit. Die Besetzer auf dem Vorplatz der Londoner Kathedrale St Pauls warten auf Gerichtsvollzieher samt Räumkommando. Diese Woche hat "Occupy LSX" - LSX steht für die Londoner Börse - vor Gericht endgültig verloren. Die City of London Corporation, Verwaltung des Londoner Finanzdistrikts, kann die Räumung jetzt jederzeit durchsetzen.
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Am Donnerstag haben die Besetzer angefangen, die ersten der noch 110 Zelte abzubrechen. Die große Küche und die Technik sind einen Kilometer nordöstlich auf den Finsbury Square umgezogen. Dort steht seit Ende Oktober ein zweites Camp, jedoch ohne den symbolischen Hintergrund von Börse, Finanzdistrikt und St Pauls und abseits der Pfade der Touristen.
Bei anderen Besetzungen würden sich jetzt die Fragen stellen: Wer baut die Barrikaden? Wer kettet sich fest? Wer zementiert sich ein? Aber die Frage in London ist nur: Wann und wo treffen wir uns wieder, um weiterzumachen?
Ragnhild Freng Dale steht oben auf den Stufen zum Portal neben einer Säule. Die abendliche Occupy-Generalversammlung ist gerade zu Ende gegangen. Es ist dunkel, es nieselt. "Wir haben getan, was wir konnten, und eben verloren", sagt sie. Die Norwegerin steckt im letzten Jahr ihres Bachelors, im Mai sind Abschlussprüfungen. Widerstand leisten oder auch nur die Nacht hier bleiben, um sich dann womöglich morgens um 4 Uhr von der Polizei aus dem Zelt tragen zu lassen - "ich glaube die Bewegung hat mehr von mir, wenn ich gesund bleibe und meinen Abschluss mache", sagt sie.
Seit dem ersten Tag, dem 15. Oktober, ist Dale dabei. Leute, die sie vorher gar nicht kannte, seien jetzt die wichtigsten in ihrem Leben. Innerhalb der vier Monate sei die Bewegung nomadisch geworden. "Es ist okay, wenn wir jetzt weiterziehen, vielleicht sogar ohne Zelte."
Einige Besetzer zog es gleich von Anfang an immer wieder weg aus den ursprünglichen Zelten. Im Oktober war das zweite Camp auf dem Finsbury Square entstanden. Im November übernahmen Aktivisten ein leerstehendes Bürogebäude der Schweizer Bank UBS. Es wurde die "Bank of Ideas" und beherbergte Konferenzen, Familien und Leute, denen es in den Zelten zu kalt wurde.
Als Nächstes brachen die Aktivisten ein leerstehendes Gerichtsgebäude in Shoreditch auf. Dort sollten Banker und andere Finanzverbrecher symbolisch verurteilt werden. Vor zwei Wochen eröffnete eine "School of Ideas" auch im Stadtteil Islington. Dort gibt es Kurse in Politik und Globalisierung; vergangene Woche gab die Sängerin Kate Nash einen Workshop.
So ist die Besetzung schon seit Monaten über das Camp an der Kathedrale hinausgewachsen. Ist die Bewegung jetzt groß genug, um ohne das symbolträchtige Camp weiterzumachen? "Tief in mir glaube ich, dass wir das positiv für uns nutzen können", sagt Kai Wargalla, "das wird noch ein gutes Jahr!" Die Deutsche kam für ein Austauschjahr nach London. Sie hat die Bewegung in London begleitet. Im November gab sie ihre Wohnung auf und wohnt seitdem im Camp. "Die Arbeitsweise wird sich ändern müssen", sagt sie.
Auch nach der Räumung werden sich die Besetzer weiter vor St Pauls treffen. Jeden Freitag gibt es dann eine "fliegende Generalversammlung" an verschiedenen Orten in London. Von Mai an wird die Bewegung jeweils für drei Wochen einen andern Stadtteil Londons dauerhaft besuchen, um dort Anhänger zu sammeln. Auch die nächsten großen Demonstrationen sind für Mai geplant. Andere Aktivisten gehen in Schulen in England und besetzen den Staatsbürgerkunde-Unterricht. Occupy in London hat genug Initiativen aufgebaut und genug Unterstützer gesammelt, um sich vom Camp von St Pauls trennen zu können.
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