Lob ist ihm peinlich

KÜNSTLERDRAMA Im Theaterdiscounter versucht sich der Regisseur Georg Scharegg an einer Aktualisierung von Goethes „Torquato Tasso“

Ja, das wird ein Spaß. Dem Kunstbetrieb mal mit Goethe zeigen, dass man ihn durchschaut hat. Diskursfloskeln die Luft ablassen. Im Theaterdiscounter versuchen das ein paar beherzte Schauspieler unter der Regie von Georg Scharegg: Sie haben sich Goethes Künstlerdrama „Torquato Tasso“ vorgenommen und wollen es spielen als ein Zeitstück zum Berliner Kunstsommer 2011. An der Kasse liegen auch Faltblätter zu Based in Berlin aus. Denn nicht zuletzt wollte man einer Stadt auf die Finger klopfen, die mit Kunst billig für sich wirbt, ohne viel für die Künstler zu tun.

Vieles an diesem Vorhaben hat Charme, eine runde Sache wird am Ende nicht daraus. Aber erst einmal staunt man: Wie gut es den Schauspielern gelingt, sich die Sprache Goethes zu eigen zu machen und ihr dabei nonchalant andere Figuren unterzujubeln. Aus Alphons, dem Herzog von Ferrara, der als Mäzen von Torquato Tasso ebenso großzügig wie paternalistisch agiert, wird Alphons, der Kunsthändler, nicht weniger als der Herzog davon überzeugt, mit der Verfügungsmacht über die Werke auch zugleich die über die Persönlichkeit des Künstlers erlangt zu haben.

Der geschmeidige und zugleich intellektuelle Habitus, mit dem Christian Ahlers die Figur ausstattet, schlüpft in die Sprache Goethes wie in einen eleganten und etwas snobistischen Handschuh. Und ebenso gut steht es um die von weitschweifigen Komplimenten geprägte Sprache der Schwester des Herzogs bzw. des Galeristen (Kerstin Schweers) und einer Freundin (Ursula Renneke), die sich zuerst ihrer gegenseitigen Wertschätzung vergewissern, dann aber in einen eifersüchtigen Streit geraten darüber, wer den Maler Torquato Tasso unter seine Fittiche nehmen darf.

Dem Künstler selbst schließlich, von Goethe als Dichter angelegt und jetzt ein Maler, gibt Cornelius Schwalm genau das Quäntchen Verlegenheit mit, das auch heute gern an den proletarischen Aufsteigern unter den Künstlern gesehen wird. Er steht da immer ein bisschen fremdelnd herum und ist überrascht über seinen Erfolg. Lob ist ihm peinlich, und man schämt sich mit ihm fremd für das Auftreten der Connaisseure, die sich in den schönen Worten, die sie zu seiner Kunst finden, doch selbst nur Punkte auf der Skala der Distinktion zuschaufeln. Klar ist es eklig, als ein Konkurrent Torquato Tasso dies Lob als leichten Sieg unter die Nase reibt. So weit ist alles nachvollziehbar.

Was diesen Ärger aber zu einem Konflikt eskalieren lässt, der ein ganzes Drama tragen soll, das versteht man dann nicht mehr. Und man ermüdet angesichts der Wortschwälle, seien sie nun aus dem Drama oder den Reden über die Kunst der Gegenwart abgelauscht. Irgendwann fehlt einem der Kontext. Denn weder lässt diese Inszenierung einen jemals am Hof von Ferrara ankommen und verstehen, dass die Stimme, mit der Torquato Tasso seine Empfindsamkeit verteidigt, auch vom Anspruch der Aufklärung getragen wird. Er als Individuum klagt für sich etwas ein, was im höfischen System nicht vorgesehen ist. Das im Kopf mitzubringen, setzt die Inszenierung einfach mal so voraus. Und ebenso das Wissen, warum dieses damals erkämpfte Künstlerbild heute seine Bedeutung verloren.

Torquato Tasso gerät nämlich irgendwann in eine Art Talk Show, in der ihn Zuschauerinnen und Moderation unbedingt auf den subjektiven Ausdruck festnageln wollen. Er wehrt das händeringend ab, „Kunst sei wie Stoffwechsel“ und „Bilder passieren“. Das ist eigentlich eine schöne und lustige Szene, aber man kriegt sie mit dem Tasso-Drama nicht so recht zusammen.

Das ging so auch einer Gruppe junger Zuschauer, eher Jura-Studenten als Germanisten, die sich vorher bei Google und Wikipedia schlau gemacht hatten. Am Ende standen sie fragend um den einen herum, der das Stück gelesen hatte. Der sah an diesem Abend ziemlich viel Arbeit vor sich. KATRIN BETTINA MÜLLER

■ Wieder am 8. + 9., 28.–30. Juli, 3.–5. August um 20.30 Uhr im Theaterdiscounter