Als der Gendarmenmarkt nach London gebracht wurde

Ein unfreiwilliges Berlinmuseum

Berlin auf Blättern

von Jörg Sundermeier

Im November 1895 stockte dem Publikum im Berliner Varieté Wintergarten der Atem. Der 32-jährige Tüftler Max Skladanowsky zeigte dort Bilder, wie man sie nie gesehen hatte – man sah Menschen, und sie bewegten sich! Und es war nicht etwa ein Daumenkino oder eine Bilderreihe einer Laterna Magica, die hier vorgestellt wurden, sondern Skladanowskys Bioskop, ein früher Filmapparat. Sein Bioskop verlor zwar schon bald gegen die überlegene Filmtechnik der französischen Brüder Lumière, doch ohne es zu ahnen, hatte der Mann aus Prenzlauer Berg den Grundstein für die Filmstadt Berlin gelegt.

Dieser ist nun die Autorin Nadin Wildt nachgegangen, die in ihrem Buch „Filmlandschaft Berlin. Großstadtfilme und ihre Drehorte“ die Geschichte des Films in Berlin nachvollzieht. Zumindest, wenn der Film auch ein Berlinfilm ist. Denn weniger interessiert sich Wildt für all die berühmten Filme, die in Berlin gedreht worden sind, der „Blaue Engel“ etwa wird nur am Rande erwähnt. Ihr geht es vornehmlich um die Stadt als Kulisse.

Mehr als 4.000 Drehtage

Deswegen führen die Filmbilder von Marlene Dietrich oder Franka Potente, die das Cover zeigt, ein wenig in die Irre, es geht mehr um die Schauplätze als um Schauspieler, die Handlung eines Films interessiert weniger als die Originaldrehorte – auch gerade dann, wenn der Film ein Gebäude in Berlin zeigt, doch behauptet wird, es sei ein anderes. Der Gendarmenmarkt etwa wurde für „Around the World in 80 Days“ zu einem Platz in London erklärt, während das Dach vom Haus der Kulturen der Welt in „Aeon Flux“ zum Teil einer futuristischen Parallelwelt mutierte.

Zurzeit werden jährlich rund 4.000 Drehtage in Berlin genehmigt, doch Wildt weist darauf hin, dass es zudem viele weitere Aufnahmetage geben wird, denn eine Genehmigung ist nur vonnöten, wenn Besonderes gezeigt wird. Viele Außenaufnahmen gehen auch genehmigungsfrei. Zu DDR-Zeiten wurde im Ostteil der Stadt auch oftmals klandestin gefilmt. Wildt geht in ihrer Berlinfilmgeschichte chronologisch vor, lässt aber den Stummfilm weitgehend außer Acht, was dem Umstand geschuldet sein könnte, dass viele Filme verschollen sind, viele andere aber in Babelsberger Studios entstanden und deshalb keine Ansichten von der Stadt boten. Insofern ist es konsequent, dass sie mit dem 1927 entstandenen „Berlin – Die Sinfonie einer Großstadt“ von Walther Ruttmann beginnt, in dem die Stadt gleich die Hauptrolle spielt.

Dass sich Wildt vor allem auf erfolgreiche Filme beruft, kann man vernachlässigen. Ein Spaß, den dieses Buch seinen Leserinnen und Lesern bereitet, besteht ja gerade darin, dass man Filmorte wiedererkennen, dass man – eine mitgelieferte Karte hilft hier – die Orte auch aufsuchen kann. Teilweise hat dies die Fotografin Franziska Donath für dieses Buch auch getan, sodass man vergleichen kann zwischen damals und heute.

Und damit macht einem Wildt auch bewusst, wie sehr Filme, deren Außenaufnahmen in Berlin gedreht werden, auch dazu dienen, ein Stadtbild festzuhalten. Gerade Filme wie „Berlin – Ecke Schönhauser“ oder „Der Himmel über Berlin“ zeigen ihren Zuschauerinnen und Zuschauern ein Berlin, das sich auf alten Postkarten nicht finden lässt. Nadin Wildt hat uns in ihrem kenntnisreichen Buch also gezeigt, dass der Berlinfilm zugleich immer auch ein unfreiwilliges Berlinmuseum ist.

Nadin Wildt: „Filmlandschaft Berlin. Großstadtfilme und ihre Drehorte“. Berlin Story Verlag, 2016, 128 Seiten, 19,95 Euro