Herr, Frau und Knecht auf LSD

Dreiecksgeschichte „ORG“, ein wildes Experiment des argentinischen Veteranen Fernando Birri (Forum)

Wer nur einen Film auf dieser Berlinale sehen will, sollte es mit diesem versuchen: der vom „Living Archive“-Projekt des Arsenals vorgenommenen Restauration eines der wildesten Werke der Filmgeschichte, des 1979 zum ersten Mal gezeigten „ORG“. Der bald 92-jährige argentinische Aktivist, Dokumentarist, Filmessayist und Pädagoge Fernando Birri hat sich während seines italienischen Exils (1967–1978) in ein am Ende knapp dreistündiges Experiment verbissen, das in ähnlicher Weise die (psychedelische) Ästhetik auf die (kommunistische) Politik der lateinamerikanischen 68er crashen lässt wie Glauber Rochas Film „Das Alter der Erde“. Er tut das aber nicht mit den Mitteln überbordender Performances und Ri­tuale, sondern mit den Mitteln des Schneidetischs und der nachträglichen analogen, kratzenden, klebenden und tuschenden Bildbearbeitung. Irgendjemand hat 26.000 Schnitte in drei Stunden gezählt, das macht etwa drei Schnitte pro Sekunde.

Die Sinne laufen also auf einem gesunden 180-bpm-Rhythmus. Doch maschinell und standardisiert geht es nun gerade gar nicht zu. Minutenweise gibt es keinen Ton oder kein Bild oder überhaupt nichts. Dann sind da Szenen, die sich Zeit lassen, auch längere Statements von Glauber Rocha, Godard, Rossellini, Jonas Mekas und Birris Kollegen Julio García Espinosa, schließlich ein heftiger Wortwechsel zwischen Marcuse und Cohn-Bendit. Der Durchschnittswert für den Rest des Films, der in ultradichten und grandios gewundenen Serpentinen auf einen (altindischen) Plot von Thomas Mann hindüst, hier zu einer sexualpolitischen LSD-Fassung der Herr-Knecht-Dialektik hochgepitcht, steigt noch weiter. Sein Schnitttempo nähert sich dem totalen Fotofilm an, dem Gegenteil des trägen Auges, auf das die Bewegungsillusion des Kinos angewiesen ist.

Ein schwarzer Mann und ein weißer Mann lieben dieselbe Frau (weiß); alle drei sind meistens nackt, sie trägt eine lustige US-Flagge vor der Scham (tja, der wilde, psychedelische lateinamerikanische Antiimperialismus der 1970er hatte seinen Feminismus und seinen Antirassismus noch nicht ganz im Griff – trotz einer großen Stokely-Carmichael-Rede!). Der Konflikt wird dadurch gelöst, dass sich beide Männer enthaupten. Naheliegend. Die Frau setzt sie anschließend wieder – falsch – zusammen. Geht es bei Mann/dem Sagenstoff eher darum, welcher Körperteil für die Persönlichkeit entscheidend ist, geht es hier auch um Schwarz und Weiß. Wenn man den Plot aber nicht kennt, lässt er sich kaum erschließen: Die Dreierstory ist nur ein Rückzugsort aus dem verschwenderischen Bilder- und Sound­overkill, der nur punktuell angesteuert wird. Sie wird kurz in grotesk-ballettartigen Performances weitergeführt, was sonst durch Schnittspeed, vielfache Überlagerungen, verrückte Loops von Kolbenflötensignalen, ausgerastete Naturgeräusche und die rastlose Originalmusik des italienischen Free Jazzers Enrico Rava vorangetrieben wird.

Während der Exiljahre war kein Archiv vor Birri sicher. Auch die Dreharbeiten, die einer der Hauptdarsteller (jawohl, Terence Hill, der Terence Hill) mitbezahlt hat, müssen öfter nach einer anderen filmischen Umgebung verlangt haben als das Gewitter psychedelischer Erkenntnisangebote, das zu sehen ist. Dass es auch Godard-mäßige Slogans gibt, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Erkenntnisse wie die, dass ­Kommunismus nicht asketisch sein darf, sind geschenkt und bleiben hinter dem, was „ORG“ mit seinen eigenen Mitteln zu sagen hat, direkt ein ­wenig zurück.