Das Klima wird im Himalaja verteidigt

Energie Wer mit Erdöl heizt, trägt zur Erderwärmung bei. Das Unternehmen Avia bietet jetzt seinen Kunden an, ihren Kohlendioxid-Ausstoß in anderen Teilen der Welt zu kompensieren. Kann das Modell funktionieren?

Ein Öllieferant, arbeitsschutzrechtlich korrekt behandschuht Foto: Angelika Warmuth/dpa

von Hannes Koch

BERLIN taz | Es ist eine wundersame Ansage: Das Unternehmen Avia bietet klimaneutrales Heizöl an, erstmals in Deutschland. Eigentlich ist das fossile Erdöl ein Brennstoff, der den Klimawandel antreibt – wird es verheizt, entsteht CO2. Avia investiert in Klimaschutz-Projekte und will damit den ökologischen Nachteil ausgleichen. Das Umweltbundesamt findet die Argumentation plausibel. Die Konkurrenzfirma Atmosfair und das Öko-Institut haben dagegen Zweifel an dem Modell.

Etwa fünf Millionen Hausbesitzer betreiben in Deutschland noch Ölheizungen. Die stehen oft in den Kellern von Einfamilienhäusern. Irgendwann müssen sie umweltfreundlicheren Anlagen weichen, will Deutschland sein Klimaschutzziel einhalten. Bis dahin bietet Avia sein Kompensationsmodell an.

Das funktioniert so: Mithilfe der Firma First Climate kauft Avia bei den Entwicklern von Klimaschutzprojekten Zertifikate. Die bescheinigen, dass eine gewisse Menge klimaschädlicher Abgase eingespart wird. Avia überweist etwa Geld für energieeffizienter Kochherde in Uganda und den Bau eines Wasserkraftwerkes im Himalaja. Das spart Kohlendioxid, was die Emissionen aus dem Heizöl rechnerisch ausgleichen soll.

Vergleichbare Kompensationsmodelle bietet auch das Unternehmen Atmosfair. Dessen Geschäftsführer, Dietrich Brockhagen, kritisiert den Ansatz der Konkurrenz: „Beim Kauf von CO2-Zertifikaten über einen Händler ist im Allgemeinen nicht sichergestellt, dass das Geld tatsächlich zum Aufbau von Projekten verwendet wird.“ Die Empfänger könnten die Mittel auch für andere Zwecke ausgeben, so Brockhagen. „Das wird nicht kontrolliert. Im Extremfall kaufen sie sich ein Auto.“ Der Kauf von Zertifikaten alleine nutze dem Klima nicht.

Der Streitpunkt ist, ob sich mit dem Erlös aus den Zertifikaten die Projektbetreiber, etwa des Wasserkraftwerks, einfach die Taschen füllen. Um das zu verhindern, kauft Atmosfair keine Klimaschutzzertifikate, sondern fördert Projekte direkt, etwa den Neubau von kleinen Biogasanlagen in Kenia. „Wir können in unseren eigenen Projekten bei jedem Euro genau sagen, wofür er ausgegeben wurde“, sagt Brockhagen.

Benjamin Seitz von First Climate rechtfertigt das Zertifikate-Modell: Damit deckten die Projektentwickler Teile ihrer Kosten für Investitionen und Betrieb. „Dass darüber hinaus für sie ein Gewinn bleibt, ist beabsichtigt, denn dadurch entsteht in Schwellen- und Entwicklungsländern ein Anreiz, wirksame Klimaschutzprojekte umzusetzen“, sagt Seitz.

Das Umweltbundesamt pflichtet First Climate bei: „Die Betreiber von Klimaschutz-Projekten müssen ihre Investitionen vorfinanzieren“, sagt Karsten Karschunke, UBA-Experte für Emissionshandel. „Der Verkauf der Zertifikate hilft ihnen, diese Kosten wieder hereinzuholen und damit das Projekt zu ermöglichen. Dass ein Teil der Erlöse auch in den Gewinn fließt, ist normal.“ Es sei eindeutig, dass dank des Verkaufs der Zertifikate weniger Klimagase ausgestoßen würden.

Ob man Heizöl als Öko-Brennstoff bewerben soll, wird freilich aus einem weiteren Grund angezweifelt. „Das Avia-Modell kann als Anreiz missverstanden werden, an alten Systemen festzuhalten“, sagt Veit Bürger vom Öko-Institut. „Mittelfristig müssen Öl- und auch Gasheizungen verschwinden, wo es möglich ist. Emissionen zu vermeiden ist wichtiger, als sie zu kompensieren.“ Dazu heißt es beim UBA, für eine Übergangszeit sei die Kompensationsstrategie durchaus in Ordnung. Wenn die alte Ölheizung jedoch ans Ende ihrer Lebensdauer komme, solle sie durch eine umweltfreundlichere Variante ersetzt werden.