Ganz in ihrem Element: Vollblutgärtnerin Gerda Münnich (1939–2017) im Wuhlegarten, dem Interkulturellen Garten Köpenick e. V.; ein Foto von März 2011 Foto: David Oliveira

Mutter Courage des Urban Gardening

Nachruf Gerda Münnich (1939–2017) war maßgeblich daran beteiligt, dass in Berlin laufend neue Gemeinschaftsgärten gegründet wurden. Sie verstand sich als unbequeme Staatsbürgerin vom Dienst. Ihr Credo: „Gärten sind Überlebensmittel“

von Elisabeth Meyer-Renschhausen

Geboren am 4. Oktober 1939 in Lübben im Spreewald, gestorben am 12. April 2017 in Berlin.

Ausbildung zur Bankkauffrau, ab 1962 Studium der Finanzwirtschaft und angewandten EDV, Arbeit im Leitzentrum für Anwendungsforschung.

Nach der Wende: IT-Redakteurin, 1993 und 2003 arbeitslos bzw. selbstständig.

2003 Mitbegründerin des Interkulturellen Gartens an der Wuhle in Köpenick, 2006 AG Interkulturelle Gärten in Berlin und Brandenburg, 2010/11 Mitbegründerin des Allmende-Kontors, sowohl Garten als auch Vernetzungsstelle, auf dem Tempelhofer Feld. (emr)

Ist Berlin die heimliche Hauptstadt des Urban Gardening? Wenn, dann verdankt es das Menschen wie Gerda Münnich. Sie war eine Art „Mutter Courage“ der Interkulturellen Gärten. Denn für Gerda Münnich war das Gründen von Gemeinschaftsgärten für Zugezogene und Flüchtlinge die staatsbürgerliche Aktion par excellence. Dafür ging oder fuhr Gerda überallhin. Per Bus und Bahn in alle Stadtteile und die letzten Ecken der Provinz zu allen Gartentreffen, Konferenzen und Runden Tischen von Politik und Verwaltung.

Seit 2003 sind in Berlin knapp 100 Interkulturelle Gemeinschaftsgärten und Betriebe einer neuen urbanen Agrarkultur entstanden. Gemeinsam wird auf Brachen Gemüse angebaut, kompostiert oder gegen den Neubauwahn demonstriert. Auch Brandenburger gärtnern heute interkulturell. In der gesamten Republik wuchs die Zahl seit dem ersten Internationalen Garten in Göttingen 1996 auf heute 570. In vielen Städten Europas unterstützt die Politik das Community Gardening, weil es arme Nachbarschaften befriedet.

Gerda Münnich war maßgeblich daran beteiligt, dass in Berlin laufend neue Gemeinschaftsgärten gegründet wurden. Bereits vor der Wende war sie Mitglied des ökumenischen Kirchenkreises in Treptow. Und der brachte sie, als sie gerade wieder erwerbslos geworden war, 2003 an den Runden Tisch zur Einrichtung eines Interkulturellen Gartens in Köpenick.

Die Zusammenarbeit auf der lokalen Ebene zwischen Bürgern, Kirchen, Agenda-21-Kreis und Ämtern machte es möglich: Der erste Interkulturelle Garten, der Wuhle-Garten, konnte im Mai 2003 seine Pforten öffnen. Dank des Engagements von Gerda Münnich in Zusammenarbeit mit der neu gegründeten Stiftung Interkultur – der „Anstiftung“ in München – machte das Beispiel Schule. Fortan fuhr Gerda herum und erklärte, wie man es anstellt, so einen Gemeinschaftsgarten zu ­gründen: Fläche finden, Gruppe bilden, Förderer und Verbündete suchen, mit der Verwaltung reden, Verein gründen etc.

„Ich bin so eine Art Mutter der Interkulturellen Gärten Berlins“, stellte sie sich oft vor und später ließ sie das „so eine Art“ auch weg. Tatsächlich gibt es niemanden in Berlin, der ein so umfängliches Wissen über die Gärten hatte und mit den Gärtnern persönlich in Kontakt stand. Anlässlich der Erstellung der Berliner Gartenkarte besuchte sie wieder jedes einzelne der 99 auf der Karte verzeichneten Projekte. Da war sie knapp 75, kannte die S-, U-, und Busfahrpläne auswendig und fuhr auch nachts furchtlos quer durch die Stadt.

So wie sie war, immer unkonventionell gekleidet, sei sie schon zu DDR-Zeiten gewesen – ein „Original“, erklärte mir einmal die Freundin der jüngsten Tochter fröhlich: in der Mün­nich’schen Wohnung trafen sie sich immer gern. Vor allem war Gerda eine auch im kapitalistischen Westen furchtlose Bürgerrechtlerin und bestand auf ihrem Recht als „Citoyen“ ebendort für die Rechte der Bürger und Bürgerinnen einzutreten, wo es ihr wichtig erschien. Frau Münnich „kommt überall rein“, stellte einmal ein Mitglied der Berliner Senatsverwaltung lakonisch fest und meinte damit: Sie kommt sowie und auch dann, wenn man sie nicht dabeihaben möchte …

Staatsbürgerin vom Dienst

Gerda Münnich hatte sicherlich ein erfülltes Leben. Aber ein Wunsch ist noch offen: eine Tanzlinde auf dem Tempelhofer Feld

Wenn es um ein wichtiges Vernetzungstreffen der Urban-Gardening-Szene irgendwo in Europa ging und Gerdas magere Rente mal wieder nicht für eine Fahrkarte reichte, dann fuhr sie tapfer halt auch mal schwarz. Sie nahm sich das Recht, das ihr als einer Art „Staatsbürgerin vom Dienst“ ihrer Meinung nach in einer Demokratie zustand. Zumal sie die rentenmäßige Missachtung ihrer erzwungenen Hausfrauenzeit nicht akzeptieren konnte.

Zu DDR-Zeiten arbeitete Gerda Münnich an der Humboldt-Universität im Wirtschaftsinformatikbereich. Ihre Forschung sollte sie an einem der damals noch wenigen PCs in Adlershof nachts absolvieren. Wenn sie dann um vier Uhr morgens fertig war, fuhr aber keine S-Bahn mehr. Wie sollte sie als alleinstehende Mutter ihre drei Kinder rechtzeitig auf den Weg zur Schule bringen? Da wurde sie für einige Jahre Hausfrau und tröstete sich mit dem Rackern im Pachtgarten in Zeuthen. Als sie später nach der Wende ihre eigene Firma aufbaute, gab sie den Garten wieder auf. Seither aber wusste sie: „Gärten sind Überlebensmittel.“

Gerda Münnich wurde in Steinkirchen bei Lübben im Spreewald geboren und wuchs mit Mutter und Schwester auf dem großväterlichen Kleinsthof auf. Selbstversorgung durch Eigenarbeit, Kleinstlandwirtschaft mit Garten, die mühselige Arbeit, die damit verbunden ist, das kannte sie alles aus eigener Anschauung. Später ging sie, statt sich mit dem Regime gemeinzumachen, zu den in den Kirchen organisierten Opposi­tions­gruppen.

Als Gerda Münnich und ich uns im Dezember 2002 auf einem Workshop in Köpenick kennenlernten, verlief unsere Verständigung selbstverständlich per Sie. Das allgemeine Du in den bestimmten Szenen erinnerte Gerda unangenehm an Zwangsverbrüderungen zu DDR-Zeiten.

Im Allmende-Kontor – sowohl als Garten als auch Vernetzungsstelle gegründet – verstand sich Gerda Münnich als zuständig für Vernetzung und Kommunikation, aber immer im Zusammenhang mit dem konkreten Garten. Der gewisse Geschäftsführerautokratismus, den das neoliberale Zeitalter sogar harmlosesten kleinen NGOs aufdrückt, ärgerte sie ziemlich. Als sich aber jüngere Gartenaktivisten daranmachten, etwa mit viel Mühe mit eingerichtete und gepflegte Websites ohne jegliche Rücksprache abzuschalten oder Konzeptpapers zu verfassen, ohne sich die Mühe zu machen, die maßgebliche Szene oder auch nur Altgediente wie sie einzubeziehen, empfand sie das als undemokratisch und anmaßend. Aber deshalb aufhören kam für sie nicht infrage.

Zuletzt arbeitete Gerda Münnich an ihrer nächsten Stadtrundfahrt zum „Langen Tag der Stadtnatur“ im Juni. Diesmal wollte sie besonders die gefährdeten Gärten wie die Neuköllner Prachttomate vorstellen und zwei Projekte auf dem maßgeblich von ihr mit geretteten Tempelhofer Feld: den Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor und den Coup der Zukunftsgleise. Der Verein Berliner Zukunftsgleise e. V. hat ein Gärten, Feld und Stadt verbindendes Mobilitätskonzept, das durch seine pure Existenz Beweis dafür ist, dass das Land Berlin auf dem Tempelhofer Feld keine Planungshoheit hat, weil dieses weiter unter Eisenbahn-, also Bundeshoheit steht.

Gerda Münnich hatte sicherlich ein erfülltes Leben. Aber ein Wunsch ist noch offen: eine Tanzlinde auf dem Tempelhofer Feld. Die Linde ist sogar zum Bestandteil des EPP, also des Entwicklungs- und Pflegeplans Tempelhofer Feld geworden. Das entsprechende Spendenkonto wird soeben eingerichtet …

Die Autorin ist freie Journalistin, mit der Thematik „urban agri­culture“ seit 1998 befasst und zusammen mit Gerda Münnich eine der 13 GründerInnen des Gemeinschaftsgartens Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld. Jüngste Bücher: „Die Hauptstadtgärtner“ (Jaron Verlag 2015) und „Urban Gardening in Berlin“ (Bebra-Verlag 2016)