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Immer nah an den Körpern

„Die Weibchen“ (Deutschland, Italien, Frankreich 1970, Regie: Zbyněk Brynych)

Der tschechische Regisseur Zbyněk Brynych kam in den späten sechziger Jahren über die Deutschen und schaffte es, für den Fernsehproduzenten Helmut Ringelmann und seine Krimiserien „Der Kommissar“, „Derrick“ und „Der Alte“ ein paar der radikalsten und verrücktesten Sachen zu drehen, die das deutsche Fernsehen je gezeigt hat. Sehr seriös hatte Brynych begonnen, nach Cannes war er eingeladen worden mit seinem Debüt, aber seine Seele war wild, er machte vor nichts, vor Sex nicht und Crime nicht und vor avantgardistischer Kameraarbeit und auch vor Exploitation nicht Halt, und so wurden die Anfänge des später so biederen deutschen Fernsehkrimis psychedelischer, als man sich das heute vorstellen kann.

Brynych hat neben den Krimis weiter Kinofilme gedreht, in der BRD wie in seiner Heimat. So etwa für den zwischen Kunst und Sleaze und Simmel und Fassbinder wunderbar schlingernden deutschen Großproduzenten Luggi Waldleitner im Jahr 1970 „Die Weibchen“, die das auf dergleichen spezialisierte Label Bildstörung jetzt in einer typisch großartigen Edition herausbringt. Der Film schickt eine Eve in die von Doktor Barbara geführte Kurklinik nach Bad Marein. Die Eve spielt Uschi Glas. Der Ort ist fiktiv. Im Garten der Klinik flanieren die Frauen, mondän, attraktiv, todschick gekleidet, oder sie liegen im Gras, eine liest Valerie Solanas’berüchtigtes feministisches Männermord-Manifest S.C.U.M., das eine „Society for Cutting Up Men“ propagiert.

In Bad Marein nimmt man das wörtlich. Erstaunlich wörtlich sogar, wie der Einsatz einer Kreissäge später im Film nachdrücklich vorführt. Aber erst einmal sind alle sehr freundlich, Anna und Astrid und Miriam und Dolly und Olga und … nun ja, es sind viele. Männer dagegen sind rar. Da ist der Herr Kommissar, kartenhausbauend, vom Alkohol gründlich entmannt, Hans Korte, in den Jahren davor auch mal bei Kluge zu sehen, später festes Fernsehkrimiinventar, säuselt und torkelt die Rolle vorzüglich. Und wo eine Eve ist, darf ein Adam nicht fehlen, und voilà, heran naht der Gärtner: Tier mehr als Mensch, mehr Hodor als Mann, ein Koloss aus Fleisch und aus Haaren mit Fingernägeln wie Krallen. Er stapft durch den Park und bringt die Männer unter die Erde. Oder das, was von diesen nicht anderweitig gebraucht wird.

Nach dem Sex werden die Herren der Schöpfung verspeist. In Bad Marein nimmt man das wörtlich

Die versammelten Damen nämlich haben sich die Gottesanbeterin zum Vorbild erkoren. Nach dem Sex werden die Herren der Schöpfung verspeist. In Bad Marein nimmt man auch das wörtlich, innen sehr blutig ist das Filet, das zum Frühstück serviert wird. Die arme Eve will das nicht. Gerade der braven Uschi Glas kann man das glauben. Sie versucht mehrfach zu fliehen, was durchaus und sicher mit Absicht an die fantastische Fernsehserie „Nummer 6“ erinnert und wie ihn dieser verlässlich misslingt. Am Ende wird sie sich fügen, und sie sieht nicht unglücklich aus.

An Höhepunkten reich ist der Film. Wüste Partys werden gefeiert, wir sind immer nah an den Körpern, auch den Blick in die Kamera scheuen die Darstellerinnen nicht. Einmal werden bei einer etwas ins Sexploitative verrutschenden feministischen Demonstration Büstenhalter verbrannt. Die Kamera von Charly Steinberger deliriert hier und da und überhaupt mit Vergnügen, fischäugig blickt sie, als wäre diese ein Tollhaus, auf die Welt. Peter Thomas macht dazu die passende Unterhaltungsmusik, toll ist der wiederkehrende Song, in dem es sehr treffend heißt: „Gelobt sei, was satt macht / und satt machst nur du.“ Wahre Liebe will ihr Objekt nun mal verschlingen. Der katholische Filmdienst war nicht amüsiert. Ekkehard Knörer

Die DVD gibt es ab rund 18 Euro im Handel.