„Es geht nicht um Förderung einiger weniger“

INKLUSION Die einen sind hochbegabt, die anderen förderwürdig. In Berlin soll eine Expertenkommission überlegen, wie heterogene Klassen allen Schülern gerecht werden. Kommissionschef Thomas Trautmann sagt: Indem wir unsere Geisteshaltung ändern

Gemeinsam lernen: Mittlerweile setzen die meisten Bundesländer verstärkt auf inklusive Lernkonzepte Foto: Andi Weiland/Gesellschaftsbilder.de

Interview Anna Klöpper

taz: Herr Trautmann, die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat im April eine Expertenkommission eingesetzt, die unter Ihrem Vorsitz ein Konzept zur Begabungsförderung an den Schulen entwickeln soll. Definieren Sie doch bitte mal „begabt“, was heißt das?

Thomas Trautmann: Zunächst mal: Es geht nicht um die Förderung einiger weniger, von diesem Elitendenken sind wir weg. Jedes Kind ist begabt, das ist wichtig. Denn Begabung meint nicht die Leistung an sich, sondern die Veranlagung für hohe und höchste Leistungen. Jemand kann zum Beispiel hochbegabt sein im sozialen Bereich, wenn er oder sie sehr empathisch ist und gerne hilft. Da ist viel Platz in Gottes Garten.

Es geht also eigentlich um Inklusion: Alle lernen gemeinsam, jeder wird individuell gefördert.­­­ Allerdings fühlen sich viele Schulen mit der Inklusionsaufgabe heillos überfordert, es fehle an Ressourcen, vor allem an Personal. Braucht es da wirklich noch ein weiteres Konzept – oder nicht ganz einfach mehr Geld für Lehrkräfte, Sozialarbeiter und Fortbildungen?

Es geht nicht ohne die Veränderung einer Geisteshaltung. Denn Begabungsförderung ist letztlich Entwicklungsförderung für alle. Da trifft sich also tatsächlich die Begabungsförderung mit der inklusiven Denkhaltung. Und genau das darf den Lehrkräften in den Fortbildungen vermittelt werden: Sei bitte ein Trüffelschwein! Ich plädiere für das Ideal einer Schule, die keine Balken nach unten und nach oben hat. Die jeden dort andocken lässt, wo er oder sie sich befindet. Die Idee, alle Hochbegabten einfach nur zusammenzustecken, und dann wird schon was Gutes dabei rauskommen? Das ist eine sehr besorgniserregende Vorstellung.

Die Schüler: Im Schuljahr 2016/2017 haben bundesweit 41,1 Prozent der Schüler mit Förderbedarf eine Regelschule besucht. Die Inklusionsquote stieg damit um 3,4 Prozentpunkte an. Die Länderunterschiede sind aber gewaltig: Bremen inkludiert 88,9 Prozent der Schüler mit Förderbedarf, bei Schlusslicht Hessen sind es 26,8 Prozent. Besonders hoch ist die Quote auch im rot-rot-grünen Berlin (74,4) und im rot-grünen Hamburg (64,2). In Bundesländern mit konservativeren Regierungen hingegen ist sie deutlich niedriger: 27,4 Prozent in Bayern und 32,8 Prozent in Sachsen.

Die Lehrer: Nach einer aktuellen Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung sagten 60 Prozent der 2.050 bundesweit befragten Lehrer, dass sie einen gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung grundsätzlich für sinnvoll halten. Ein Drittel ist hingegen dafür, behinderte Kinder ausschließlich in Förderschulen zu unterrichten. Im Jahr 2015 lag der Anteil der Anteil der Befürworter des inklusiven Unterrichts noch bei 54 Prozent. (rpa)

Also ein Plädoyer für die Gemeinschaftsschule, in der alle Kinder von der Grundstufe bis bestenfalls zum Abitur zusammen lernen? Das Schulsystem in Deutschland ist ja sehr exklusiv, es gilt weniger das Begabungs- als das Leistungsprinzip …

Noch einmal – Begabung ist die Disposition für hohe Leistungen, nicht die Leistung selbst. Schulen müssen auf Leistungen schauen, aber nicht unter allen Umständen. Da gibt es schlummernde Talente, die erst bei einer bestimmten Lehrperson „erblühen“ oder in einem Gruppenkontext. Eine Gemeinschaftsschule im besten Sinne ist tatsächlich eine Institution, in der es keine Fallstricke gibt: die zum Beispiel ungewöhnliche Lerner, die ihre Mathematikaufgaben partout ohne Zwischenschritte rechnen, so sein lässt, wie sie sind.

Der Versuch, einer möglichst heterogenen Schülerschaft möglichst individuell gerecht zu werden: das ist schon länger unter dem Schlagwort Binnendifferenzierung bekannt. Auch ein Konzept, wo viele Lehrkräfte sagen: Gute Idee, aber mit den Kapazitäten, die wir haben, schaffen wir das nicht.

Binnendifferenzierung, wenn sie denn gut umgesetzt wird, hat einen großen Anteil an Begabungsförderung. Natürlich ist das eine Herausforderung an Ressourcen: Denn keine Begabung gleicht einer anderen. Das ist die Lösung, und das ist auch das Problem. Denn diese Veranlagungen müssen erst mal erkannt werden, das passiert in der Schule nicht immer. Auch übrigens, weil in vielen Kollegien sich ganz grundsätzlich erst mal die Frage gestellt werden muss: Was für einen Begabungsbegriff pflegen wir eigentlich im Hause? Haben wir überhaupt einen, und wie weit ist er gefasst? Und dann wissen viele Lehrkräfte auch nicht unbedingt, wie sie überhaupt fördern können.

Thomas Trautmann

59, Professor an der erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Hamburg. Er forscht unter anderem zu Grundschulpädagogik und zur Förderung Hochbegabter.

Dabei gibt es ja bereits viele Förderinstrumente: Das Ber­liner Bonusprogramm für Schulen, wo viele Jugendliche nicht mal einen Abschluss machen, auf der einen Seite. Aber auch Sommerakademien, zum Beispiel an der Berliner Humboldt-Universität, für besonders starke Schüler. Es gibt Begabtenfördergruppen am Nachmittag, Schnelllernergymnasien, die schon Kinder ab der fünften Klasse nehmen …

Ja, natürlich, das existiert alles. Aber es geht, wie gesagt, zunächst mal um den Schritt davor: den möglichst vorurteilsfreien Blick auf das Kind. Von den Berliner Schnelllernerklassen kann die halbe Bundesrepublik lernen. Die Anna-Lindh-Grundschule im Stadtteil Wedding arbeitet da zum Beispiel sehr erfolgreich. Sie liegt in einem nicht ganz einfachen Kiez, aber ist unglaublich nachgefragt, auch bei bildungsorientierten Eltern und solchen mit hochbegabten Kindern. Die Erfahrungen und das Wissen, das es an solchen Schulen gibt, müssen wir herausstellen und bündeln und in einem nächsten Schritt für alle Lehrkräfte zugänglich machen. Wie das konkret passieren soll, das muss man noch sehen. Aber die Strategien einzelner Schulen wirklich mal in einem Konzept zusammenzubringen, das ist herausfordernd.

Wie geht’s jetzt weiter?

Ende des Jahres stellen wir ein Positionspapier vor, da wollen wir den Status quo ermittelt haben: Welche Konzepte gibt es an welchen Schulen? Im nächsten Frühjahr soll es dann konkrete Handlungsempfehlungen für den Unterricht an den Berliner Schulen geben, der inklusive Begabungsförderung anregt. Dann müssen wir beweisen, dass unsere Idee revolutionär ist.