Harter Job für den DGB

Der Deutsche Gewerkschaftsbund muss Tariflose und AfD-Wähler integrieren. Kongress in Berlin

Frank-Walter Steinmeier übte sich in Freundlichkeiten. „Ihre Stimme ist wichtig, vielleicht wichtiger denn je“, umschmeichelte der Bundespräsident die Delegierten des DGB-Bundeskongresses in Berlin. Damit die Bundesrepublik ein „Land mit Zusammenhalt“ und mit „Lust auf Zukunft“ bleibe, brauche es „einen starken, einen streitbaren DGB“. Und Steinmeier schloss seine rund halbstündige Rede am Sonntagmorgen mit der Feststellung: „Wir haben ihn, den starken und streitbaren DGB.“

Die anwesenden 379 VertreterInnen der im DGB zusammengeschlossenen acht Einzelgewerkschaften haben die Aufmunterung gerne gehört. Die Realität entspricht allerdings nicht so ganz den Worten des Bundespräsidenten. Die Mitgliederzahlen sinken. Inzwischen sind weniger als 6 Millionen Menschen in einer DGB-Gewerkschaft organisiert, obwohl sich die Zahl der Erwerbstätigen auf einem Rekordniveau bewegt. Auch die Zahl der Betriebe mit Tarifbindung nimmt ab.

Unter dem Motto „Solidarität, Vielfalt, Gerechtigkeit“ wird das „Parlament der Arbeit“, wie der DGB sein alle vier Jahre tagendes höchstes Beschlussgremium nennt, noch bis Don­nerstag über die vielfältigen Herausforderungen beraten, vor die sich die Gewerkschaften gestellt sehen. Die Themenpalette reicht vom digitalen Wandel über gleiche Bezahlung von Frauen und Männern, Mindestlohnerhöhung, Steuergerechtigkeit und Rüstungskonversion bis hin zum Umgang mit der AfD. „Auch viel zu viele unserer Mitglieder haben leider diese Partei gewählt“, konstatierte DGB-Chef Reiner Hoffmann in seiner Eröffnungsrede. 15 Prozent waren es bei der vergangenen Bundestagswahl. Hoffmann betonte demgegenüber: „Solidarität, Vielfalt und Gerechtigkeit sind unsere Werte.“

Wie auch seine MitvorständlerInnen Elke Hannack, Annelie Buntenbach und Stefan Körzell stellt sich Hoffmann am Montag zur Wiederwahl. Dabei kann er auf die Unterstützung aller acht Vorsitzenden der Einzelgewerkschaften zählen. Beim letzten Mal holte er stolze 93,1 Prozent. Die Messlatte liegt also hoch.

Dass der Wuppertaler Di­plom­ökonom, der Ende Mai 63 Jahre alt wird, noch einmal antritt, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie. Denn in der Vergangenheit galt für Gewerkschaftsfunktionäre die ungeschriebene Regel, nicht mehr für einen Posten anzutreten, wenn sie während der nächsten Amtszeit die 65-Jahre-Marke passieren würden. Doch nun folgt Hoffmann dem Beispiel von Verdi-Chef Frank Bsirske, der 2019 erst mit 67 Jahren abtreten wird, und schiebt die Altersgrenze für sich hinaus.