heute in hamburg

„Ein Kunstmuseum ist neutral“

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Marion Koch, 57, Kunsthistorikerin und Kunstvermitterin, Arbeitsschwerpunkt ist der interkulturelle und interreligiöse Dialog an Museen

Interview David Günther

taz: Frau Koch, wie bringen Sie Menschen aus verschiedenen Religionen zusammen?

Marion Koch: Durch Projekte wie „Kunst im Interreligiösen Dialog“ in der Hamburger Kunsthalle. Drei Referenten aus verschiedenen Religionen sprechen dann aus ihrer Sicht über ausgewählte Kunstwerke zu einem bestimmten Thema. Dadurch bekommen alle Anwesenden neue Sichtweisen auf des Werk und Einblicke in die jeweiligen Religionen.

Was sind das für Themen?

Zum Beispiel die Frage der Gottesvorstellung, die Bedeutung von Wasser in den Religionen oder die vom Sterben, Tod und was danach kommt. Eine Frage, die alle Menschen betrifft, auch Atheisten.

Haben die Kunstwerke selbst denn immer einen religiösen Hintergrund?

Es gibt in der Sammlung der Kunsthalle viele Kunstwerke, die im Auftrag der Kirche entstanden sind. Wir wählen nach Möglichkeit ein zweites Kunstwerk, dass nicht explizit in einem religiösen Kontext entstanden ist.

Gibt es auch Tabu-Themen?

Nein, die Themen werden oft von den Referierenden selbst vorgeschlagen bzw. die Referierenden melden sich zu den Themen, an denen sie Interesse haben. Es gibt zwar schwierigere, mit Vorurteilen belastete Themen, durch den Dialog können Grundinformationen gegeben und Missverständnisse geklärt werden.

Hätten Sie ein konkretes Beispiel für solch ein schwieriges Thema?

Das Thema der Beschneidung Jesu. Die Darstellung auf dem christlichen Gemälde war für die jüdische wie die muslimische Referentin überraschend. Denn von Jesus, einem wichtigen Propheten für Muslime, wird angenommen, dass er beschnitten geboren wurde. Für die jüdische Referentin schien die Darstellung einer Opferszene gleich, was nicht der Bedeutung der Beschneidung entspricht.

Glauben, sehen und verstehen, Diskussion. Wie können Kulturinstitute zu einer offenen Gesellschaft beitragen und was für eine Rolle spielt die Religion, KörberForum, Kehrwieder 12, Eintritt frei

Entstand auch mal ein heftiger Konflikt?

Es gab nur einmal einen Fall, bei dem ich den Eindruck hatte, dass sich eine missionarische Situation entwickelt. Die habe ich als Moderatorin dann unterbunden.

Was ist wichtig für eine offene Gesellschaft?

Die Begegnung und der Austausch mit Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen ist wichtig, um zu erfahren, wie viele Gemeinsamkeiten wir haben, und dass die Unterschiede etwas Bereicherndes und nicht Beängstigendes sein müssen. Auch nicht das Ausüben einer Religion.