Benno Schirrmeister über die Verchristlichung der SPD

Die unterwanderte Partei

Wenn sie wenigstens konsequent wären. Aber den Bruch, der dafür nötig wäre, den Verzicht auf die großen alten Namen, den traut sich die SPD nicht, deren Generalsekretär Lars Klingbeil jetzt der Hamburger Laizisten-Gruppe in der Partei verboten hat, sich als Sozialdemokraten zu bezeichnen.

Konsequent wäre, wenn diese Partei dann auch jeden Bezug auf Kurt Schumacher, den SPD-Abgeordneten aus dem Wahlkreis Hannover-Süd und ersten Oppositionsführer im Deutschen Bundestag, jeden Bezug auf Erich Ollenhauer, den Parteivorsitzenden der Adenauer-Ära, und doch wohl auch auf Willy Brandt unterließe. Denn diese Männer waren keine frommen Christen. Sie hätten in der SPD von heute keinen Platz – weil sie daran mitgewirkt haben, diese säkulare Partei auch für Gläubige durchs Godesberger Programm interessant zu machen.

Sie haben seinerzeit mitgearbeitet an dessen strategisch wichtigem, fein austariertem Kompromiss. Der sollte einen Burgfrieden herstellen zwischen den marxistisch-atheistischen Traditionssozialdemokraten und den christlich inspirierten Anhänger*innen eines demokratischen Sozialismus. „Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ist die Partei der Freiheit des Geistes“, hatte es 1959 stolz geheißen – und die Freidenker*innen in ihr waren in der Mehrheit. Heute, 60 Jahre später, gilt ein Grundsatzprogramm, das sich auf irgendwelche fantasierten christlich-jüdischen Wurzeln beruft: Die Öffnung für Kirchgänger hat eine Machtübernahme durch Klerikale ermöglicht, die Ideologie nur noch als Schimpfwort kennen und weltliches Denken verteufeln: Wer sich die Religion ins Haus holt, bekommt Intoleranz gratis dazu.

Die Verchristlichung der SPD ist dabei gravierender als die ab und an beschworene Sozialdemokratisierung der CDU. Denn anders als diese diskreditiert sie den eigenen Überbau – die materialistische, säkulare Theoriebildung – und verdrängt das eigene ursprüngliche Anliegen. Einer Partei, der dies gelingt, bleiben nur noch die Beichte, die Letzte Ölung und der Tod. 22