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Unverpackt ist günstiger

Weitgehend auf Verpackung zu verzichten, ist heute schon mit geringen Aufwand möglich. Denn es gibt Alternativen. Das setzt allerdings ein waches Auge schon beim täglichen Einkauf voraus

Mittlerweile gibt es wieder Geschäfte, in denen man seine Einkäufe selbst abfüllen kann Foto: Amelie Geiger/dpa/picture alliance

Von Ansgar Warner

„Die gesamte Welt kann zu Plastik werden, und gar das Leben selbst“, jubelte in den 1950er Jahren der französische Philosoph Roland Barthes, „eine einzige Substanz ersetzt in Zukunft alle anderen.“ Die aus heutiger Sicht eher düster klingende Prophezeiung hat sich fast erfüllt. Wurden 1950 erst 1,5 Millionen Tonnen Kunststoff produziert, sind es aktuell 300 Millionen Tonnen pro Jahr.

Ein alltäglicher Einkauf bei Edeka: Die Tomaten sind in Plastik verpackt. Der Salat in einer Plastikschale ist mit Plastik verhüllt. Die losen Möhren kommen in eine Plastiktüte von der Abreißrolle. Der Joghurtbecher besteht außen aus Pappe, innen aber aus Plastik. Der Deckel: komplett aus Plastik. Am Ende der Woche quillt in der Küche der Plastiksack im Grüne-Punkt-Mülleimer über und wird auf der Müllinsel im Hinterhof in den Müllcontainer entsorgt – der selbstverständlich aus Plastik besteht. Da kann man sowieso nichts machen, und darf sich bequem auf dem Plastiksessel zurücklehnen? Nun ja.

Eine wachsende Zahl von Zero-Waste-Held*innen sieht das nämlich ganz anders: „Wir kaufen in Unverpackt-Läden ein, machen unsere Zahnpasta selbst und ohne unsere eigenen, personalisierten Coffee-to-go-Becher sieht man uns nicht“, sagt etwa Milena Glimbovski. „Wir zwinkern uns zu an der Käsetheke, wenn wir die mitgebrachten Edelstahlbehälter des anderen sehen.“ Die Mittdreißigerin muss es wissen – sie hat nicht nur den Ratgeber „Ohne Wenn und Abfall“ geschrieben, sondern in Berlin-Neukölln einen der ersten Unverpackt-Supermärkte mitgegründet, und hilft damit anderen beim Müllvermeiden. Plastikfrei scheint das neue Vegan zu werden: von Freiburg bis Kiel gibt es inzwischen Dutzende solcher Läden in Deutschland.

Das Problem dahinter bleibt eine Herausforderung. Denn die Deutschen sind Müllweltmeister: Pro Kopf erzeugen wir allein mit Plastikverpackungen 40 Kilogramm Abfall pro Jahr. Der Löwenanteil davon verpufft in Müllverbrennungsanlagen, nur ein magerer Rest wird recycelt. Im Gegensatz dazu sind Glasflaschen, Pappkartons und selbst Weißblechdosen fast komplette Wiedergänger. So richtig los werden wir das Plastik aber auch nicht, nur auf weitaus hässlichere Weise. Ziemlich viel Plastikabfall wird über die Flüsse ins Meer geschwemmt, zerfasert in den Ozeanen zu Mikroplastik und wird Teil der Nahrungskette, an deren Spitze der Mensch sitzt.

Schuld an diesem Debakel ist streng genommen ein Belgier. Hendrik Baekeland ahnte wohl nichts Böses, als er 1905 in seinem Labor ein Gemisch aus Phenol und Formaldehyd in eine Form goss und aushärten ließ. Damit hatte Baekeland den ersten vollsynthetischen Kunststoff der Welt hergestellt, der unter dem Namen „Bakelit“ in die Geschichte einging. Das war revolutionär, und gleichzeitig fatal. Plaste und Elaste im modernen Sinn gab es bis dahin nämlich nicht, man brauchte immer noch einen Naturstoff, wie etwa Kautschuk, als Grundlage. Doch nun ließen sich Gegenstände aller Art wie auch ihre Verpackungen allein auf Basis von Erdöl herstellen – schön für die Industrie, schlecht für den Rest der Welt.

Die Deutschen sind Müllweltmeister: pro Kopf 40 Kilo Plastik­abfall jährlich

Zukünftige „Garbologen“, also Müll-Archäologen, werden unser Zeitalter vielleicht mal die „Joghurtbecher-Kultur“ nennen – denn unser Plastikmüll ist so dauerhaft wie antike Keramik. Fragt sich nur, wie dick die Plastikschicht im Boden noch wird. Denn wenn es bis 1950 fast ohne Plastik ging, geht es dann nicht auch heute? Lauren Singer hat den Beweis im privaten Konsumbereich bereits in aller Öffentlichkeit erbracht: Die Social-Media-affine Umweltwissenschaftsstudentin aus den USA zeigt auf YouTube siegesbewusst ein kleines Glas mit Metallteilen in die Kamera. Das sei der Restmüll eines ganzen Jahres, Null-Müll-Ziel erreicht. Dem Plastik gehen die Nullmüller*innen mit einer Mehrfach-Strategie an den Kragen: Es fängt an mit Konsumverweigerung, falsch verpackte Produkte werden ebenso abgelehnt wie Plastikgegenstände, die sich durch Alternativen ersetzen lassen. Reparieren und wiederverwenden gehört dazu, und am Ende des Produktzyklus Kompostierung oder Recycling.

Die „Zero Waste“-Bewegung hat inzwischen auch in Deutschland eine ganze Reihe von Ratgebern hervorgebracht, vom „Zero Waste Nähbuch“ bis zum Haushalts-Klassiker „Fünf Hausmittel ersetzen eine Drogerie“: „Mit Natron, Soda, Essig, Zitronensäure und Kernseife lassen sich fast alle Drogerieprodukte herstellen“, behaupten die Autoren. Die Köchin und Aktivistin Sophia Hoffmann wiederum widmet sich in ihrem Buch „Zero Waste Küche“ dem Thema Kochen und Lebensmittel, und gibt das Motto der ganzen Bewegung vor: „Ich sehe keine Mängel, sondern Möglichkeiten.“

Auch wenn das vielleicht mehr Planung und mehr Zeit erfordert. Mehr Geld zumindest wird man nicht los, wenn man es richtig macht: „Teuer sind Fertigessen und Spon­tan­einkäufe. Preiswert dagegen ist es, einen guten Kochplan zu erstellen. Lose Produkte sind je nach Warengruppe 10 bis 30 Prozent günstiger“, berichtet die Unverpackt-Expertin Milena Glimbovski. Neben der Betonung des Selbermachens – ob es nun um Speisen, Reinigungsmittel oder Kosmetika geht – hat Zero Waste sehr viel mit cleverem Ersetzen zu tun: die Spannbreite reicht von Holzspülbürsten oder Strohhalmen aus Metall oder Nudeln bis zu abwaschbaren Schminkpads. Letztlich gilt es also, Roland Barthes rückwärts zu buchstabieren: statt ein Material zu monopolisieren, wieder möglichst viele Alternativen zum Zuge kommen lassen.