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Dem Ruf der Wildnis folgen

Die Aufgabe, Artenvielfalt zu erhalten, kann niemand im eigenen Garten lösen. Helfen könnte eine entschlossene Politik – die Weichen sind längst gestellt

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Ulrike Fokken

istJournalistin, Autorin und ausge­bildete Wildnis­pädagogin. Sie hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, unter anderem „Wildnis wagen!“ (Heyne/Ludwig 2014).

Pro Tag verschwinden 150 Tier- und Pflanzenarten von diesem Planeten, ganze Ökosysteme brechen zusammen. Die Wildnis ruft nach Hilfe – und die Wissenschaftler des Weltbiodiversitätsrats haben in einem kürzlich vorgestellten Bericht diesen Schrei für alle Welt in Worte gefasst.

Das Wort „Artensterben“ verschleiert in seiner Passivkonstruktion, dass der Homo sapiens dahintersteckt. An der Spitze der Nahrungskette vernichten wir erst den Lebensraum aller anderen Lebewesen und damit dann die Grundlage allen Lebens.

Wir machen das, also können wir das auch ändern. Lösen wir uns aus der Schockstarre!

Der Mensch ist kreativ, neugierig, mitfühlend und schlau genug, die Botschaft zu verstehen. Unzählige Menschen haben den Ruf bereits gehört und verstanden. Sie pflanzen ihr Gemüse in Stadtgärten, tauschen Kleider, leben vegan, bauen an Alternativen zur Konsumgesellschaft, gehen jeden Freitag für die Zukunft auf die Straße. Sie sind die Avantgarde einer naturverträglichen Art des Wirtschaftens.

Doch bis sie den Mainstream erreicht haben, kann es zu spät sein. Sie brauchen Verbündete in Wirtschaft, Politik, Medien, Universitäten, um den Wandel im Denken und kollektiven Handel zu beschleunigen. Und all die Unternehmer, Managerinnen, Politiker, TV-Moderatorinnen können jetzt zeigen, ob sie zur Lösung beitragen oder weiter ein Teil des Problems bleiben.

Denn es ist keine Frage mehr, ob wir unsere Lebens- und Wirtschaftsweise ändern – sondern nur, wie wir sie ändern. Im eigenen Garten kann niemand diese Aufgabe lösen. Wir brauchen eine starke Bundeskanzlerin, die auf ihr Herz und die Wissenschaftler hört.

Stellen wir uns mal folgendes Szenario vor: Angela Merkel geht in einen Wald, freut sich an Maiglöckchen und den Schlüsselblumen am Wegesrand, hört Buchfinken zwitschern, beobachtet, wie Ameisen einen Laufkäfer davontragen. Sie fühlt die natürliche Harmonie, und sie erinnert sich, dass ihr schon im Januar 2010 klar war: „Die Frage der Erhaltung der biologischen Vielfalt hat dieselbe Dimension und Bedeutung wie die Frage des Klimaschutzes.“

Merkel beschließt, ihre Macht als Bundeskanzlerin zu nutzen. Sie erklärt den Erhalt der biologischen Vielfalt zur Strategie der Bundesregierung und damit zur Voraussetzung allen staatlichen Handelns. Jedes Gesetz bedeutet dann einen taktischen Schritt, mit der Deutschland und die Bundesregierung die Strategie erfüllt und das Ziel erreicht: den Erhalt der Ökosysteme.

Gut, dass die Kanzlerin tatsächlich schon 2007 mit Kabinett und Bundestag eine Nationale Biodiversitätsstrategie verabschiedet hat. Mit dem damaligen Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hat sie 330 Ziele zum Schutz von Tieren, Pflanzen und ihren Lebensräumen gesetzt. Bislang kümmert sich kaum jemand darum.

Doch in unserem Szenario nutzt Merkel, nun ganz in ihrem Element, ihre Richtlinienkompetenz – und sagt an, womit die Minister und Ministerinnen sofort loslegen.

1. Da die Bau-, Verkehrs-, Landwirtschafts- und UmweltministerInnen die vergangenen 12 Jahre verdaddelt haben, müssen sie nun einen Zacken zulegen. Ganz oben auf der Liste steht, den Flächenverbrauch zu stoppen. Deswegen dürfen keine weiteren natürlichen Flächen versiegelt werden. Also keine Bundesautobahnen bauen, keine Landebahnen und keine Flughäfen weiterbauen, keine Gewerbegebiete und keine Windkraftanlagen anlegen, keine neuen Häuser auf vorher unbebauten Flächen. Ziel wird es sein, zu nutzen, was an Bauten vorhanden ist. Nicht immer größer, weiter, schneller, sondern intelligenter, genügsamer, naturverträglicher, lautet die ­Devise.

2. Das bayerische Volksbegehren „Rettet die Bienen“ für die Landwirtschaftspolitik in ganz Deutschland übernehmen. Mit sofortiger Wirkung werden Glyphosat und die anderen 17 systemverändernden Pestizide verboten, die die Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner gerade genehmigt hat. Gleichzeitig suchen Bildungsministerin Anja Karliczek und Wirtschaftsminister Peter Altmaier nach Subventionen in ihren Etats, mit denen sie die Chemieindustrie im Wandel zu einer lebenserhaltenden Industrie unterstützen können.

Das Wort „Artensterben“ verschleiert in seiner Passiv­konstruktion, dass der Homo sapiens dahintersteckt

3. Das Ziel, Insekten und ihre Lebensräume zu erhalten, führt direkt nach Brüssel, wo Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner sich endlich dafür einsetzt, dass EU-Agrarsubventionen ausschließlich für den Naturerhalt gezahlt werden.

4. Finanzminister Olaf Scholz setzt das von Sigmar Gabriel einst angestoßene Forschungsprogramm des Umweltökonomen Pavan Sukhdev um, der die Naturzerstörung in die wirtschaftliche Gesamtrechnung eingepreist hat. Scholz ist dafür qua Amt nicht zuständig, doch sitzen im Bundesfinanzministerium die Rechnerinnen und Rechner, die Sukhdevs Theorien in Kennzahlen und eine Methode zur wirtschaftlichen Gesamtrechnung umsetzen können. Scholz kann zudem Abschreibungsregeln und die Unternehmensbesteuerung naturverträglich reformieren und mit Steuern den vom Biodiversitätsrat geforderten Systemwechsel steuern.

5. Heimatminister Horst Seehofer, altersweise und noch einmal in ganzer politischer Größe, unterstützt Merkel darin, die für den Wandel aufgeschlossenen Menschen aus Gewerkschaften, Unternehmen, Parteien, Wissenschaft, Kirchen und Moscheen zu einen. Und mit ihnen die Zauderer und Ängstlichen zu überzeugen.

Wir brauchen keine Ökodiktatur, um den Wandel sofort anzustoßen. Es reicht, wenn wir alle mit dem beginnen, was wir längst wissen und was die Regierung beschlossen hat. Es genügt, wenn wir dem Ruf der Wildnis folgen – und handeln.