Kurzkritik Jan-Paul Koopmann über „Fuck Identity – Love Romeo!“

Flucht aus dem Familienknast

Foto: Jörg Landsberg/Theater Bremen

Romeo und Julia sind ein bisschen beknackt, nein – völlig durchgeknallt. Sie können nicht wirklich was dafür, wie man weiß: Ihre familiären Verhältnisse sind ja schwierig, sie sind jung und verliebt und hatten eigentlich nie eine Chance. In Leonie Böhms nun wirklich sehr freier Inszenierung „Fuck Identity – Love Romeo!“ muss man sich das allerdings sehr bewusst machen.

Die Familien kommen nämlich gar nicht vor. Auch sonst keiner, außer eben dem Musterpärchen dieses teenagerverknallten Überdramas. Dafür stehen die gleich je doppelt auf der Bühne: zwei Romeos, zwei Julias, wobei nicht immer ganz klar ist, wer eigentlich gerade wer ist.

Weitab vom Shakespeare-Text geht es performativ in die Vollen: Da wird gebadet, geschrien, geheult, gelacht, geturnt und sich mit Schmackes auf die Fresse gelegt. Es ist wirklich völlig gaga, hart an der Grenze zum Klamauk, aber eben doch nie drüber. Das Stück hat über die freien Improvisationen wirklich was zu sagen über die Verhältnisse. Und das gar nicht unbedingt nur entlang der Genderfronten.

Böhm stellt die generelle Frage danach, was dein Name über dich sagt (also, der familiäre). Eingesperrt in identitätspolitische Sippenhaft bleibt einem eben kaum mehr als der Quatsch im eigenen Kopf und zu versuchen, mit anderen, denen es genauso geht, zurechtzukommen.

Es macht Spaß, da mitzuleiden. Annemaaike Bakker, Sophie Krauss, Vincent Basse und Justus Ritter sind hervorragend, ob sie nun ihre Rollen erforschen oder als Schauspieler*innen auf der Metaebene ins Quatschen kommen. Der Mut zum Chaos zahlt sich jedenfalls aus. Am Ende werden Sie viel gelacht haben, mussten sich vielleicht ein bisschen vorführen lassen – und ein bisschen mehr Klarheit über die verrückte Welt und ihre aktuell eskalierenden Debatten haben Sie dann ganz nebenbei auch noch mitbekommen.

Wiederaufführung: 16. 5., 15. 6. sowie 2. und 4. 7., 20 Uhr, Theater Bremen, Kleines Haus