Kein Ende ohne neuen Anfang

Eine neue Ausstellungsserie hat im KVOST begonnen: SchauFenster. Da geht es den Künstler:innenum Unsicherheit und Ängste in einer Zeit, die vom Umbruch der Lebenssituation geprägt ist

Honorata Martins Video „The World Looks so Much Better from Above“ ist nur auf Wunsch zu sehen Foto: Honorata Martin/KVOST

Von Jan Bykowski

Kunst kann auch unter den Bedingungen einer Pandemie mehr sein als eine weitere Videokonferenz. Die wichtige persönliche Nähe zum Werk lässt sich gegenwärtig im KVOST ausgerechnet anhand von Videokunst erleben – selbstverständlich unter Einhaltung aller gebotenen Regeln. Im Schaufenster der Ausstellungsräume des Kunstvereins Ost an der Leipziger Straße sind die Videoarbeit „Tranceformance“ der Kroatin Nina Kurtela und die Neoninstallation „The End of the Circle“ des Bulgaren Vikenti Komitski zu sehen. Eine sichere Art der Kunstbetrachtung und zugleich Auftakt der Reihe „SchauFenster“.

Ursprünglich war eine weitere Videoperformance vorgesehen. Das kuratierende Team Nathalie Hoyos und Rainald Schumacher hat sich aber zusammen mit dem KVOST-Vorsitzenden Stephan Koal dazu entschlossen, „The World Looks so Much Better from Above“ von Honorata Martin aus Gdansk nicht im Fenster laufen zu lassen. Wie in allen Arbeiten der Ausstellung geht es auch bei ihr um Unsicherheit und Ängste in einer Zeit, in der sich viele dem Umbruch ihrer vertrauten Lebenswirklichkeit ausgesetzt sehen. In ihrer Videoperformance steht Honorata Martin an der Dachkante eines Hochhauses. Sie ist bereits zu weit darüber hinaus nach vorn geneigt, um sich aus eigener Kraft noch auf die rettende Plattform zurückbewegen zu können. Vorm wahrscheinlich tödlichen Sturz in die Tiefe bewahrt sie lediglich noch ein nicht im Bild sichtbarer Freund, der sie mit der linken Hand an ihrem Pferdeschwanz hält. Eine existenzialistische Situation, in der es nur noch das Sein oder das Nichts für sie gibt.

Alles ändert sich

Inmitten der Hochhausarchitektur der Leipziger Straße und in der dieses Jahr für viele besonders einsamen Weihnachtszeit kann das für manche Betrachtende eine bedrohliche psychische Belastung bedeuten. Das Video wird daher lediglich auf einem Plakat angekündigt und ein Link angeboten. So können Betrachtende selbst entscheiden, ob und in welcher Umgebung sie sich diese starke Arbeit ansehen möchten.

Nina Kurtela steht in ihrem Video auf vergleichsweise sicherem Grund still. Untypisch für sie, die eigentlich aus dem Tanz kommt. Bewegung überlässt sie in „Transformance“ anderen. Über fünf Monate hinweg hat sie sich täglich in den Weddinger Uferstudios fotografiert, die währenddessen um sie herum von Werkstätten der BVG zum heutigen Kulturstandort und Zentrum für zeitgenössischen Tanz umgebaut wurden. Ihr zuzusehen, wie sich die Welt um sie herum unaufhaltsam und drastisch verändert, ohne dass sie selbst Einfluss zu haben scheint, ist nicht nur für Kunstschaffende in diesem seltsamen Jahr 2020 ein Sinnbild.

Viele lebten schon vor der Pandemie in prekären Verhältnissen

Es sind viele, wenn nicht die meisten, deren Umgebung sich gerade grundlegend umgestaltet. Sie werden sich an wandelnde Arbeitswelten gewöhnen müssen, an digital vermittelte Kontakte auch im Privaten und an einen Lebensstil, der sich wohl auch langfristig verändern wird. Alle in der Kultur Beschäftigten sind davon besonders stark betroffen und rücken jetzt, da es um ihre Existenz geht, in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Viele von ihnen lebten unterdessen auch schon vor der Pandemie in prekären Verhältnissen und ohne Sicherheit. Die zwiespältige Avantgarde-Situation, in der sie sich damit befanden und befinden, wird nun wohl für viele nachvollziehbar.

Der Titel „The End of the Circle“, den Vikenti Komitski seiner Installation aus Neonröhren gegeben hat, kann da deprimierend wirken. Ebenso kann er aber auch nach Hoffnung und Aufbruch klingen. Komitski hat die Buchstaben des titelgebenden Satzes in einen Kreis gefügt, der sich wie eine Schlange in den Schwanz zu beißen scheint. Wo es ein Ende in einem unaufhaltbar scheinenden Vorgang gibt, muss es auch einen Anfang geben.

Die drei Arbeiten stellen den Anfang einer Reihe im SchauFenster des KVOST dar. Zwar waren sie unter dem Eindruck der aufkommenden C-Krise zusammengestellt worden, die Art der Präsentation von Kunst ohne die Hemmschwelle, eine Galerie zu betreten, wird aber zu den Dingen gehören, die nach der Krise bleiben.

SchauFenster bei KVOST, Leipziger Straße 47, tägl. 14–22 Uhr, bis 28. Februar 2021