„Wir haben gelernt, die Fresse zu halten und zu funktionieren“

DEPRESSIONEN In Ägypten demonstrierten die Menschen, in Syrien tobte der Krieg – und in Berlin saß Stephan Urbach am Rechner und half den Aufständischen übers Internet. Tag und Nacht, bis er so ausgebrannt war, dass er an Suizid dachte. Ein Gespräch über Kuscheln im Netz, den Druck der Hackerethik und die Kraft der Sonne

INTERVIEW MEIKE LAAFF
UND DANIEL SCHULZ

Wäre es gekommen, wie Stephan Urbach es eigentlich vorhatte, er säße jetzt nicht hier in dieser Bar in Berlin. Er wäre tot. Vor einem Jahr schrieb er in seinem Blog: „Ich muss etwas gestehen. Etwas ziemlich Persönliches. Ich wollte sterben.“ Urbach schilderte, wie er wenige Tage vorher seinen Suizid genau geplant hatte, auch die Übergabe seiner Passwörter. In den Monaten zuvor hatte der Internetaktivist zusammen mit anderen Hackern Oppositionelle in Ägypten und Syrien unterstützt. Er arbeitete nächtelang, bis zu 30 Stunden am Stück und brannte schlicht aus. Aber dann entschied er sich, zu leben. Und zu sprechen.

sonntaz: Herr Urbach, macht Onlineaktivismus depressiv?

Stephan Urbach: Ja. Zumindest sind die Voraussetzungen dafür, durch Überlastung in eine Depression zu geraten, beim Onlineaktivismus ziemlich gut. Ich saß den ganzen Tag am Rechner und wurde völlig rausgerissen aus dem normalen Leben. Man setzt sich unter Druck, schläft immer weniger und arbeitet immer mehr. Ich dachte, wenn ich selbst nicht helfe, dann tut es keiner. Und wenn ich versage, dann sterben vielleicht sogar Leute.

Sie waren Mitglied der Gruppe Telecomix, die während der Revolution in Ägypten versucht hat, dort die Internetverbindungen aufrechtzuerhalten. Wie sind Sie da hineingeraten?

Das war ein Versehen. Als ich bei Telecomix eingestiegen bin, hat die Gruppe noch politische Prozesse beobachtet. Und als in Ägypten das Netz weg war, konnten wir dort nichts mehr beobachten. Wir haben dann diskutiert, wie wir helfen können, und schon nach drei, vier Stunden hatten wir eine Idee. Wir haben an unseren Rechnern alte Modems installiert, die man aus Ägypten anrufen konnte. Über diesen Umweg kam man ins Internet. Das hat funktioniert, deswegen haben wir weitergemacht. Was Telecomix jetzt ist, das war nie der Plan.

Warum sind Sie nicht ausgestiegen, als es anstrengend wurde?

Da ist zuerst der innere Druck, zu helfen. Dann hat man erste Erfolge und wird plötzlich von seinen Freunden und anderen Menschen in der Szene wahrgenommen. Das baut Erwartungen auf. Man wird schnell zum Helden.

Das ist doch schön, oder?

Einerseits war es schwer für mich, das Leute mich so sehen. Aber der Erfolg ist wie eine Droge. Mich musste mein Mitbewohner mehrfach dazu zwingen, zu essen. Oder schlafen zu gehen.

Was war das Schlimmste, was Ihnen widerfahren ist?

Es ist eigentlich alles viel zu viel. Die Zahl der Aufgaben, die Erwartungen. Aber am allerschlimmsten ist es, Menschen zu verlieren. Wenn der Kontakt zu Leuten auf einmal abreißt. Und dann bekommt man eine Woche später Bilder von ihren Leichnamen, um die ins Netz zu stellen.

Diese Bilder haben Sie von anderen Aktivisten bekommen?

Von anderen in Syrien, ja. Ich hatte da einen Fall, dass jemand plötzlich weg war. Und wir haben dann von einem anderen Kontakt das Video bekommen, das zeigt, wie er in einem Folterzentrum getötet worden ist.

Wie konnte jemand das filmen?

Das ist jemand vom Geheimdienst – ein Überläufer. Der hat das heimlich gefilmt. Dann kam der Film, und ich habe den bearbeitet, damit er ins Netz gestellt werden kann – so wie sonst auch.

Was genau haben Sie gemacht?

Wir haben das Video genommen und die Metadaten herausgenommen, anhand deren man Rückschlüsse darauf ziehen kann, wer gefilmt hat. Dann haben wir darauf geguckt, wen wir noch rausschneiden oder verpixeln müssen. Das ist ein ganz automatischer Prozess. Da sieht man auch, da stirbt gerade jemand, erleidet Schmerzen, wird totgeprügelt, das ist aber in dem Augenblick völlig egal. Die Arbeit muss ausgeführt werden.

Was passierte in Ihrem Kopf?

Das hat irgendwas in meinem Kopf gemacht, aber ich weiß nicht genau, was. Krass ist es, wenn ich mir das Video zum ersten Mal anschaue. Ich muss ja sehen, welche Werkzeuge ich überhaupt brauche. In dem Augenblick ist das Ansehen dieser Berichte über Erschießungen oder Prügel noch emotional. Die Arbeit selbst ist dann mechanisch.

Und wie lernen Sie, mit dem emotionalen Part umzugehen?

Gar nicht. Tätigkeiten wie Videos bearbeiten mach ich nicht mehr. Das würde mich umbringen.

Sind Sie in Therapie?

■ Leben: Urbach, 31, geboren im hessischen Lauterbach, aufgewachsen in Hanau, lebt in Berlin. Nach einem abgebrochenen Lehramtsstudium und einer Ausbildung zum Bankkaufmann hatte Urbach zunächst eine Stelle bei dem Internetunternehmen AOL. Seit 2011 arbeitet er als Referent für die Fraktion der Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus.

■ Engagement: Urbach ist Netzaktivist. Seit 2010 engagiert er sich in der Gruppe Telecomix, seit 2011 ist er im Vorstand des Vereins „12 Miles Ahead“. In beiden Organisationen arbeitet er an der Förderung freier Netzinfrastruktur und unterstützt Demokratiebewegungen des Arabischen Frühlings.

Ich habe es mit drei Therapeuten versucht und bin dabei, einen vierten zu finden. Teilweise kamen die überhaupt nicht mit meinen Problemen klar. Wie auch – mit solchen traumatischen Erfahrungen umzugehen, haben sie nicht gelernt. Bundeswehrpsychologen können das, die haben aber inzwischen auch genug Soldaten als Patienten.

Was hat Sie vom Suizid abgehalten?

Ich war auf dem Chaos Communication Camp, wo sich Hacker aus aller Welt auf einem Zeltplatz treffen. Andere Leute von Telecomix waren auch dort und wir haben gemerkt: Wir haben alle ähnliche Probleme. Der endgültige Auslöser war aber eine Gedenkfeier für einen Freund, der sich nach 15 Jahren Kampf gegen die Depression umbrachte. Viele Hacker kamen in unser Zelt, wir sprachen über ihn, es liefen Tränen. Da habe ich mich entschieden, leben zu wollen. Niemand soll so um mich trauern.

Online haben Sie dauernd kommuniziert. Warum brauchte es ein reales Treffen, um über die großen mentalen Belastungen zu sprechen?

Da hatten wir gefühlt zum ersten Mal Zeit, darüber zu reden. Das Camp war ja quasi unser Urlaub.

Aber Sie haben davor schon bemerkt, was mit Ihnen los ist?

Ich wusste, dass ich nicht mehr will.

Und wussten Sie das von den anderen Telecomix-Aktivisten auch?

Bei einigen habe ich es geahnt, aber weil keine Zeit war, hat das niemand angesprochen. Bei dieser Arbeit war ich für andere Dinge blind. Keine Chance. Selbst wenn jemand im Chat geschrieben hätte, dass es ihm schlechtgeht, hätte das wohl keiner wahrgenommen oder darauf reagiert.

Warum haben Sie dann nach dem Camp ihre Suizidgedanken veröffentlicht?

Das war nur für mich. Wir haben so gut gelernt, die Fresse zu halten und zu funktionieren, dass es in keinster Weise mehr akzeptabel ist. Da wollte ich raus.

Und die Reaktionen?

Wenig Negatives. Wer im Netz offen auf Kranke einschlägt, wird selbst geschlagen. Wenn mich jemand online beschimpft, dann gibt’s von anderen auf die Fresse.

Onlinearbeit endet theoretisch nie, weil im Internet immer etwas passiert. Verstärkt das die Gefahr, depressiv zu werden?

Es ist vor allem die Schlaflosigkeit, die einen zerstört. Zwei bis drei Stunden pro Nacht, das ist nicht gesund. Das wird vom Gehirn wie ein andauerndes belastendes Ereignis gewertet und erzeugt Schwermut. Um der zu entkommen, habe ich noch mehr gearbeitet, was den Schlafmangel weiter provoziert hat. Ich hab das auch erst nicht verstanden. Denn wie eine klinische Depression aussieht, ist ja ziemlich gut erforscht, aber das war es in meinem Fall ja nicht. Es waren ein paar depressive Symptome, die sich erst zu einer Erkrankung ausgewachsen haben.

Wie sah das bei Ihnen konkret aus?

Wir alle sind manchmal schwermütig, lustlos, auch über Wochen hinweg und können uns nur schwer aufraffen. Das geht oft wieder von selbst weg, meistens ganz banal, wenn das Wetter besser wird. Weil Sonne tatsächlich hilft. Manchmal verschwindet so eine Depression aber nicht von selbst, und dafür gibt es oft einen Auslöser – Stress, totale Verausgabung oder eben Schlafmangel.

Sie beschreiben einen Burn-out, oder?

Der klassische Burn-out ist ja eigentlich auch eine Depressionsform. Ich hab angefangen, darüber zu reden, und plötzlich melden sich bei mir ganz viele Menschen, die ich als Helden ansehe und die mir dann sagen: Hey, ich kenne das, ich habe das auch. Da war mir auf einmal klar: Okay, ich bin kein Einzelfall. Man spricht nur nicht drüber.

Warum nicht?

Die Hackerszene ist leider voll von Mackern. Gerade die amerikanischen Hacker, die Sicherheitssysteme knacken, sind eine reine Mackerszene. Da gilt noch: Harte Männer heulen nicht. Das ist auch in Europa so. Es gibt auch wenige Räume für solche Gespräche. Es gibt einen von Hackern besuchten Club in Wien, das Metalab, wo so etwas passiert, weil Florian sich in der Stadt umgebracht hat …

Florian Hufsky, ein österreichischer Hacker und Piratenpartei-Gründer, der sich 2009 das Leben nahm …

… genau, deswegen sprechen sie in Wien darüber. Das Metalab selbst ist fast schon ein sicherer Ort, ein Safe Space. Dort wird Diskriminierung nicht geduldet. So was kenne ich sonst nirgendwo.

Lässt sich etwas aus Florian Hufskys Fall lernen?

Bevor Florian sich umbrachte, habe ich seine Hilferufe auf Twitter gesehen, aber ich habe sie nicht wahrgenommen. Er hat zum Beispiel geschrieben: Ich möchte jetzt mal jemanden zum Sprechen. Wenn ich zu jemandem hingehe und sage: Du, wir müssen jetzt reden, dann ist das etwas Konkretes. Aber ich glaube, viele – auch ich – haben verlernt, Leute zu adressieren und konkret zu sagen: Ich brauche jetzt dich, damit du mir hilfst.

Auch in der Offlinewelt ist es schwer, Schwächen und Krankheiten einzugestehen. Gibt es Unterschiede zum Internet?

Aus besetzten Häusern kenne ich das von früher so: Wenn da jemand in einer Diskussion gesagt hat, dass er sich nicht wohlfühlt, wurde darauf Rücksicht genommen. Eine solche diskriminierungsfreie Umgebung gibt es offline eher als online.

Wie kommen Sie darauf?

Weil die Gruppen, die man offline kennt, viel kleiner sind als die Gruppen, mit denen man im Netz zu tun haben kann. Entsprechend geben sie auch mehr auf einander acht. In der Onlinewelt habe ich leicht eine Bezugsgruppe von 300 Leuten.

An vielen Arbeitsplätzen ist es sicher auch schwerer, eine Depression einzugestehen, als in einem besetzten Haus.

Natürlich. Ich bin jetzt auch online in einer privilegierten Situation. Das macht es leichter, über meine Depression zu sprechen. Ich hab diesen Heldenstatus, irgendwie. Es gibt Menschen in der weltweiten Szene, die sagen: Hört euch an, was er da zu sagen hat. Das ist gerade mein Glück.

Wer weniger bekannt ist, dem wird das verwehrt?

Dann kommen sofort die Fragen: Wer bist denn du? Was hast du geleistet? Ich hab mir durch die politische Arbeit einen Namen aufgebaut, der jetzt funktioniert. Wenn ich aus dem Nichts heraus in der Szene darüber gesprochen hätte, dann hieße es: Nun mach mal hier nicht mimimi.

Das Recht auf eine Depression muss man sich erst verdienen?

So hart es klingt, ja. Ich hoffe, dass sich das ändert. Deswegen rede ich auch auf öffentlichen Veranstaltungen. Aber die Veränderung geht sehr langsam, um ehrlich zu sein. Daran ist auch die Hackerethik schuld.

Wieso?

Ich halte diese Ethik für sehr dumm, weil sie unter anderem fordert, einen Hacker nicht nach dem zu beurteilen, was er ist, sondern nach dem, was er tut. Ich muss immer mehr leisten, damit ich als Person akzeptiert werde. Weil ich nur das bin, was ich tue. Dieser doofe Grundsatz hat ganz viel kaputt gemacht.

Hacker sehen sich selbst gern als kreativ, anarchistisch, als Avantgarde. Und sie scheinen nun genauso an der sogenannten Leistungsgesellschaft zu scheitern wie ein Büroangestellter oder ein Banker. Wie kann das sein?

Ich war ja mal Banker …

ein großer Sprung vom linken Hausprojekt zum Bankschalter.

Das war die einzige Chance einer Ausbildung, ohne das Geld meines Vaters noch länger in Anspruch nehmen zu müssen. Jedenfalls kamen meine Kollegen morgens um acht und gingen abends um acht. Das war genauso ihr Lebensinhalt, wie für mich der Aktivismus oder für einen Hacker das Eindringen in Systeme. Wir neigen alle dazu, aufzugehen im Job.

Also gibt es keinen Unterschied zwischen Hacker und Banker?

Hacker wollten so viel besser sein als der Rest der Gesellschaft. Wir durchdringen das, wir verstehen das, wir verbessern das. Am Arsch! Nichts ist besser.

Nicht einmal, dass Sie dort einen Job nicht für Geld gemacht haben, sondern aus Idealismus?

Statt Geld bekamen wir Anerkennung. Von der ersten Minute an. Kommt keine Leistung nach, hört die Anerkennung auf.

Selbst wenn Sie etwas geleistet haben, wurden Sie online oft beschimpft. Wie kommt das?

Die Leute wissen immer so vieles besser. Warum benutzen wir genau dieses Programm und nicht das andere, politisch korrektere? Warum verwenden wir genau diese Methode, um Videos ins Netz zu stellen? Das ist wie früher bei der Anti-Atomkraft-Bewegung als sich die Leute stritten, ob Straßenblockaden oder Demonstrationen besser sind. Heute haben sie erkannt, dass alles zusammen funktioniert. So weit sind Onlineaktivisten noch lange nicht, und diese Debatten kosten unheimlich viel Energie. Meine Bekanntheit ist dann auf einmal ein Freibrief dafür, dass man mich mit Scheiße zuschüttet.

Dann steckt hinter der sogenannten Schwarmintelligenz also nur massenhafte Besserwisserei?

Nein, es gibt viel Kreativität im Netz. Aber eben auch viele überhöhte Erwartungen. Als in Ägypten gewählt wurde und konservative Parteien so gute Ergebnisse eingefahren haben, kamen sofort die Ersten an und fragten: Dafür habt ihr nun die Revolution gemacht?

Wie gehen Sie mit Vorwürfen um?

Ich bin viel rigoroser geworden, beim Löschen von Kommentaren, beim Abblocken. Unglaublich, wie egal mir mittlerweile Menschen und ihre Vorwürfe geworden sind. Ich kenne Aktivisten, die machen ihr Ding, obwohl sie Menschen hassen. Die wissen, dass es wichtig ist, was sie machen, sagen aber: Bleib mir bloß weg mit Menschen.

Vielleicht sollten Sie alle einfach öfter mal rausgehen?

Ich bin gern im Netz. Ich mag dieses Draußen nicht. Da ist mir zu viel Natur, da sind Insekten, die mich angreifen, da ist Wind, Wetter, heiß, kalt, das ist mir zu hysterisch. Ich bin gern allein vorm Rechner. Ich bin nur ungern einsam. Es gibt einen großen Unterschied zwischen allein sein und einsam sein – ich bin online nicht einsam, es gibt viele Freundschaften dort.

Sind das Leute, die Sie schon vorher offline kannten?

Nein, die habe ich teilweise online kennengelernt. Ich unterscheide nicht zwischen Onlinefreunden und Real-Life-Freunden. Mein Onlineleben ist genau so real wie mein Offlineleben. Ob ein Freund hier stirbt oder in Syrien, ist vollkommen egal, es ist ein Freund gestorben.

Sie haben vorhin das Video erwähnt, das den Tod eines Aktivisten zeigt. Brauchen Sie nach solchen Bildern nicht eigentlich professionelle Betreuung?

Das ist schwer, weil wir im Gegensatz zu professionellen NGOs keine Supervison haben. Wenn bei Amnesty Leute im Ausland waren und die Folterknäste gesehen haben, dann gibt es für sie nach der Rückkehr spezielle Psychologen. Aber das könnten Gruppen wie Telecomix gar nicht bezahlen.

Wie sollen Aktivisten dann mit diesem Problem umgehen?

Ich habe es mittlerweile hinbekommen, mir ein Umfeld zu schaffen, das bereit ist, das mitzumachen. Ich frage mich, wie lange sie meine ganze Scheiße durchhalten.

Ihre Freunde kümmern sich um Probleme, die sonst von ausgebildeten Psychologen bearbeitet werden. Müsste sich die Szene nicht professionalisieren?

Das wird nicht passieren.

■ Telecomix: Die Gruppe Telecomix ist ein 2009 gegründetes Netzwerk von Internetaktivisten, die sich vor allem für den Schutz der Meinungsfreiheit einsetzen. Es gibt keine offiziellen Mitglieder, wer in den internen Chat darf, gilt als zugehörig. Je nach Projekt beteiligen sich etwa 10 bis 200 Menschen, alle ohne Bezahlung. Die Gruppe hat zum Beispiel in Syrien Oppositionellen Infrastruktur bereitgestellt, die es ermöglicht, das Internet sicherer zu nutzen, und aufgedeckt, wie die Netzüberwachung dort funktioniert und welche Firmen beteiligt waren. Außerdem hat Telecomix Anleitungen zum Umgang etwa mit Schusswunden oder Tränengas ins Arabische übersetzen lassen und veröffentlicht.

■ Depression: Es gibt bisher nur wenige Anlaufstellen und Informationsangebote für Netzaktivisten mit psychischen Problemen. Die englischsprachige Seite bluehackers.org beschäftigt sich seit Jahren unter anderem mit dem Thema Depressionen bei Hackern, ist aber eher unübersichtlich. Stephan Urbach arbeitet an einem Buch zu dem Thema, Literaturhinweise und Erfahrungen veröffentlicht er auf seinem Blog stephanurbach.de.

Drücken sich die Onlineaktivisten davor, weil sie Angst davor haben, etabliert zu werden?

Man ist ja schon meistens Teil einer Crew im Netz. Und die muss eben da sein und in der Lage sein, harte Entscheidung zu treffen. Also notfalls denjenigen hinauszuschleppen zum Arzt.

Verhindert das Beharren auf inoffiziellen Strukturen nicht einfach nur, dass sich etwas professionalisiert, das sich professionalisieren müsste.

Wir werden diese eher losen Strukturen nicht aufgeben. Weil das der Tod für eine unglaublich kreative Szene wäre. Hacken ist Kunst und Kultur.

Zurzeit sprechen Sie auf Konferenzen und schreiben ein Buch über Depression – das strengt auch an. Warum tun Sie das?

Ich versuche, mir darüber klarzuwerden, was ich getan habe. Und wie ich da hineingeraten bin. Andererseits versuche ich, meine Botschaft zu senden: Passt aufeinander auf. An den ersten Rückmeldungen merke ich, dass Hacker anfangen, aufeinander zu achten. Immer noch zu wenig, aber wenigstens fangen sie an.

Also wollen Sie wieder mal nur kurz die Welt retten?

Nein, ich arbeite viel weniger. Ich mache das noch drei oder vier Monate, dann bin ich damit durch. Dann müssen andere ran.

Und wie?

Der nächste Schritt wäre, Mechanismen aufzuschreiben: Wie kann man aufeinander achten, was sind Auslöser, was sind Strategien. So, dass Leute das nachlesen und verstehen können.

Die ersten Ideen für solche Tipps hören sich ziemlich banal an.

Nein, die sind total super. Zum Beispiel: Schickt Leute schlafen!

Und: Geht mehr raus, mehr an die Sonne …

Tretet die Wohnungstür ein! Schleift sie mit raus. Notfalls zum Arzt.

Meike Laaff, 32, ist taz-Redakteurin mit Schwerpunkt Netzpolitik und Netzkultur und hat Stephan Urbach auf der Internetkonferenz re:publica entdeckt

Daniel Schulz, 33, ist einer der beiden Leiter des Ressorts taz zwei/Medien und hat seine Therapie hinter sich