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Schwarz-Rot und GendergerechtigkeitGleichstellung in Gefahr

Simone Schmollack

Kommentar von

Simone Schmollack

Wenn die Bundesregierung sich nicht für die Gleichstellung engagiert, droht der rechte Backlash zu gewinnen. Besonders die Union ist desinteressiert.

Gleichstellung sei „ein Marathon, kein Sprint“, sagt Karin Prien. Das klingt wie Schlager aus den 1950er Jahren Foto: Rolf Poss/imago

G leichstellungspolitik hat gerade keinen guten Lauf. Das hat nicht nur mit einer weit verbreiteten Abneigung gegen das Gendern oder sogenannte queere Themen zu tun, sondern vielmehr mit der schwarz-roten Koalition.

Da mag Frauen- und Familienministerin Karin Prien (CDU) noch so sehr vor autoritären Kräften und deren Backlash-Zielen warnen, so wie sie es Anfang Dezember tat. Zu der Zeit feierte die UN-Frauenrechtskonvention ihr 40-jähriges Jubiläum. Gleichstellung sei „ein Marathon, kein Sprint“.

Prien hat durchaus recht, auch wenn Formulierungen wie diese in den Ohren von Gleich­stel­lungs­ak­ti­vis­t:in­nen wie Schlager aus den 1950er Jahren klingen müssen. Gleichstellung macht sich heute vor allem daran fest, wie Bereiche wie Arbeitsmarkt, Care-Arbeit, Entgeltgleichheit geregelt sind. Und ob Rechte wie das auf körperliche Unversehrtheit und reproduktive Selbstbestimmung gewährleistet sind.

Genau hier hat sich mit Schwarz-Rot nichts Wesentliches getan. Es scheint vor allem der Union gleichgültig zu sein. Nehmen wir allein den Abtreibungsparagrafen 218. Der hätte längst abgeschafft sein können, zu Zeiten der Ampelregierung hat es einen überfraktionellen Gesetzentwurf dazu gegeben.

Deutliche Gegensteuerung erforderlich

Aber die Union hatte – gemeinsam mit der FDP – die Abstimmung blockiert. Dabei plädieren mehr als 70 Prozent der Bevölkerung dafür, Schwangerschaftsabbrüche außerhalb des Strafrechts zu regeln. Darunter sind auch Wäh­le­r:in­nen der Union.

Oder nehmen wir den Gender-Pay-Gap. Die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern beträgt noch immer 16 Prozent – zum Nachteil der Frauen. Die will Karin Prien verringern und dafür bis Juni 2026 eine EU-Richtlinie für Entgelttransparenz in Deutschland umsetzen. Das klingt schon mal gut. Aber ob die Richtlinie tatsächlich ihre beabsichtigte Wirkung entfaltet, ist schon jetzt fraglich. Das Gesetz soll nämlich auch den Ar­beit­ge­be­r:in­nen schmecken. Oder wie sonst ist der Wille der Ministerin zu verstehen, dass die Umsetzung „aufwandsarm für die Arbeitgeber“ sein soll?

Oder anders gefragt: Wie soll Entgeltgleichheit hergestellt werden, wenn Ar­beit­ge­be­r:in­nen nicht deutlich, sondern lediglich aufwandsarm in die Pflicht genommen werden? Hieße das beispielsweise, das Auskunftsrecht für Mit­ar­bei­te­r:in­nen zu staffeln? Doch wo nicht transparent ist, wie ungleich die Löhne sind, kann es logischerweise auch keine Forderungen nach Lohngleichheit geben.

Mit einer gerechteren Verteilung von Care-Arbeit, sei es Kinderbetreuung oder Pflege, dürfte sich das ähnlich verhalten. Solange Mütter nach einer Zeit in Teilzeitjobs nicht wieder auf eine Vollzeitstelle zurückkehren können, Führungspositionen in Teilzeit als exotisch gelten, ältere Frauen auf dem Arbeitsmarkt weiterhin diskriminiert und schlechter bezahlte Pflegejobs vor allem von Frauen erledigt werden, bleiben die Lohn- und Care-Lücken bestehen.

Wird hier nicht massiv gegengesteuert, hat die politische Rechte, die Frauen- und Genderrechte per se anficht, ein überaus leichtes Spiel.

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Simone Schmollack
Ressortleiterin Meinung
Ressortleiterin Meinung. Zuvor Ressortleiterin taz.de / Regie, Gender-Redakteurin der taz und stellvertretende Ressortleiterin taz-Inland. Dazwischen Chefredakteurin der Wochenzeitung "Der Freitag". Amtierende Vize-DDR-Meisterin im Rennrodeln der Sportjournalist:innen. Autorin zahlreicher Bücher, zuletzt: "Und er wird es wieder tun" über Partnerschaftsgewalt.
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22 Kommentare

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  • Wenn Prien sagt, Gleichstellung sei ein Marathon und kein Sprint, sollte sie noch hinzufügen, dass man beides nicht gewinnen wird, wenn man, wie die aktuelle Bundesregierung, rückwärts statt vorwärts läuft.

  • Es ist sicher noch nicht alles Gold was glänzt, aber so apokalyptisch wie Frau Schmollack es darstellt ist es dann doch nicht:



    Der Gender-pay-gap entsteht nicht dadurch, dass Frauen für die gleiche Arbeit weniger Geld bekommen würden. Und eine gewünschte Rückkehr aus der Teilzeit in Vollzeit abzulehnen kann sich beim heutigen Fachkräftemangel kein Unternehmen mehr erlauben. Und die Pflege ist aktuell alles andere als schlecht bezahlt, Fachkräfte starten bei etwa 30 Euro pro Stunde. Und was die private Care-Arbeit angeht... nunja, das ist irgendwie wohl Privatsache. Wenn der Ehetrottel nicht ordentlich mitzieht, muss Frau ihn ja nicht mitziehen.

    • @Samvim:

      So ist es.

      Wobei die Rückkehr aus Teilzeit oftmals kaum gewünscht wird. Eher wird mit verschiedenen Prozentzahlen experimentiert. Zuerst 50%, dann ein paar Jahre 75%, dann doch wieder reduziert, usw. Das Problem dabei ist, dass Leute, die als Ausgleich angestellt werden, damit immer nur befristet beschäftigt werden können und zu immer neuen Prozentzahlen eingestellt werden können.

      Desweiteren wird wohl nach wie vor der ÖD nicht im Gender pay gap erfasst. Da wird weitgehend genderneutral bezahlt.

      Daher ist die Schlussfolgerung "Wird hier nicht massiv gegengesteuert,...", zumal ohne größere Ausführung, nicht nur Wunschdenken, sondern würde so oder so auch nicht den Rechtsschwenk verhindern.

  • Der größte Schritt zurück, den die aktuelle Regierung in Bezug auf Gleichberechtigung unternimmt, wird leider gar nicht erwähnt. Die neuen Musterungs- / Wehrdienst-Regelungen sind das Gegenteil von "gleichberechtigt".



    Da macht man es natürlich Leuten sehr einfach, zB gegen Regelungen für "equal pay" zu argumentieren ("was wollt ihr in Bezug auf Gehälter in der freien Wirtschaft regeln, wenn andererseits nur Männer gemustert werden und eingezogen werden können ?")

  • Ja, das ist schlimm. Wenn die Union und andere Kräfte die Zeit gerne in die 50-er Jahre zurückdrehen würden.



    Aber es ist ein Irrtum, wenn man glaubt, dass dieser Backlash nur von den Rechten kommt.



    Er kommt auch von teilweise denen, die man in den letzten Jahrzehnten zunehmend vergessen hat. Beziehungsweise nur an sie gedacht hat, wenn es darum ging, immer mehr von ihnen zu fordern und ihnen immer weniger zu geben. Denen, für die das Leben immer schwieriger wurde, die immer größere Probleme haben, Wohnung, Lebensmittel und Energie zu bezahlen und die immer mehr Angst vor der Zukunft haben, vor Altersarmut. Die fühlten sich in unserer Gesellschaft immer mehr im Stich gelassen und immer ungerechter behandelt. Teile davon haben dann eine Wut darüber entwickelt, dass man für Frauen und Diverse so viel tut and für sie so wenig. Unsere Gesellschaft muss wieder lernen, fair und gerecht gegenüber allen zu sein, inkl. Frauen, LGBTQ und den ärmeren 30-50%.

    • @EchteDemokratieWäreSoSchön:

      stimme zu , diese Ellenbogengesellschaft, die inzwischen viel zu viele ausschliesst, muss von den -etwas- priviligierteren BürgerInnen erkannt werden, damit der Reichtum wieder gerechter verteilt werden kann. Wir haben schlicht ein pervertiertes Parteiensystem mit den falschen Kandidaten.

  • Nennen wir es doch einfach wie es ist: Selektive Gendergerechtigkeit. Offenbar ist die Frauenquote im Straßenbau und auf Baustellen nicht relevant - obwohl Frauen natürlich alles können, was Männer können. Aber in Führungspostitionen sieht es wohl anders aus.

    • @FraMa:

      Es geht um gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit!

  • Die Berechnungsgrundlage für diese Gehaltslücke zwischen den Geschlechtern wird nicht ganz deutlich. Der Link im Artikel verweist auf einen "bereinigten 'gap'" von 6%, aber in beiden Fällen (bereinigt oder unbereinigt) werden nicht alle Grundlagen genannt. Oder habe ich das übersehen? Andere Institute haben teilweise abweichende Zahlen, daher wären die Berechnungsgrundlagen wichtig!

    Eine andere Methode um diese Lücke zu schließen ist die Förderung von Männern in sozialen Berufen (Kindergarten, Pflege, ...). Gibt es das schon als Programm? Ich würde gerne mehr männliche Rollenmodelle im Erziehungsbereich sehen und finde das wichtig, nicht nur wegen der Gleichstellung.



    Und gerne auch mehr Frauen in IT Berufen! Warum fehlen diese dort, trotz langer Förderprogramme? Vielleicht fehlt da eine andere Art von Förderung? Eine gute Evaluierung wäre mal nett, die man auch in der Zeitung lesen kann!

    Aber solange unsere Regierung und irgendwelche Gleichstellungsbeauftragten es nicht einmal schaffen, dass unsere Bundeswehr Frauen genauso wie Männer mustert, wird das wohl nix mit der Gleichstellung. Schade, verpasste Chance!

  • Wie bitte soll Frau Prien das Gesetz umsetzen, wenn nicht möglichst aufwandsarm? Es ist doch eine Binsenweisheit, dass die Wirtschaft nicht zuletzt auch durch einen unglaublichen Wust an Bürokratie und Berichtspflichten ausgebremst wird; da ist es doch nur vernünftig nicht blind draufzusatteln sondern vorher zu schauen, wie es aufwandsarm gestaltet werden kann.

  • Schönes Foto. Borgward Isabella. 1950er. Mein Vater schwärmte davon. Er konnte sich aber kein Auto leisten.

  • Was erwartet man denn von einer Partei, die im gesellschaftlichen Denken des wilhelminischen Zeitalters verharrt? Und die ehemals stolze sPD? Die gucken zu - wie immer....

    • @Perkele:

      Sowohl für CDU wie auch Regierung gilt: „Wie der Herr, so das Geschirr.“ Gerade Merz hat sein völlig antiquiertes Frauen- und Gesellschaftsbild doch seit Jahrzehnten immer wieder öffentlich gemacht.

  • Wer Gleichstellung anmahnt, sollte auch Musterung und Wehrpflicht ansprechen!

    • @Lin Chou:

      Jede Frau, die das möchte, kann zur Bundeswehr gehen. Für mich ist das so okay.

    • @Lin Chou:

      Machen wir sofort, wenn Männer die künftigen Soldaten selbst austragen 😁

  • "Mit einer gerechteren Verteilung von Care-Arbeit ... dürfte sich das ähnlich verhalten."

    Das kann der Gesetzgeber aber nicht regeln, weil es vor allem innerhalb der Beziehungen passiert. Hier hilft nur Augen auf bei der Partnerwahl.

    In den anderen Bereichen müsste sich etwas tun. Mit der Union in der Regierung und Fritze an der Spitze ist das aber nicht zu erwarten.

    • @warum_denkt_keiner_nach?:

      Der Gesetzgeber kann hier sehr wohl entsprechende rechtliche Grundlagen schaffen, was von dieser Regierung allerdings nicht zu erwarten ist.

  • Es ist wie mit den Zahlen der Rechten, wenn es um Migrationspolitil geht, man nimmt diese nicht ernst. So ist es auch bei der anderen Seite, wenn man genau die Zahlen nimmt, welche sein Argument untermauernt, aber so ziemlich jeder weiß, dass die Realität und Relation gesetzte Zahlen, wesentlich geringfügiger ausfallen.



    Was auch gern gemach wird komplett ohne Zahlen zu agieren, um seinen Standpunkt durchzubringen. Wie zum Beispiel bei Tode durch die Polizei. Die las man in keinem Artikel. Zwischen 15 und 25 pro Jahr bei Millionen Interaktionen.



    Care Arbeit liest man auch nur, dass sie hauptsächlich von Frauen gemacht wir, der Anteil der männlichen care arbeit beträgt zwischen 30 und 40 Prozent. Liest man nicht, genau wie selten geschrieben wird wieviel Millionen Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten gehen und ein unverzichtbarer Teil unserer Gesellschaft.



    Liest man alles selten bis nie, untergräbt es doch das eigene Narrative.

  • Wir jammern nur über die AfD. Aber die Männerriegen vor Allem der CDU/CSU sind doch diejenigen, die das Klima vergiften, alles blockieren und versuchen, Emanzipationsbewegungen wieder einzusammeln und das aus aus purem Eigennutz. Wir müssen und darum kümmern, Typen wie Spahn, Söder, aber auch Klingbeil möglichst rasch loszuwerden, sie verhinderten, dass aufrechte Demokraten sich überhaupt noch trauen, sich für eine offene Auseinandersetzung einzusetzen und die alles zu tun, damit auch Ärmere wieder Chancen bekommen und der Reichtum unserer Gesellschaft hier im Lande bleibt und gerecht verteilt wird. Es sind die gegenwärtig an der Macht Beteiligten, die -obwohl immer weniger Menschen sie wählen- erst die AfD erstarken lassen. Ich frage mich, wie z.B. eine nach 68 geprägte Wohlstandsgemeinde diesen roll back der im Prinzip Ahnungslosen und Lobbyisten getriebenen, angeblich demokratischen Abgeordneten zulassen konnten.... Welche Rolle spielen in dieser unseren Gesellschaft noch Verstand und Gemeinwohl ?

  • "Der dritte Geburtenrückgang im vereinigten Deutschland



    Seit der deutschen Vereinigung im Jahr 1990 erlebt Deutschland gerade den dritten Geburtenrückgang. Im Jahr 2024 wurden 677 117 Kinder geboren. Das war der niedrigste Wert seit 2013. Zum ersten Mal sanken die Geburtenzahlen zwischen 1990 und 1995 von 905 675 auf 765 221 Kinder um 16 %." (Zitat)



    Wäre ich Frau in diesem Land, würde ich es mir gründlich überlegen, ob ich auf Kinder und Familie nicht besser verzichte - gerade als gut Ausgebildete. Ich habe sehr viele Frauen kennengelernt, die gut ausgebildet, später dann nur noch schlecht bezahlte Teilzeitjobs hatten - sozusagen das Familieneinkommen "aufgestockt" haben. Die Männer machten dagegen Karriere. Und was ist im Falle einer Scheidung? Dann sieht es noch düsterer aus.

  • Schönes Bild zum Thema:



    Der Borgward: - eine ziemlich große Firmenpleite, die aber durchaus hätte verhindert werden können, denn das Produkt war Spitze und der Insolvenzplan hätte funktioniert.



    Eine Analogie der Gleichstellungspolitik zu einer historischen Fehler-Kette?



    Am Ende kam das Aus für Borgward und seine beliebte Isabella wegen des Desinteresses der Verantwortlichen.



    "Irgendwann ließen Bremen und mögliche andere Investoren Borgward einfach in die Pleite rutschen – obwohl nach heutiger Expertensicht eine Rettung möglich gewesen wäre. Als Beleg hierfür gilt, dass im Insolvenzverfahren sämtliche Ansprüche der Gläubiger befriedigt wurden."



    Quelle prisma.de



    Prokrastination ist in der Politik nicht unüblich.