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Flut von EinwegverpackungsmüllBayerische Kommunen bleiben auf Kosten sitzen

Der Bayerische Landtag hat den Kommunen des Bundeslandes verboten, mit Steuern gegen Fastfoodmüll anzugehen. Dabei lohnt sich das, wie Tübingen zeigt.

Lassen Mülleimer überquellen: Einwegverpackungen Foto: Georg Lenz/plainpicture

Seit Anfang des Jahres ist es bayerischen Kommunen verboten, Steuern auf Einmalgeschirr und -besteck zu erheben. Mitte Dezember hatte der Landtag in München entschieden, dass bayerische Kommunen nicht das Recht haben sollten, nach Vorbild Tübingens Verpackungssteuern zu erheben. Bayern ist das einzige Bundesland, das diese Einnahmequelle für Städte und Kommunen langfristig verbietet. Der Bayerische Städtetag kritisierte die Entscheidung als „unbegründeten und überzogenen Eingriff in die kommunale Finanzhoheit“.

Bayerns Innenminister Joachim Hermann (CSU) verteidigte das Verbot mit dem Schutz der Wirtschaft und mit Bürokratieabbau. Die Verpackungssteuer stünde zudem im Gegensatz zur geplanten Umsatzsteuersenkung für die Gastronomie ab 2026. Ähnlich argumentiert McDonald’s Deutschland: Die Verpackungssteuern führten „zu zusätzlicher Bürokratie und finanziellen Belastungen sowohl bei den Betrieben als auch bei den Menschen der jeweiligen Stadt“.

Dabei sind die Erfahrungen mit der Müllsteuer gut. Seit rund einem Jahr dürfen Kommunen sie auf Einmalgeschirr und -besteck erheben. Angefangen hatte die baden-württembergische Stadt Tübingen damit schon 2022. Dort werden 50 Cent für Einwegverpackungen und Einweggeschirr sowie 20 Cent für Einwegbesteck fällig, Mehrwegoptionen werden hingegen gefördert. So möchte die Stadt vor allem Fastfoodrestaurants finanziell an der kommunal gemeisterten Müllentsorgung beteiligen.

Allein McDonald’s Deutschland war laut der Deutschen Umwelthilfe (DUH) im Jahr 2023 für etwa 49.000 Tonnen Verpackungsmüll verantwortlich. Eine Franchise-Nehmerin der Fastfoodkette klagte nach der Einführung der Abgabe 2022 umgehend gegen die Stadt Tübingen. Der Prozess zog sich über mehrere Jahre und Instanzen. Im Januar 2025 entschied das Bundesverfassungsgericht schließlich zugunsten von Tübingen. Viele Kommunen hatten sich bis zum Urteil mit ähnlichen Vorhaben zurückgehalten.

Zahlreiche Städte planen Verpackungssteuern

Kurz nach der Entscheidung zog Konstanz nach. 2026 planen laut dem Deutschen Städtetag weitere Städte und Kommunen, Verpackungssteuern einzuführen, etwa Köln, Bonn, Bremen, Hameln, Heidelberg, Rottenburg, Troisdorf, Nellingen und Oberhausen. In Freiburg gilt eine solche Abgabe seit Jahresbeginn. Im Fall Tübingens habe sich eindeutig gezeigt, dass die Steuer ein wirksames Mittel ist, um der Müllflut zu begegnen. „Wir erreichen alle unsere selbst gesteckten Ziele. Wir haben weniger Müll, viele neue Mehrwegangebote und zusätzliche Einnahmen für die Stadtkasse“, so die Tübinger Stadtverwaltung.

„Die Mehrwegquoten haben sich hier nicht verändert – sie bleiben weiterhin auf dem gleichen niedrigen Niveau wie im Rest des Landes“, heißt es hingegen von McDonald’s. Eine Umfrage der Stadt Tübingen unter der örtlichen Gastronomie habe jedoch ergeben, dass die Verwendung von Einwegverpackungen zwischen 2019 und 2025 deutlich zurückgegangen ist. Bei 73 Prozent der Betriebe habe sich die Menge an Einmalgeschirr und -besteck verringert. 17 Prozent verzichteten seit Einführung der Steuer sogar ganz darauf.

Für die Stadtreinigung sei die Veränderung deutlich spürbar: „Seit dem Start der Einwegverpackungssteuer haben sie spürbar weniger Arbeit mit dem Leeren der öffentlichen Mülleimer, da diese seltener voll sind und der herausquellende Müll dadurch seltener eingesammelt werden muss.“

Wirtschaftlich lohne sich die Steuer außerdem: Rund eine Million Euro nehme Tübingen jährlich durch sie ein, heißt es von der Stadtverwaltung. Kosten wie Aufwand hielten sich in Grenzen: „Für die Erhebung der Steuer reicht eine halbe Stelle in der Stadtkämmerei.“ Die Verwaltungskosten beliefen sich auf 100.000 Euro.

Für Mc Donald’s entspreche die Steuer inklusive Mehrwertsteuer einer Preissteigerung von 30 bis 50 Prozent, teilt das Unternehmen mit. „Das ist nicht mehr verhältnismäßig und widerspricht nicht nur dem von der Politik versprochenen Bürokratieabbau, sondern auch der dringend notwendigen Entlastung der Mitte“, beklagt der weltweit größte Fastfoodkonzern. Sowohl in Tübingen als auch Konstanz entschieden sich McDonald's-Kund:innen trotzdem meist für die Einweg-Variante.

Mehrweg in Deutschland unter Druck

„Sowohl das Bundesverwaltungs- als auch das Bundesverfassungsgericht haben die Steuer der Städte genehmigt, aber Bayern sei offenbar ein ‚königlicher Freistaat‘, wo die Treppe immer noch von oben nach unten gekehrt wird“, sagte Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer.

Die DUH prüft unterdessen rechtliche Schritte gegen das bayerische Verbot. Sie sieht Deutschland generell auf einem schlechten Weg in Sachen Müllvermeidung. Drei Jahre sind viele Läden und Restaurants nun verpflichtet, Mehrwegbehältnisse anzubieten. Doch Testbesuche der DUH bei Bäckerei- und Tankstellenketten zeigten, dass diese rechtswidrig Mehrweg boykottieren. „Die DUH sieht die Mehrwegangebotspflicht daher als weitestgehend wirkungslos an und fordert von Bundesumweltminister Schneider schnellstmögliche Nachbesserungen“, so die DUH.

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31 Kommentare

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  • Tübingen, Tübingen, Tübingen.



    Der Name Boris Palmer wird im Artikel mehr gemieden als der Teufel das Weihwasser.

  • Der Bayerische Städtetag kritisierte die Entscheidung als „unbegründeten und überzogenen Eingriff in die kommunale Finanzhoheit“.



    Der hat Recht.

    Die CSU scheint ein Scheunentor für Partikular-Lobbyisten offenstehen zu haben und Angst vor den Leuten obendrein.

    • @Janix:

      a) die csU hat immer alle Türen für Lobbyisten sperrangelweit offen.



      b) die csU liebt autoritäres Verhalten, gerne nach den Mustern aus dem letzten Jahrhundert.

  • Ich versteh das Gejammer von Mc Doof nicht. Ist doch eine ganz klar betriebswirtschaftlich basierte Rechnung: Die Extrakosten des Einwegmülls werden direkt beim Verursacher berechnet. Wäre doch viel bürokratischer und teurer Permanent alle Mülltonnen, Abfallbehälter und Grünanlagen zu screenen um hinterher zum gleichen Ergebnis zu kommen: Der meiste Dreck stammt von den Fastfoodfreunden.

  • Mit dem Müll wird Geld verdient - im Sine von Kohle gescheffelt.



    Und wer die Kohle scheffelt, macht auch die Gesetze und die Vorschriften.

    • @Erfahrungssammler:

      Das ist eine sehr merkwürdige Betrachtung. Die Kommunen (und auch Privatleute) haben enorme Kosten am Hals, den Dreck ständig wegräumen zu müssen. Geld verdienen die Fast-Food-Ketten und ein paar Gastwirte.

      • @Perkele:

        Und die Chemie-, Plastik- sowie Verpackungsindustrie?



        Produzieren die das alles nur aus reiner Menschenfreundlichkeit?

    • @Erfahrungssammler:

      @Erfahrungssammler



      Cool - perfekt kombiniert 👍👍



      Erst bezahlen wir für die Verpackung [ meist schon soviel Wert wie der Inhalt ] Dann bezahlen wir die Entsorgung für den Verpackungsmüll und dann zahlen wir noch mit mit unserer Gesundheit, wenn der Müll auf Halde liegt oder verbrannt wird. Mega goil 🤑

  • McD hat wohl keine Umsatzeinbußen und trotz höhere Preise entscheiden sich "McDonald's-Kund:innen trotzdem meist für die Einweg-Variante." - kurz, nicht McD wird an den Kosten der Müllentsorgung beteiligt, sondern die Kundle.



    Wenn trotzdem das Müllaufkommen zurückgegangen ist, wird es eher an den ganzen anderen liegen: Kaffeebecher, Pizzakartons etc.

    Ist natürlich ein Erfolg, nur das framing mit den lautstarken Fastfoodketten scheint etwas überhöht.

    PS Wie ist das eigentlich? Wird bei dem einfachen Hamburger auf der Hand für das Einwickelpapier auch 50ct erhoben? Wie ist das bei "hier essen" - gibt es da McD Teller? Kann man den Hamburger dann trotzdem noch mitnehmen?

  • Geschirr in Bayern ? Keine Tröge ?



    Man sieht den Söder doch immer nur öffentlich aus der Hand mampfen -



    " Meine Wwwwuuurrrzschtzzzschwww "

  • Beschweren sich nicht überwiegend Süddeutsche über das Chaos und den Dreck in Berlin? Was ist mit dem Chaos und Dreck in Bayern? Die Bürger sollten sich dort mal fragen, wieso sie die Entsorgung von Müll für multinationale Unternehmen, die in Deutschland kaum Steuern zahlen, über ihre kommunalen Müll-Gebühren mittragen und ihre Landesregierung ein Instrument verbietet, ggf. für alle die Entsorgungskosten zu senken. Sonst ist doch die CSU die Erste, die auf das Verursacherprinzip setzt.

    • @Hatespeech_is_not_an_opinion:

      "Beschweren sich nicht überwiegend Süddeutsche über das Chaos und den Dreck in Berlin? Was ist mit dem Chaos und Dreck in Bayern?"



      Der Dreck in Bayern landet aber eher in Abfallbehältern wohingegen er in Berlin gern auf der Straße landet oder die paar Meter von der Parkwiese bis zum Müllbehälter nicht findet.



      #Stadtbild

  • Von Boris Palmer lernen, heißt hierbei: siegen lernen. Ohne Vorschriften und Anreize werden gerade BWL-Ketten ihre Kosten oft Dritten aufdrücken, und das darf volkswirtschaftlich nun mal nicht sein.



    Lässt sich ja am Ort mal anregen.

  • Bayerische Kommunen benötigen neben dem bayerischen Landtag wahrscheinlich keine weiteren Feinde.



    Bei einem ähnlichen Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern würde man wahrscheinlich sagen, dass die Eltern ihrer Fürsorgepflicht nicht nachkommen, denn viele bayerische Gemeinden sind unterfinanziert. Eine gute Alternativlösung wäre, stattdessen flächendeckend die Hebesätze für Grund- und Gewerbesteuer in Bayern anzuheben.

  • Wofür das Wort "Bürokratieabbau" mittlerweile überall herhalten muss grenzt an Missbrauch.

    • @Josef 123:

      So ist's.

      • @mokka flo:

        @mokka flo



        Also in der Konsequenz, den Bürokratieabbau abbauen 😉



        Sollen eh nur die über Jahrzehnte erkämpften Rechte und Verbrauchschützenden Gesetze abgebaut werden, damit mehr Profit gemacht werden kann.

  • Solange "Mehrwegangebotspflicht" bedeutet, dass das Mehrweggeschirr nur hinter der Theke stehen muss und dem Kunden nur bei aktiver Nachfrage mitgeteilt wird, dass dann aber Pfand fällig ist, für welches man dann beim Zurückgeben länger als beim ursprünglichen Bestellen warten muss, glaube ich gerne, dass die Kunden "lieber" das Einweggeschirr nehmen.

    • @Herma Huhn:

      Und wenn diese Leute aus blanker Bequemlichkeit das Einweggeschirr nehemn, dann sollen sie's gefälligst auch hinreichend finanzieren. Die haben die freie Wahl und niemand darf sich darüber beschweren - niemand.

    • @Herma Huhn:

      Pure Augenwischerei - wie auch sonst üblich.

  • Dass sich McDonald gegen die Verpackungssteuer ausspricht - geschenkt. Dass es die bayrische Landesregierung ebenso macht, das ist auch ein Geschenk an die Sponsoren und deren Lobby. Es wäre sehr verwunderlich, würde dieses Bundesland der Vernunft, einer modernen Auffassung und der Fairness folgen - da bleibt man lieber bei den uralten Gepflogenheiten und ignoriert die Finanzlage der Kommunen zugunsten von Parteispenden an die Landespartei.

  • Kommunale Steuern sind ein absoluter Unfug. Das katapultiert uns in die Kleinstaaterei des 18. Jahrhunderts. Kleinstadtbürgermeister versuchen die Republik in den Zustand vor dem Deutschen Bund zurückzudrehen. Fehlt nur noch Gesslerhut.



    Es ist richtig, dass in Bayern den Kommunen die Möglichkeiten genommen werden kommunale Steuern und auch Vorschriften einzuführen.



    Wenn man eine Verpackunssteuer einführen will, ist dies nur auf Bundesebene sinnvoll. Alles andere ist ein Schritt zurück ins tiefste Mittelalter.

    • @MK:

      Klar wäre das auf Bundes- oder Landesebene besser, doch von da kommt nix. Die Parteipolitiker*innen sind auf dieser Ebene längst von der Wirtschaft eingenordet, kassieren Parteispenden und erfüllen !!! "Berater" -Verträge. Das geht so krass auf lokaler Ebene nicht. VIele Kommunen sind in prekärer Lage -ohne ausreichene Hilfe durch Land oder Bund und müssen sehen, dass sie ihre Kosten in den Griff kriegen. Also ist es geboten eine solche Gelegenheit zu nutzen. Was das mit "Kleinstaaterei" zu tun hat erschließt sich mir nicht.

    • @MK:

      Mit Verlaub, was für ein Unsinn. Ohne Kommunalsteuern würde unser Gemeinwesen zusammenbrechen. Kennen Sie nicht das Subsidaritäts-Prinzip? Das Subsidiaritätsprinzip besagt, dass Aufgaben immer von der kleinsten, zuständigen Einheit übernommen werden sollen und eine höhere Ebene nur eingreift, wenn die untere Ebene dazu nicht (mehr) in der Lage ist. Darauf begründet sich unsere Demokratie. Immer interessant, wer hier alles so wählen darf.



      Ein Beispiel für Kommunal-/Gemeinde-Steuern: Grundsteuer, Gewerbesteuer. Es gibt noch weitere. Wissen Sie nicht wie sich unsere Kommunen, und damit die ganze Republik, finanzieren? Der Bund darf nur in Ausnahmefällen Steuern erheben.

      • @Hatespeech_is_not_an_opinion:

        Grund- und Gewerbesteuer haben die gleichen Bemessungsgrundlagen, die Kommunen passen nur die Höhe an.



        Bei der Verpackungssteuer überlegt sich jede Kommune ihre eigenes Regelwerk. Bedeutet dann dass Tübingen und Reutlingen komplett unterschiedliche Regelwerke definieren können. Das ist in meinen Augen Kleinstaaterei. Sowas ist mindestens auf Landesebene zu lösen.

    • @MK:

      Wir HABEN bereits kommunale Steuern und Abgaben. Das hat nichts mit "Kleinstaaterei des 18. Jahrhunderts" zu tun, sondern verhält sich in anderen Staaten, z. B. den USA, ganz genauso.

  • Da kann man wieder guten Gewissens sagen, die Bayern haben genau das bekommen was sie bestellt haben.

  • Ich tippe mal da wieder auf den Söder-Markus, den Fastfoodvernichter, als Urheber des Bürokratieabbaus. Komisch dass die Wirtschaft auch hier größtenteils aus amerikanischen Großkonzernen besteht. Über das Ex und Hopp der Burgerketten sollten wir eigentlich schon hinaus sein.

  • "Allein McDonald’s Deutschland war laut der Deutschen Umwelthilfe (DUH) im Jahr 2023 für etwa 49.000 Tonnen Verpackungsmüll verantwortlich. "



    Igitt - wer isst denn sowas. Diese ganzen Fastfoodgerichte sind doch absolut ungesund.



    Man tut den Bürgern also etwas gutes, wenn es durch anfallende Steuern teurer wird, so etwas zu konsumieren.

    • @Il_Leopardo:

      Die Jugend. Der Körper ist ja unglaublich stark gegen ungesunde Ernährung. In den jungen Jahren.

    • @Il_Leopardo:

      "Freier Fraß für frei Bürger!!"