US-Angriff auf Venezuela: Krieg im Hinterhof
Schon immer haben sich die USA gewaltsam in die Angelegenheiten lateinamerikanischer Staaten eingemischt. Aus politischen und Wirtschaftsinteressen.
Das US-Militär hat am Samstagmorgen Ziele in der venezolanischen Hauptstadt Caracas bombardiert. Erste Bilder zeigen Explosionen und Brände in der Stadt. Der Angriff erfolgte auf Befehl von US-Präsident Donald Trump. Trump schrieb am Morgen auf seiner Plattform Truth Social, der venezolanische Präsident Niccolás Maduro und dessen Frau seien von US-Spezialeinheiten der Delta Force festgesetzt und mit dem Flugzeug außer Landes gebracht worden.
Außenminister Marco Rubio kündigte an, Maduro werde vor Gericht gestellt, und er sei nicht der legitime Präsident seines Landes. Maduro ist seit 2020 in New York wegen Korruption und Drogenhandel angeklagt.
Trump hat seit September den Druck auf Venezuela stetig erhöht. Er beschuldigte Maduro, seine „Gefängnisse und Irrenanstalten zu leeren“ und die Insassen zur Migration in die USA zu zwingen. Weil Maduro in großem Stil Drogen in die USA schmuggeln lasse, setzte Trump eine Belohnung von 50 Millionen US-Dollar auf ihn aus.
Seit September ordnete er mehr als 30-mal Angriffe auf venezolanische Boote in internationalen Gewässern an. Dabei wurden bisher mindestens 110 Menschen getötet. Außerdem wurden mehrere Öltanker aufgebracht und beschlagnahmt. Im US-Kongress wurde Kritik laut, dass diese Angriffe gegen internationales Recht und US-amerikanische Gesetze verstoßen.
Neuauflage der Monroe-Doktrin
Die militärische Eskalation der USA gegen Venezuela steht in Widerspruch zu Trumps Selbstdarstellung als Friedensstifter. Immer wieder behauptet er – ohne faktische Grundlage -, seit Beginn seiner zweiten Amtszeit vor einem Jahr schon acht Kriege beendet zu haben, verbunden mit dem Wunsch, den Friedensnobelpreis verliehen zu bekommen.
Nun lässt er den 200 Jahre alten Anspruch der USA, über die Geschicke Lateinamerikas bestimmen zu können, wieder aufleben. Damals formulierte US-Präsident James Monroe die nach ihm benannte Doktrin, wonach sich die europäischen Staaten aus den Angelegenheiten der Neuen Welt herauszuhalten hätten. Präsident Harry Truman ergänzte dies 1947 um den Grundsatz, allen Völkern, deren Freiheit „von militanten Minderheiten oder durch äußeren Druck“ bedroht werde, Bestand gewähren zu wollen.
Dies zielte vor allem gegen die damalige Sowjetunion und von ihr unterstützte sozialistische Bewegungen in Lateinamerika. Die Truman-Doktrin führte zu umfangreichen Einmischungen der USA in die Politik ihrer südlichen Nachbarn. So wurde 1961 eine Rebellion von Exilkubanern gegen Fidel Castro gefördert und die gescheiterte Invasion in der kubanischen Schweinebucht aktiv unterstützt.
Ab 1964 unterstützten die USA die Militärdiktatur in Brasilien, und 1973 drängte US-Außenminister Henry Kissinger das Militär in Chile zum Putsch gegen den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende.
Blockade, Putsch und Invasion
Unter Ronald Reagan unterstützten die USA antikommunistische Aufständische in Nicaragua, die sogenannten Contras, und das Militär in El Salvador, das mit brutalen Mitteln gegen den Volksaufstand dort vorging. Reagan ordnete 1983 auch die Intervention im karibischen Inselstaat Grenada an. Sein Nachfolger George Bush beendete 1989 die achtjährige korrupte Diktatur Manuel Noriegas durch den Einmarsch von 20.000 US-Soldaten.
In den Jahrzehnten danach waren es vor allem Kuba und Venezuela, auf die sich die Aufmerksamkeit der USA richteten. Kubas Diktator und Revolutionsheld Fidel Castro erwies sich trotz des Handelsembargos der USA als hartnäckiger Widersacher. Die Zuckerinsel wurde lange von der Sowjetunion unterstützt und nennt sich heute noch sozialistisch. Millionen Kubaner:innen sind in die USA geflüchtet und sind ein wichtiger politischer Faktor in Florida.
In Venezuela, dem Land mit den größten Ölvorkommen der Erde, wurde 1999 der linke Populist Hugo Chávez Präsident und baute mit der „bolivarischen Revolution“ das Staatswesen um. Er lenkte die Erlöse aus dem Ölverkauf in umfangreiche Sozialprogramme, versäumte aber, die Produktionsanlagen der staatlichen Ölgesellschaft instand zu halten. Dadurch geriet das Land in immer größere wirtschaftliche Schwierigkeiten.
2013 starb Chávez, Nachfolger wurde sein Stellvertreter Nicolás Maduro, der seitdem die bürgerliche Opposition unterdrückt und nur durch gefälschte Wahlen im Amt bleiben konnte.
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Warum Trump den Kurs gegen Venezuela plötzlich verschärft hat, obwohl Maduro wiederholt Entgegenkommen signalisiert hatte, bleibt unklar. Der US-Präsident schürt seit Jahren Hass auf Menschen aus Lateinamerika, die in den USA auf ein besseres Auskommen hoffen und deshalb dorthin auszuwandern versuchen.
Er unterstellt ihnen immer wieder, Kriminelle und eine Gefahr für die Bevölkerung der USA zu sein. Dagegen verblasst der Umstand, dass Venezuelas Öl Kubas Überleben sichert, denn es wird von dort an China, in den Iran und nach Russland verkauft und verschafft dem Inselstaat Devisen.
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