piwik no script img

Merz auf Antrittsbesuch in IndienZiemlich beste Freunde

Bundeskanzler Merz reist nach Indien zu Premier Narendra Modi. Beide sind angesichts der unberechenbar gewordenen USA auf Partner angewiesen.

Ziehen gemeinsam zumindest an einer Drachenschnur: Kanzler Merz und Indiens Premierminister Modi am Montag Foto: ANI News/imago

Lachend blicken Bundeskanzler Friedrich Merz und Indiens Premierminister Narendra Modi einander in die Augen, während sie in einer Limousine durch das westindische Ahmedabad fahren. „Die Freundschaft zwischen Indien und Deutschland wächst durch gemeinsame Werte, enge Zusammenarbeit und gegenseitiges Verständnis“, verkündete Modi am Montag auf der Plattform X und postete das passende Foto dazu.

Modi, ein Meister der Inszenierung, hat den Kanzler zu einem zweitägigen Antrittsbesuch eingeladen. Modi versteht die Macht der Bilder und weiß, wie er seine „Freunde“ in Szene setzt. Merz wird in Modis Heimatbundesstaat Gujarat empfangen – eine Ehre, die zuvor unter anderem Chinas Staatschef Xi Jinping, dem US-Präsidenten Donald Trump und Australiens Premier Anthony Albanese zuteilwurde.

Der erfahrene Politiker nutzt solche Gelegenheiten, um Gujarat ins Rampenlicht zu rücken. Diesmal gehören dazu eine Stippvisite im Sabarmati-Ashram des Freiheitskämpfers Mohandas Gandhi, wo beide Blumen niederlegen, ein Abstecher zum Flugdrachenfestival, indische Tanzeinlagen und ein Treffen mit Geschäftsführern aus beiden Ländern.

Dieses Land ist für uns außerordentlich interessant, auch im Hinblick auf Arbeitskräfte

Friedrich Merz, Bundeskanzler

Nur Wladimir Putin, seinen wohl schwierigsten Freund, hat Modi hier noch nicht empfangen. Doch die Bilder von Merz wecken Erinnerungen: Erst im Dezember kursierte ein ähnliches Foto von Modi und Putin, gut gelaunt im Auto. Damals schien ihre alte „Bromance“ wieder aufzuleben, doch der Funke sprang nicht so recht über. Indien und Russland haben sich auseinanderentwickelt. Vor diesem Hintergrund überrascht die Annäherung zwischen Modi und Merz kaum.

Schon seit vielen bilateralen Gesprächen wird betont, man wolle enger kooperieren, und so wachsen beide Länder langsam zusammen. Es half, dass Deutschland das sensible Thema der Rüstungsexporte angegangen ist. Berlin ermöglicht Indien nun einen größeren Technologietransfer, etwa beim milliardenschweren U-Boot-Geschäft zwischen der ThyssenKrupp-Tochter TKMS und der indischen Marine. Militärexperten wie C. Uday Bhaskar sprechen von einer „Win-win-Situation“. Zudem planen die Verteidigungsministerien beider Länder eine gemeinsame Strategie, wie man „auf Industrieebene“ und mittels Technologiepartnerschaften verstärkt zusammenarbeiten kann.

Auch wirtschaftlich soll die Partnerschaft vertieft werden. Geplant ist ein Innovationszentrum für künstliche Intelligenz, Quantencomputing, Halbleiter und Batterietechnologie. Deutschland erhofft sich zudem besseren Zugang zu Indiens kritischen Mineralien. Insgesamt wurden 19 Abkommen unterzeichnet und weitere Vorhaben festgehalten. Die gemeinsame Pressekonferenz wirkte wie eine Vorwegnahme der Regierungskonsultationen zwischen Indien und Deutschland, die noch in diesem Jahr in Deutschland stattfinden sollen.

Bilateraler Handel erreicht Rekordniveau

Unterdessen erreichte der bilaterale Handel beider Staaten mit einem Volumen von knapp 50 Milliarden US-Dollar ein Rekordniveau. Merz erklärte, er wolle „das volle Potenzial der Beziehungen ausschöpfen“. Ein Freihandelsabkommen zwischen Indien und der EU sei dafür „entscheidend“. Er ist optimistisch, dass die Verhandlungen bis Monatsende abgeschlossen sein werden. Einige größere Streitpunkte bleiben allerdings derzeit noch, darunter das Thema Importkontingente für die Automobilindustrie. Indien verlangt hohe Einfuhrzölle, sehr zum Leidwesen der ohnehin darbenden deutschen Autoindustrie.

„Dieses Land ist für uns außerordentlich interessant, auch im Hinblick auf Arbeitskräfte“, betonte Merz. Er kündigte ein erweitertes Angebot für Deutschkurse in Indien an und warb um Arbeitskräfte für Handwerk, Industrie, IT und Pflege in Deutschland. Die Anwerbung Letzterer soll über die „Global Skills“-Partnerschaft intensiviert werden, die sich bereits in Vietnam bewährt hat. Die Bundesagentur rekrutiert auch schon Pflegekräfte aus den Bundesstaaten Kerala und Telangana. Über die Vermittlungsagentur NoRKA Roots kamen bisher 1.000 Fachkräfte aus Südindien nach Deutschland, 500 weitere befinden sich in Vorbereitung, teilte das Unternehmen der taz mit.

Merz sammelt Sympathiepunkte

In Indien kann Merz Sympathiepunkte sammeln. Sowohl Indien wie auch Deutschland wollen angesichts eines unberechenbaren US-Präsidenten andere Partnerschaften ausbauen. Die Einfuhren von russischem Rohöl hat Delhi aufgrund von Druck aus Washington bereits reduziert.

Währenddessen lenken die USA in Neu Delhi, fast 900 Kilometer von Ahmedabad entfernt, trotz aller Anstrengungen von Merz, die Aufmerksamkeit dann doch mal wieder auf sich. Auf den TV-Sendern läuft die Ankündigung des neuen US-Botschafters Sergio Gor in Indien. Trump werde vielleicht im nächsten Jahr kommen. Und schon wird diskutiert, ob sich die Beziehungen zu den USA vielleicht doch wieder verbessern könnten.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare