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Wechsel in Sachsen-AnhaltPanik-Move in Magdeburg

Sabine am Orde

Kommentar von

Sabine am Orde

SPD und FDP sind bereit, Sven Schulze als Nachfolger von CDU-Ministerpräsident Haseloff zu wählen. Der Zeitpunkt ist katastrophal.

Wechsel an der Spitze in Sachsen-Anhalt: Ministerpräsidenten Sven Schulze (vielleicht bald) und Reiner Haseloff (noch) Foto: Klaus-Dieter Gabbert/dpa

D as kann man wohl ohne zu übertreiben einen Panik-Move nennen – und das von allen Beteiligten. SPD und FDP haben am Montagabend zugestimmt, in Sachsen-Anhalt noch in diesem Monat einen neuen Ministerpräsidenten zu wählen, so wie das die CDU gerade in einer rasanten Kehrtwende vorgeschlagen hat. An sich ist es ja eine gute Idee, einen Spitzenkandidaten mit Amtsbonus in den Wahlkampf ziehen zu lassen. Aber die Umstände und der Zeitpunkt dieser Entscheidung sind eine Katastrophe. Und das aus vielen Gründen.

Zum einen verspielt die CDU mit ihrer viel zu späten Entscheidung viel Glaubwürdigkeit. Reiner Haseloff, der angesehene CDU-Ministerpräsident, hatte bis zuletzt betont, dass er die gesamte Legislaturperiode, also bis zur Neubildung einer Regierung nach der Landtagswahl im September, an der Spitze seiner „Deutschlandkoalition“ bleiben werde.

Ob das nun daran lag, dass er sein Wahlkampfversprechen von vor fünf Jahren nicht brechen oder die Kontrolle nicht vorzeitig abgeben wollte, oder ob doch, wie auch kolportiert wird, die Koalitionspartner bislang nicht bereit waren, einen Nachfolger ins Amt zu verhelfen, sei dahingestellt.

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Das ganze liefert zweitens den Erzählungen der AfD mächtig Futter. Dass nämlich den anderen Parteien angesichts der bedrohlich guten Umfragenwerte für die Rechtsextremen vor Angst die Knie schlottern, diese meinen, die AfD nur noch mit nicht ganz sauberen Methoden von der Macht fernhalten zu können und dass auf sie ohnehin kein Verlass ist, sondern es ihnen nur um den eigenen Machterhalt geht.

Durch den viel zu späten Wechsel ist aber auch drittens fraglich, ob das taktische Ziel dieses Manövers überhaupt erreicht werden kann. Zwar wird es Sven Schulze, den CDU-Spitzenkandidaten und bisherigen Landeswirtschaftsminister, etwas bekannter machen. Einen Amtsbonus aber muss man sich erarbeiten, und das ist nicht leicht, das musste auch Haseloff zu Beginn seiner Amtszeit erfahren. Man wird nicht innerhalb von ein paar Monaten vom Wirtschaftsminister, den kaum einer kennt, zum beliebten Landesvater.

Ist das ganze Manöver jetzt also falsch? Nicht unbedingt. Wird Schulze Ende Januar gewählt, ist es wahrscheinlich das kleinere von zwei Übeln. Und immerhin scheinen Haseloff, Schulze und ihre Landes-CDU – auch mithilfe des Drucks aus der Bundespartei – endlich erkannt zu haben, dass sie in diesem Wahlkampf wirklich alle Register ziehen müssen, soll ihr Land als erstes bundesweit nicht an die AfD fallen. Nur: Mit etwas mehr Weitsicht wären die Erfolgschancen eben deutlich besser gewesen.

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Sabine am Orde
Innenpolitik
Jahrgang 1966, Politikwissenschaftlerin und Journalistin. Seit 1998 bei der taz - in der Berlin-Redaktion, im Inland, in der Chefredaktion, jetzt als innenpolitische Korrespondentin. Inhaltliche Schwerpunkte: Union und Kanzleramt, Rechtspopulismus und die AfD, Islamismus, Terrorismus und Innere Sicherheit, Migration und Flüchtlingspolitik.
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7 Kommentare

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  • Leute, rüstet doch mal verbal etwas ab. Hier sind legale Vorgänge in einer Landesregierung eine "Katastrophe", an anderer Stelle lese ich hier heute, dass der Winterdienst auf Berliner Radwegen eine "Katastrophe" ist. Ehrlich?



    Der Krieg im Sudan, in Gaza, im Kongo (etc.) ist eine Katastrophe. Und das soll vergleichbar mit unseren o.g. Problemchen sein?

  • Was leider erst noch verstanden werden muss: Demokratie ist ein Schönwettermodell der gehobenen Mittelschicht, die lange Zeit eine medial unterstützte Mehrheitsmeinung abbildete und es auch mittelmässigen Politikern und ihren Parteien erlaubte, in ihrem Sinn Regierungsgeschäfte zu übernehmen.Besonders in den neuen Bundesländern gab es die blühenden Landschaften einer Wohlstandsgesellschaft nicht und auch sonst sind die Aussichten weniger privilegierter BürgerInnen nicht besser geworden und damit die Kluft innerhalb der Wählerschaft vergrößerte. Diese Spaltung wird von den meinungsführenden Parteien und ihrer Wähler eben nicht wahrgenommen, im Gegenteil: Mit der Verteufelung der rechtsradikalen Parteien, die jetzt weltweit auf diesen Spaltpilkz reagieren, verleugnet und verleumden angebliche Demokraten auch die Wähler, die sich von den Hetzern radikalisieren lassen. WIR Privilegierte schauen verachtend o. verunsichert weg und wollen nicht wahrhaben, dass einem größer werden Teil der Bevölkerung das Überleben schwieriger wird, wenn Arbeitsplätze wegfallen, Mieten und Lebenshaltungskosten steigen und es in den neuen Medien leichter wird, diese Zustände zu beklagen zugunsten einer AfD.

  • "...die Umstände und der Zeitpunkt dieser Entscheidung sind eine Katastrophe. (...) Das ganze liefert (...) der AfD mächtig Futter. Dass nämlich den anderen Parteien angesichts der bedrohlich guten Umfragenwerte für die Rechtsextremen vor Angst die Knie schlottern" und dass "es ihnen nur um den eigenen Machterhalt geht."



    ...



    "immerhin scheinen Haseloff, Schulze und ihre Landes-CDU – auch mithilfe des Drucks aus der Bundespartei – endlich erkannt zu haben, dass sie in diesem Wahlkampf wirklich alle Register ziehen müssen, soll ihr Land als erstes bundesweit nicht an die AfD fallen."



    Also geht's doch nur um Machterhalt?



    Ich werde aus dem Kommentar nicht schlau.



    Erst wird behauptet, es wären nur "Erzählungen der AfD", dass es um den Machterhalt geht - einen Absatz später wird aber gefordert, dass Sachsen-Anhalt 'mit allen Registern' nicht an die AfD fallen soll - also doch nur Machterhalt um jeden Preis🤷



    Wieso wird nicht gefordert, dass die Parteien endlich eine Politik machen müssen - wirtschaftlich zum Beispiel - die die Menschen mitnimmt und gewinnt?



    Nur Lösungspolitik wird helfen, Verhinderungstaktik scheitert seit 10 Jahren, mästet nur die AfD und stärkt den Verdruss.

  • Für eine Politikinteressierte mag das alles stimmen. Nur werden diese in Deutschland dann doch immer seltener.

    In den meisten Fällen dürfte es eher auf den Tag ankommen, an dem die ersten Wahlplakate aufgehängt werden. Wenn dann unter dem zugegebenermaßen eher häßlichen Foto "Ministerpräsident" steht, dürfte das für einen Amtsbonus häufig schon ausreichen.

    Die befürchtete Bestätigung für die AFD ist daher eher nicht der jetzige Wechsel, sondern die Tatsache, dass die Autorin dies als solch eine öffentlich einschätzt.

  • 'Panik-Move'? Muss das sein, dass die Autorin so unnötige Anglizismen benutzt? Find ich - honestly - eher cringe. Insbesondere als Unc.

  • Was wird das Ergebnis dieser Verzweiflungstat sein,



    Die FDP wird mit Sicherheit dem nächsten Landtag nicht mehr angehören, die Grünen eher auch nicht und die SPD wird ums Überleben kämpfen.



    Eine starke Linke und eine sehr starke AfD werden die entscheidenden Kräfte im Landtag sein.



    Die Lösung, nur eine Einheitsregierung von CDU, Linke und SPD wird eine Mehrheit zur Regierungsbildung im Landtag finden.

    Die Katastrophe bahnt sich nicht an, sie ist so sicher wie das AMEN in der Kirche.



    Die AfD wird, ohne eigenes Zutun,



    groß....größer....fast fähig zur Alleinregierung gemacht.

    Mir graut es.....Wahljahr 2026 das sieht nicht gut aus für die dilettantisch agierende CDU, SPD und Grüne.

  • Warum Panik-Move und gar Katastrophe, verstehe ich nicht ganz? Wie ja im Artikel zu lesen ist, kann ein Amtsbonus recht nützlich sein, und 9 Monate vor der Wahl bietet m.E. noch relativ genügend Zeit, um sich als Kandidat bekannt zu machen und im besten Fall zu profilieren.



    Um eine Mehrheit der AFD zu verhindern, sollte jedes politisch-demokratische Mittel ausgeschöpft werden. Und ob dies als Futter für die AFD dienen mag, sei dahingestellt, die füttern sich sowieso mit allem und jeden Mist.