Proteste in Iran: Die kreisläufige Form der Geschichte
Indonesiens Diktator Suharto ist Nationalheld, Irans Pahlewi-Dynastie wird rehabilitiert. Die Idee eines linearen Fortschritts ist ein Trugschluss.
D iese Geschichte führt zurück in eine frühe Phase meiner Erfahrungen als Auslandsreporterin. Indonesien 1998, der Sturz des Diktators Haji Mohamed Suharto: Zum ersten Mal erlebte ich die Wucht eines demokratischen Aufbruchs in einem großen Land der südlichen Welt. Solche Momente prägen sich mit Farben, Tönen und Gerüchen ein, die vieles andere, was später kommt, überdauern.
Deshalb traf es mich ins Herz, als der heutige Präsident Indonesiens, Subianto Prabowo, den verstorbenen Diktator kürzlich zum Nationalhelden erhob – einen Mann, der immerhin mitverantwortlich war für eines der größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts außerhalb Europas. General Suhartos Aufstieg zur Macht wurde von Massakern begleitet, bei denen 1965/1966 mehr als eine halbe Million Menschen ermordet wurden: vor allem mutmaßliche Mitglieder der Kommunistischen Partei, die damals eine der größten der Welt war. Eine politische Säuberung, sofern man das Wort dafür verwenden will, im Rahmen eines entfesselten Staatsterrors.
Es war ein Völkermord, meinen indonesische Menschenrechtler, auch wenn sich das Geschehen nicht in den Wortlaut der Anti-Genozid-Konvention fügt: Sie definiert Opfer als nationale, ethnische oder religiöse Gruppe, nicht als politische. Ohne Zweifel aber gehören die Massenmorde von 1965/66 zu jenen Großverbrechen des 20. Jahrhunderts, die der Kalte Krieg in den Schatten der Aufmerksamkeit verbannte – oder überhaupt erst ermöglichte. Es war die Zeit des Vietnamkriegs und der US-amerikanischen Dominotheorie: Ganz Südostasien könnte kippen, an den Kommunismus fallen.
So ergriff General Suharto, verlässlich wirtschaftsliberal, die Macht mit dem Rückhalt der USA. Was scherte eine halbe Million Tote die freie Welt? Bundeskanzler Helmut Kohl nannte den General mit Blut an den Händen seinen „Freund“, besuchte ihn viermal. Mit Diktatoren gute Geschäfte zu machen, war in der alten Bundesrepublik durchaus üblich. Suharto blieb 32 Jahre im Amt, bereicherte sich obendrein an Milliarden Dollar Staatsvermögen. Eine wirkliche Aufarbeitung des dunklen Kapitels, das mit seinem Namen verbunden ist, hat es in Indonesien nie gegeben.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.
Die Genozide unserer Freunde
Keine People’s Justice. Klingelt da etwas? Ja, so hieß das berüchtigte Monumentalbild auf der Documenta 15; nach der Entdeckung einer antisemitisch überzeichneten Figur wurde es abgehängt – zu Recht. Aber wie bequem, dass nun nicht darüber nachgedacht werden musste, was People’s Justice anprangerte: die Unterstützung von Suhartos Schreckensherrschaft durch den Westen (und teils durch Israel). Kohls Freundschaft zum Blut-General – unerheblich. Mit Genoziden, die Freunde begehen, befasst man sich ja in Deutschland generell ungern.
Meine Begeisterung Ende der 1990er Jahre über den demokratischen Aufbruch Indonesiens war so berechtigt wie übereilt. Die Euphorie über die neue Freiheit, die ich besonders bei armen Menschen erlebte, war real, und sie dementierte das westliche Vorurteil, Muslime gäben nichts auf Demokratie. Doch die von Suharto gehätschelte Oligarchie blieb hinter den Kulissen an der Macht; alte Eliten ziehen bis heute die Fäden. Der amtierende Präsident Subianto, der dem Diktator posthum den Ehrentitel verlieh, gehörte als junger Militär zu dessen Vertrauten und pflegt nun selbst einen zunehmend autoritären Regierungsstil.
Die andere Seite: Unlängst gab es wieder soziale Massenproteste, die größten seit Suhartos Sturz. Und in der indonesischen Zivilgesellschaft reagierten viele mit Entsetzen auf die Rehabilitierung des Diktators. Beides zeigt: Der überstrapazierte Begriff vom Globalen Süden verwischt gravierende Gegensätze, krasse Unterschiede von Interessen und Werten.
Global betrachtet ist die Ehrung für einen Massenmörder eher ein Symptom der Zeit: die offensive Anerkennung von Unrecht als Recht, von bösen Taten als vorbildhaft – Medaillen für Massaker. In Chile wurde soeben ein expliziter Pinochet-Anhänger zum Präsidenten gewählt; Militärs, die wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt wurden, will er begnadigen, und die eigene Familie ist in Untaten verstrickt. Mehr geht kaum. Ich denke an Víctor Jara, seine Lieder des Nueva canción politisierten eine Generation; er fiel unter 44 Gewehrkugeln der Pinochetista. Alles umsonst, vergangen, vergessen, untergepflügt die Ideale?
Vom linearen Fortschrittsdenken befreien
Als Beobachterin war ich nach Indonesien Zeugin weiterer Umbrüche in Ägypten, Tunesien, Sudan. Errungenes, das für dauerhaft gehalten wird, weil es so opferreich erkämpft wurde, kann auf eine zuvor unvorstellbar rasante Weise verloren gehen. Darauf mit Zynismus zu reagieren, würde das Beste in uns zerstören.
Wer in diesen Zeiten politisch-moralisch überleben will, muss sich von einem linearen Fortschrittsdenken befreien, das uns jetzt nur Niederlagen und verlorene Anfänge sehen lässt, und sich einlassen auf disruptive oder kreisförmige Verläufe von Geschichte. Während heute die Organe und Prinzipien einer solidarischen Weltgesellschaft unterminiert und zerschlagen werden, sind die Protestbewegungen für ein besseres Leben kaum zählbar. In Iran sterben die Menschen gerade dafür.
Bei aller Solidarität mit den dort Kämpfenden: Auch hier fallen kreisförmige Verläufe ins Auge. Ausgerechnet der wohlhabende Sohn des Schahs soll nun das Gesicht der Proteste sein – als wäre sein Vater nicht wegen exorbitanter Bereicherung und Unterdrückung der Freiheit gestürzt worden, sondern aus gänzlich unerfindlichen Gründen.
Der Schah war vom Westen installiert worden, denn auch im Fall Iran sah selbiger Westen seine Interessen durch einen Diktator bestens gewahrt. Sein Sohn Reza Pahlewi umschmeichelt jetzt Trump, der Demokratie und Völkerrecht zerschlägt, als „Anführer der freien Welt“. Ich hoffe, die Iraner und Iranerinnen erkämpfen sich eine bessere Freiheit. Reza Pahlewi rief jetzt die iranischen Ölarbeiter zum Streik auf. Sie streikten bereits gegen seinen Vater.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert