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Winterdienst auf Geh- und RadwegenSpieglein, Spieglein auf der Straße

Nanja Boenisch

Kommentar von

Nanja Boenisch

Das Eis taut, die Schieflage bleibt: Warum ein paar Tage Schnee und Glätte zeigen, wessen Sicherheit im Straßenverkehr zählt – und wer rutschen muss.

Wo ist hier der Radweg? Im Berliner Straßenverkehr Anfang Januar Foto: Florian Gaertner/imago

E s rappelt im Inneren des Polizeiautos, geparkt am Straßenrand, zwei Reifen auf dem verschneiten Radweg. Ich umfasse die Griffe meines Fahrradlenkers fester, bereite mich auf Ärger vor und lege mir meine Worte zurecht.

Warum ich neben den Fah­re­r:in­nen kostspieliger SUVs in Berlin-Zehlendorf auf der Bundesstraße Fahrrad fahre? Also, ich würde lieber auf dem abgesetzten Radweg fahren. Der ist aber nicht nur hübsch verschneit, sondern von einer dicken Eisschicht bedeckt. Und erschien mir gefährlicher als die Autos, die hier 50 plus fahren und tendenziell zu eng überholen.

Bei Schnee und Eis werden die Machtverhältnisse im Straßenverkehr besonders sichtbar. Autos regieren – in Berlin genauso wie in vielen deutschen Städten. Ihnen werden die Fahrstreifen freigeräumt oder mit Rollsplitt bestreut oder beides.

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Verbrenner-Auspuffe helfen, heizen nicht nur die Erde, sondern auch den Asphalt auf und bringen Schneereste zum Schmelzen. Die Straße in Berlin-Zehlendorf ist an diesem Abend bei Minusgraden wunderbar befahrbar. Umso rutschiger sind die ungeräumten Fahrrad- und Gehwege.

Mehr als 70 ungeräumte Fahrwege in Berlin

Auf einer interaktiven Karte des Fahrradclubs ADFC sind mehr als 70 Radwege im gesamten Hauptstadtgebiet dokumentiert, die nicht vom Schnee befreit vereist waren – oder es türmte sich dort Schnee auf, der von anderen Flächen weggekehrt wurde. In Göttingen waren viele Radwege eisfrei, dafür mussten Fuß­gän­ge­r:in­nen auf Gehwegen schlittern. In Dresden sollen Fahrradwege seit 2025 „gleichrangig“ mit den Straßen geräumt werden – bisher klappte das nur stellenweise. Hamburg erweiterte 2021 das Radwegenetz, das die Stadt bei Schnee räumt. Rund drei Viertel der Fahrradwege im Stadtgebiet gehören aber noch immer nicht dazu.

Für die Räumung von Radwegen sind grundsätzlich die Kommunen zuständig, sie müssen verkehrswichtige Radwege genauso wie Straßen für Autos räumen. Nur: Bei der Beurteilung, welche Wege „verkehrswichtig“ sind, haben sie Spielraum.

„Im Zweifelsfall sollte eine Räumpflicht für (alle) Radwege angenommen werden, damit der gefahrfreie Radverkehr ermöglicht wird“, schreibt der Verband kommunaler Unternehmen. „In den meisten Gemeinden wird dies sicherlich politisch auch gewollt sein.“ Die Straße ist geräumt, der Radweg nebendran nicht? Na, da war flüssiges Autofahren im traditionell autobegeisterten Deutschland eben wichtiger – und politisch mehr gewollt.

Fürs Räumen und Streuen auf Gehwegen gelten je nach Gemeinde unterschiedliche Regeln. Kommunen können die Winterdienstpflicht per Satzung an die Eigentümer anliegender Gebäude übertragen. Manche Vermieter wälzen sie wiederum per Mietvertrag auf die Mie­te­r:in­nen ab.

Versäumte Streu- und Räumpflichten

In Berlin zum Beispiel müssen sich meist Ei­gen­tü­me­r:in­nen um schnee- und eisfreie Gehwege kümmern. Vielen Haus­be­sit­ze­r:in­nen ist das offensichtlich recht egal; der Verkehrswendeverein Changing Cities kritisiert, dass das Ordnungsamt versäumte Räum- und Streupflichten nur selten ahndet.

Dabei haben glatte Wege fatale Folgen: Notaufnahmen in Schleswig-Holstein behandelten Anfang Januar wegen Schnee und Eis 50 Prozent mehr Pa­ti­en­t:in­nen als sonst, viele mit typischen Ausrutsch-Sturz-Diagnosen – gebrochenen Unterarmen oder verletzten Schultern.

Klar, schlitternde Autos sind auch gefährlich, Busse und Krankenwagen müssen freie Fahrt haben. Winterdienst kostet, erfordert Personal und Maschinen, die in den vergangenen Jahren wegen durchschnittlich wärmerer Winter seltener gebraucht wurden.

Wenn Menschen aber schlicht nicht die Wahl haben, sicher mit dem Fahrrad zu fahren oder zu Fuß zu gehen, ist das nicht nur ungerecht. Es führt auch die Verkehrswende, Baustein im Kampf gegen die Klimakrise, wortwörtlich aufs Glatteis.

Teure Unfallkosten

Wie es anders geht? In Kopenhagen werden manche Radwege mit Abwärme beheizt. Im isländischen Reykjavík gilt für Fahrradwege „Service 1a“ – alleroberste Räumpriorität, schon frühmorgens, damit die Menschen sicher mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen. Schweden hat errechnet, dass die Behandlung von Glätteunfallopfern viel teurer für die Gesellschaft ist als ein umfassender Winterdienst.

Der Ärger mit den Polizeibeamten in Berlin-Zehlendorf bleibt übrigens aus. Kurz danach aber hupt der Fahrer eines kostspieligen SUVs laut und lang, überholt eng und gestikuliert aufgebracht. Ich würde wirklich lieber auf dem Radweg fahren.

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Nanja Boenisch
Redakteurin
Schreibt im Ressort Wirtschaft + Umwelt über Mobilität und Verkehrswende.
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