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Abschaffung des BürgergeldsNoch mehr Härten, noch mehr Demütigungen

Der Bundestag beschäftigt sich mit der Verschärfung der Sanktionen beim Bürgergeld. Im Zentrum der Debatte steht die Figur des „Totalverweigerers“.

Stress und Angst als Begleiter: Insgesamt 5,5 Millionen Menschen beziehen derzeit Bürgergeld Foto: Lisi Niesner/reuters

Von der Abschaffung der Karenzzeit für die Schonung von Angespartem bis zur Komplettstreichung der Leistungen für vermeintliche „Totalverweigerer“: Auf die rund 5,5 Millionen Be­zie­he­r:in­nen des bisherigen Bürgergeldes kommen deutlich härtere Zeiten zu.

Nachdem das Kabinett Mitte Dezember den Weg frei gemacht hat für die „neue Grundsicherung“, wird sich an diesem Donnerstag erstmals der Bundestag mit dem dazugehörigen Gesetzentwurf von Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) beschäftigen. Absehbar ist, dass nicht zuletzt Union und AfD erneut das alte Lied der Taiga vom massenhaften Sozialmissbrauch anstimmen werden.

Die Debatte wird bestimmt vom Bild der angeblich so vielen Faulen, die arbeiten könnten, aber lieber Freizeit auf Kosten des Staates machen: den sogenannten Totalverweigerern, die dauerhaft unkooperativ sind und Termine beim Jobcenter schwänzen. Selbst das Arbeitsministerium betont, dass es sich hierbei um ein Zerrbild handelt. Weniger als ein Prozent der Bür­ger­geld­emp­fän­ge­r:in­nen galten zuletzt als „Totalverweigerer“.

Tatsächlich seien häufig psychische Erkrankungen der Grund, weshalb Betroffene nicht zu Terminen beim Jobcenter erscheinen, sagt Nils Wohltmann. Er ist Berater des Berliner Arbeitslosenzentrums der evangelischen Kirchenkreise, kurz BALZ. „Der Anteil von Menschen mit psychischen Erkrankungen in unserer Beratung nimmt zu“, berichtet Wohltmann.

Irren ist amtlich

Mit einem Bus stehen Wohltmann und seine Kol­le­g:in­nen vom BALZ regelmäßig vor den Berliner Jobcentern. Unter dem Motto „Irren ist amtlich“ bieten sie Beratung auf Augenhöhe an, sagt er zur taz. Wenn Betroffene direkt aus einem Termin zu ihm in die Sprechstunde in den Bus kommen, seien sie nicht selten auf 180. Wohltmann sagt mit Blick auf die Arbeitsvermittler:innen: „Es passiert zu viel Demütigung.“

Das BALZ berät, so Wohltmann, „eine sehr heterogene Gruppe“, die eines vereint: prekäre Lebensbedingungen. „Wir begegnen Alleinerziehenden, Personen, die ihre Angehörigen pflegen, chronisch Kranke, Menschen mit Suchtproblemen.“ In der Sprache der Behörden sind das die sogenannten Vermittlungshemmnisse.

Wohltmann legt Wert darauf, dass alle Menschen, denen er begegnet, arbeiten wollen: „Bei uns am Bus sagen die Leute immer: ‚Ich will eine Arbeit finden, ich will ohne Jobcenter leben.‘“ Es seien letztlich persönliche Gründe, die verhindern, dass sie schließlich auch wirklich arbeiten gehen können.

Auf genau diese Gruppe zielt die schwarz-rote Rückabwicklung des Bürgergelds. Menschen sollten „ihren Lebensunterhalt vollständig und möglichst dauerhaft aus eigenen Kräften bestreiten“, heißt es im Gesetzentwurf der Bundesregierung. Dementsprechend werden auch die „Mitwirkungspflichten“ der Betroffenen verschärft, inklusive der Sanktionsdrohungen.

Panik bei Betroffenen

Nach den derzeitigen Regelungen wird man aktuell bei Pflichtverletzungen gestaffelt sanktioniert. Nach der ersten Pflichtverletzung, etwa einem verpassten Termin, kann das Jobcenter das Bürgergeld für einen Monat um 10 Prozent senken. Beim zweiten Verstoß entfallen 20 Prozent für zwei Monate, beim dritten Verstoß 30 Prozent für drei Monate.

Künftig sollen die Gelder bereits nach dem zweiten versäumten Termin um 30 Prozent gekürzt werden. Beim dritten Nichterscheinen werden die Zahlungen für mindestens einen Monat komplett gestrichen. Auch wer eine Fördermaßnahme abbricht oder sich nicht bewirbt, muss mit einer stärkeren Kürzung der Geldleistung rechnen als bislang. Der Regelbedarf soll dann um 30 Prozent für jeweils drei Monate gemindert werden können.

Arbeitsministerin Bas versichert zwar, dass alle, die mit den Jobcentern zusammenarbeiten oder Termine aus wichtigen Gründen nicht wahrnehmen können, nicht mit Kürzungen rechnen müssen. Auch sollen Schutzmechanismen bei Leistungsminderungen für Menschen mit psychischen Erkrankungen gestärkt werden. Betroffene dürfte das wenig beruhigen, zumal CDU und CSU unverändert auf Härte setzen.

Schon eine 30-prozentige Kürzung sei eine sehr hohe Strafe, sagt Berater Wohltmann. „Von so wenig Geld kann man eigentlich gar nicht leben.“ Zugleich beobachtet er, „dass Sanktionen noch nie zur Motivation geführt haben, sondern nur zu Angst“. Die aktuelle Verschärfung der Regeln versetze viele, die sich beim BALZ beraten lassen, schon jetzt in Panik. „In aller Regel löst das eher noch mehr Krisen in den Menschen aus.“

Unverständliche Bescheide

Auch Andreas Wallbaum sagt, er spüre immer wieder den Stress und die Angst bei den Menschen, die in seine Sprechstunde kommen. Im „Südblock“, einer Bar am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg, berät Wallbaum jeden Dienstagnachmittag ehrenamtlich Bürgergeldempfänger:innen. Im Kiez ist er als „Hartzer Roller“ bekannt.

Anfang des Jahrtausends hatte er selbst als „Kunde“ mit Jobcentern zu tun. Nach dieser Erfahrung wurde er zum Berater, zunächst beim Arbeitslosenverband. Als bald darauf die Projektmittel ausblieben, machte er sich selbstständig. Mit einem motorisierten Dreirad tourte er durch die Gegend und bot seine mobile Sozialberatung an. Er wurde zum „Hartzer Roller“. Heute ist er Rentner, die Beratung findet nur noch stationär im „Südblock“ statt.

Die Sorgen, mit denen Menschen in seine Sprechstunde kommen? „Die Menschen erhalten Bescheide, die sie nicht verstehen“, sagt Wallbaum zur taz. „Wir schauen dann gemeinsam darauf und prüfen, was jetzt zu tun ist.“ Etwa, ob ein Widerspruch Sinn ergibt. Denn zum Teil seien die Bescheide „auch einfach fehlerhaft oder unvollständig“.

Behördenkommunikation ist selten einfach verständlich. Nur geht es für Menschen, die auf Leistungen des Jobcenters angewiesen sind, hierbei um die Existenz. Da macht es eben einen großen Unterschied, ob eine Anlage vermeintlich falsch ausgefüllt wurde oder nicht.

Wallbaum berichtet, dass mit der Einführung des Bürgergelds der Stress und die Angst bei Betroffenen etwas nachgelassen habe, weil sie nicht mehr fürchten mussten, in einen prekären Job gedrängt zu werden. Insofern sei es besonders brisant, dass der ursprünglich mit Hartz IV eingeführte und mit dem Bürgergeld abgeschaffte Vermittlungsvorrang nun erneut eingeführt werden soll.

Geht es nach den Plänen der Koalition, werden die Verschärfungen im Frühjahr im Bundestag beschlossen. Nicht nur aufseiten der Linkspartei und der Sozialverbände, auch an der SPD-Basis gibt es große Widerstände gegen die Reformpläne.

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11 Kommentare

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  • wo ist eigentlich das Problem mit scharfen Sanktionen gegen Totalverweigerern, wenn es doch angeblich kaum welche davon gibt?

  • Kein Themenwechsel, sondern wirklich zusammenhängend, weil solche Diskussionen ja bewusst davon ablenken sollen:



    Totalverweigerer sind doch zuerst die reichen Erbensöhne, die mit allen unsauberen Tricks und teils Illegalem ihre angemessenen Steuern nicht zahlen, obwohl sie gar nicht mehr laufen können vor vollen Taschen und Ansprüchen.



    Wenn dies geklärt wäre, ist auch mehr Geld da, um Menschen beratend wieder zu integrieren. Die Einzelfälle, wo Sozialkassen systematisch von unten gemolken werden, lassen sich gewiss angehen (ohne das Geld nur noch für Bürokratie zu verbrennen, natürlich).



    Die von oben dabei auch, und da reden wir von ganz anderen Summen. Kurzarbeitergeld etwa aus den allgemeinen Kassen für BMW-Klattens trotz Milliardengewinnen darf auch noch stärker zur Ächtung führen, wenn anderes nicht hilft.

  • Das Absurde ist ja, dass es mehrere Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichtes gibt, wo dieses höhere Kürzungen als 30 Prozent für verfassungswidrig erachtete. Man beruft sich nun auf einen kurzen Halbsatz, wo stand, dass dies eventuell ginge, wenn man nur aus eigener Kraft es abwenden kann durch Arbeitsaufnahme. Allerdings funktioniert nicht einmal das, wenn das Gehalt erst Mitte des nächsten Monats gezahlt wird und man den Job vielleicht gar nicht bekommt.

    Darüber hinaus irrt der Staat auch, wenn er denkt, dass starker Druck eventuell unwillige Menschen in Arbeit führt. Dazu würde man bessere Arbeitsvermittlung brauchen mit Menschen, die gelernt haben mit Menschen umzugehen und die Zeit haben, ergo, einen besseren Schlüssel pro Person.

    Ich kenne viele Menschen mit Leistungsbezug. Noch nie habe ich gehört "oh, ich habe eine Sanktion, dann ändere ich mal mein Verhalten". Wie der Artikel richtig besagt: die meisten haben irgendwelche nachvollziehbaren Gründe. Viele sind krank. Und einige hängen vielleicht an dem, was sie mal waren und nicht mehr können. Jetzt leiden alle an den Änderungen.

  • Die neue Härte für Bezieher von Grundsicherung hört sich an wie ein Freifahrtschein für die Mitarbeiter der Jobcenter, die Leistungsbezieher nach Belieben zu schikanieren. Das kann z. B. in Aktionen ausufern wie das - relativ sinnfreie - Einbestellen von LeistungsbezieherInnen mehrmals in der Woche, die Anforderung von fast denselben Unterlagen in zwei Briefen an zwei Tagen hintereinander usw. Solche Fälle hat es auch bisher immer wieder gegeben. Und das alles wegen weniger Leistungsbezieher, die angeblich arbeitsfähig sind, Arbeit jedoch verweigern. Ganz ehrlich: Lieber zahle ich denen ein paar Almosen, als sie als Mitarbeiter oder Kollegen zu haben.

  • Wenn ich das richtig verstehe, muss man als Arbeitsloser (also mit viel Zeit) einfach nur ein Mal pro Monat zum Amt. Das ist jetzt wahrlich keine unmögliche Sache. Und man kann ja immer noch formal Bewerbungen schreiben, diese aber so formulieren, dass man definitiv nicht genommen wird. Dann zählt man auch nicht als "Verweigerer".

  • Bedenkt man, dass der dem Staat entstehende jährliche Schaden durch Steuerhinterziehung zwischen 50 und 200 Milliarden Euro liegt und dass Superreiche wie die Klattens oder Döpfner Milliardenbeträge verschenken bzw. geschenkt bekommen, ohne dafür eine nennenswerte Steuer zahlen zu müssen, so wird zumindest mir speiübel. Auch bei der Verschwendung von Steuergeld durch die Herren Spahn und Scheuer werden ohne weiteres beide Augen zugedrückt.



    Es ist eben leichter, auf marginalisierte Randgruppen einzuprügeln, als sich um die wirklichen Probleme zu kümmern. Die Union hat dies über Jahrzehnte hinweg perfektioniert, die SPD in den letzten Jahren leider dem angepasst.

    • @Flix:

      Sozialbetrug und Steuerhinterziehung ist kein (alleiniges) Metier der Superreichen. Die vermeiden Steuern eher als direkt kriminell zu werden.

      Man kann doch das Abgreifen von Steuermittel an allen Fronten bekämpfen...

  • Was wäre denn die Alternative, einfach Geld ausschütten und hoffen, dass alles gut wird. Die Zahlen für Arbeitsverweigerer sind gar nicht zu erfassen, kaum jemand wird sagen: Ich habe keinen Bock auf Arbeit. Natürlich sagen die Menschen im Jobcenter: Ich suche unbedingt Arbeit, ich will dringend auf das Bürgergeld verzichten. Nur genau den angebotenen Job können oder wollen sie nicht machen, oft auch, weil Bürgergeld und Schwarzarbeit eine lohnend Kombination sind.

  • Wenn die Bürgergeldempfänger wirklich mehrheitlich enorme Vermittlungshenmnisse haben, sollten diese Fälle alle raus aus dem System und auf eine dauerhafte Rente umgestellt werden. Dann könnte sich die Verwaltung auf die sinnvollen Fälle konzentrieren um diese wieder in Arbeit bringen. Mit einem Grundeinkommen ließe sich sogar der ganze Komplex komplett einsparen.

  • Es ist schon Bemerkenswert. Voll- und Überversorgte Politiker sind der Meinung, dass Bürgergeldempfänger mehr Druck benötigen, damit es wirtschaftlich in D bergauf geht. Dieser Weg wird sich als Falsch herausstellen.

  • Aus eigener Erfahrung: diese Termine haben i.d.R. nur eine Alibi-Funktion für die Statistik: das Amt hat sich um den Arbeitslosen gekümmert. Inhaltlich war das nur "Ich habe nichts neues" "Ich auch nicht" "Sie müssen eine neue Wiedereingliederungsvereinbarung unterschreiben und Sie sind übrigens selbst schuld, dass Sie noch arbeitslos sind".



    Das sind dann diese wahnsinnig wichtigen Termine, die da versäumt werden.



    Wann streicht die Union endlich das "C" und das "S" aus ihrem Parteinamen.