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WM-Boykott als Ultima RatioWürden Sie wegen Trump auf Fußball verzichten?

Wenn Trump Grönland annektiert, sollte Europa dann die Fußball‑WM 2026 in Nordamerika boykottieren? Oder besser schon vorher damit drohen?

US-Vizepräsident Vance (l.), US-Präsident Trump (m.) und FIFA Präsident Gianni Infantino (r.) in Washington D.C., USA am 6. Mai 2025 Foto: Kent Nishimura/reuters

Eine harte Drohung sieht wohl anders aus. „Allenfalls als Ultima Ratio“ komme ein WM-Boykott des Männerturniers in den USA, Mexiko und Kanada infrage, sagte Jürgen Hardt, außenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, der Bild-Zeitung. Er sei indes „zuversichtlich, dass wir in der Grönlandfrage innerhalb der Nato zu einem besseren gemeinsamen Sicherheitsverständnis gelangen“. Trotzdem reichte dieser kalkulierte Vorstoß, um vor allem via Boulevard eine kleine Boykottdiskussion in Deutschland zu entfachen. In einer Insa-Umfrage spricht sich eine knappe Mehrheit dafür aus, die Fußball‑WM 2026 zu boykottieren, falls US‑Präsident Donald Trump tatsächlich Grönland annektieren würde.

Nun gibt es für einen Boykott des Turniers gute Gründe, und das nicht erst seit gestern: Die grauenvollen ICE-Deportationen, der eskalierende MAGA-Faschismus, die faktische Übernahme des mächtigsten Staats der Welt durch Milliardäre, die gezielte Beschleunigung des Klimakollaps, der völkerrechtswidrige Militäreinsatz in Venezuela, die Morde in der Karibik, die Finanzierung des mutmaßlichen Völkermords in Gaza, dazu die widerwärtige Trump–Infantino-Achse in der Fifa oder auch der mögliche Ausschluss ausländischer Fans aus 39 Ländern – die Liste, warum man echt nicht zu diesem Turnier fahren sollte, ist lang.

Bezeichnend ist allerdings, dass keines dieser Verbrechen in Deutschland Anlass für eine breitere Boykottdebatte gab. Sie störten kaum jemanden, denn es traf ja (vermeintlich) andere. Es ist also, wie es immer ist mit den Menschenrechten im Sport: Rund um Grönland geht es nicht um irgendein internationales Recht, das für die Stärkeren eh nie galt, sondern um imperiale Eigeninteressen. Die Überreichen mögen die Welt zerstören? Sollen sie. Sie gefährden die geopolitischen Interessen europäischer Eliten? Moment, das ist eine rote Linie. Zumindest eine kleine, gestrichelte. Die Heuchelei, mit der man sich nun als Völkerrechtsfreunde Grönlands aufspielt, ist unerträglich.

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Die spannende Frage ist also nicht, ob ein Turnierboykott moralisch zu rechtfertigen wäre, denn das ist er zweifellos. Die Frage ist: Wem nützt es, wenn Länder aus den falschen Motiven das Richtige tun? Und wie wahrscheinlich ist überhaupt ein europäischer Boykott?

Die zweite Frage ist schneller beantwortet: aktuell unwahrscheinlich. Gerade unter Unions-Parteikollegen klammert sich ein relevanter Teil an die letzten Brocken des transatlantischen Bündnisses, obwohl es längst in Scherben liegt. Die Bundesregierung will einen Konflikt mit der vermeintlichen Schutzmacht weiter um jeden Preis verhindern. Die Boykottdrohung erfüllt eher die namensgebende Funktion, nämlich einer Drohung. Wenn die USA morgen Grönland annektieren, wäre ein WM-Boykott ein halbes Jahr später nämlich überschaubar effektiv.

Unzufriedenheit in den Verbänden

Es gibt da allerdings noch einen zweiten spannenden Player, die Uefa. Die befindet sich ohnehin im Dauerclinch mit der Fifa und zeigte sich zuletzt über Infantinos Trump-Abhängigkeit immer weniger amüsiert. Selbst in der Fifa soll der Unmut so groß sein, dass ein anonymes hochrangiges Mitglied am Sonntag gegenüber dem britischen Guardian von „tiefer Beschämung“ unter Fifa-Leuten über Trumps Friedenspreis sprach und die US-WM als „sehr heikel“ beschrieb. Das klingt nicht nach geschlossenen Reihen.

Auch die Uefa hat massive finanzielle Interessen in den USA, zudem hat sich der europäische Fußball gerade seit der Pandemie enorm von US-Private Equity abhängig gemacht. Auch hier ist ein Boykott also zunächst unwahrscheinlich, zumal Mexiko und Kanada unschuldig in Mitleidenschaft geraten würden. Sollten aber die europäischen Fußballverbände den Eindruck bekommen, dass ihnen nur noch die Flucht nach vorne hilft und die Fifa sie untragbar beschmuddelt, könnte eine echte Dynamik entstehen. Und das ist durchaus ein starkes Druckmittel gegen Trump.

Aber würden schwache Staaten davon profitieren? In den letzten Jahren wachsender weltpolitischer Spannungen wird der Sportboykott zunehmend als Allzweckwaffe gehandelt. Dabei hat er historisch fast nie gewirkt; unter anderem, weil dafür eine langfristige und breit getragene Isolation eines Landes nötig ist, die kaum je funktioniert, und man angesichts all der Angriffskriege, Völkermorde und Annexionen bei ernsthafter Anwendung einen gemeinsamen Weltsport vergessen könnte.

Eine Debatte ist überfällig

Würden die Sportverbände und der Sportgerichtshof CAS ihre eigenen Worte in puncto Russland ansatzweise ernst nehmen, hätten sie die USA spätestens nach dem Angriff auf Venezuela sperren müssen. De facto aber gibt es daran weder ein machtpolitisches Interesse noch eine Institution, die in der Lage wäre, solche Strafen durchzusetzen. Solange so willkürlich ausgelegt wird, dient ein Grönland-beseelter WM-Boykott nie dem Völkerrecht. Er ist lediglich Imperialismus in anderen Farben.

Wer nicht nur nach Wetterlage Druck auf die USA ausüben will, darf sich dafür nicht auf imperiale Nationalstaaten und profitorientierte Verbände verlassen. Eine ehrliche zivilgesellschaftliche Debatte über den Umgang mit diesem Turnier ist dringend überfällig. Und in diese Diskussion gehört die Bandbreite an US-Imperialismus und MAGA-Faschismus rein, nicht nur Grönland – und nicht Trump als vermeintliche Wurzel allen Übels. Denn das Problem ist nicht ein einzelner Nationalstaat, es sind die kapitalistischen und imperialen Strukturen. Die Idee des letzten Jahrzehnts, die Welt durch Druck auf die Bundesrepublik und den DFB mit Sportboykotten besser zu machen, ist gescheitert. Es braucht wohl eine neue.

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