Kampf um faire Arbeitsbedingungen: Niedriglohn bei Schnee, Hagel, Regen und Hitze
In Duisburg steuert der größte Binnenhafen Europas auf einen Arbeitskampf zu. Die Mitarbeiter:innen wollen einen Tarifvertrag durchsetzen.
Im Kampf für bessere Arbeitsbedingungen erhöhen die Beschäftigten des größten Binnenhafens Europas in Duisburg zusammen mit der Gewerkschaft Verdi den Druck auf ihre Arbeitgeber – darunter auch die Duisburger Hafen AG, die zu einem Drittel dem schwarz-grün regierten Land Nordrhein-Westfalen und zu einem Drittel der SPD-regierten Stadt Duisburg und damit vollständig der öffentlichen Hand gehört. Sie fordern den Abschluss eines Tarifvertrages, der ihnen bessere Bezahlung und planbare Arbeitszeiten zusichern soll.
Doch der Vorstandsvorsitzende der Hafen AG, Markus Bangen, lehnt den in der sozialen Marktwirtschaft Deutschlands eigentlich selbstverständlichen Abschluss eines Tarifvertrags bisher rundweg ab. Sein Unternehmen habe „keinerlei Rückmeldungen von Mitarbeitenden erhalten, dass Interesse an einer gewerkschaftlichen Betreuung/Vertretung besteht“, verkündete der Vorstandsvorsitzende im November im Lokalteil der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung – und an dieser Position hat sich bisher offenbar nichts geändert.
Dabei hatte selbst die aus Duisburg stammende SPD-Vorsitzende Bärbel Bas auf taz-Anfrage als Reaktion darauf gemahnt, „Tarifbindung“ sei „ein Kernstück unserer sozialen Marktwirtschaft“, die bessere Löhne und Arbeitsbedingungen sichere. Als Bundesministerin für Arbeit und Soziales setze sie sich „mit Überzeugung dafür ein, die Tarifbindung in Deutschland zu stärken“.
Bei zwei der im Hafen tätigen Firmen, der Hafen AG-Tochter duisport logistics & port services GmbH (DLPS) und der Rhenus Logistics, haben die Beschäftigten mit Verdi-Unterstützung deshalb Tarifkommissionen gewählt. „Heute ist der Tag, an dem eine offizielle Aufforderung zu Tarifverhandlungen an die Arbeitgeber ergeht“, sagte Gewerkschaftssekretär Sören Brandes am späten Montagnachmittag bei einer Pressekonferenz im Haus des Deutschen Gewerkschaftsbunds DGB in Duisburg.
„Unsere Löhne sind viel zu gering“
Wie nötig der Abschluss von Tarifverträgen im Duisburger Hafen ist, machten Beschäftigte deutlich, die den Mut hatten, sich in die Tarifkommissionen wählen zu lassen und trotz befürchteter Repressionen durch die Arbeitgeber mit Klarnamen für ihre Rechte zu kämpfen: „Unsere Löhne sind viel zu gering“, sagt etwa Jerome Kicka.
Teilweise erhielten die Beschäftigten für eine 40-Stunden-Woche harter Arbeit an der Hafenkante Nettolöhne von gerade einmal 1.800 Euro im Monat, klagen sie. „Dabei wird vergessen, dass wir bei Schnee, Hagel, Regen, Hitze draußen sind und die Logistik am Laufen halten“, sage der Hafenarbeiter Jörg Duckert. „Hafen ist Knochenarbeit.“
Heute herrsche in den Betrieben ein „Nasenprinzip“, erklärte Tarifkommissions-Mitglied Günay Al. Ohne Tarifvertrag seien die Mitarbeiter:innen gezwungen, ihre Löhne individuell mit den Arbeitgebern zu verhandeln: „Wer sich gut verkaufen kann, bekommt mehr Geld als andere.“ Die Rethmann-Gruppe, zu der Rhenus gehört und die sich im Privatbesitz der namensgebenden Familie befindet, habe dagegen allein 2024 einen Gewinn von 713 Millionen Euro ausgewiesen, meinte dazu Gewerkschaftssekretär Brandes.
Dazu kämen ständig wechselnde, unplanbare Arbeitszeiten, kritisierte Christoph Maas, ebenfalls Tarifkommissionsmitglied. Schon regulär sei ein sogenanntes Kontischicht-System vorgesehen in dem auf zwei Tage mit Frühschichten zwei Tage Spätschicht und zwei Tage Nachtarbeit folgen sollen. Doch er erfahre „erst am 28. eines Monats, wann ich ab dem 29. arbeiten soll – und das wird dann noch 15 Mal umgestellt“, ärgert sich Maas. „Ich habe keine planbaren Schichten, kein System, keine Regelmäßigkeit. Das ist Gift für den Körper – und die Familien.“
Geradezu frühkapitalistisch klingen die Arbeitsbedingungen, die der Auszubildende Ayhan Budak schildert: Im 2. Lehrjahr arbeite er ohne Ausbilder unbegleitet als Kranführer und Gabelstaplerfahrer, lenke aber auch große „Stacker“ genannte Containerstapler. „In der Spätschicht bin ich der Letzte, der die Firma abschließt. Ich bin ohne Totmannknopf komplett allein auf dem Gelände“, sagt der 24-Jährige, der eine Ausbildung zur Fachkraft für Hafenlogistik macht. Die dafür gezahlte Ausbildungsvergütung liege bei „unter 800 Euro netto“.
Bis Mai hätten die Arbeitgeber jetzt Zeit, „in Ruhe“ mit den Beschäftigten zu verhandeln, erklärt Gewerkschaftssekretär Brandes. Sollten die sich aber nicht bewegen, „sei ein Arbeitskampf nicht ausgeschlossen“. Noch versuche die Gewerkschaft, Streiks zu vermeiden, warnte auch sein Kollege Niels Holger Schmidt, bei Verdi zuständig für die Verkehrsbetriebe am Niederrhein, zu denen auf der Duisburger Hafen gehört. „Wir streben keinen Konflikt an“, sagt Schmidt. „Aber wenn es einen Konflikt gibt, gibt es einen Konflikt.“
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