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Armut ist eine SystemfrageEin Gefühl von Ausschluss

Gastkommentar von

Sabine Schwedt

Wenn zum Jahresende kostenlos Gänsekeulen verteilt werden, verfestigt sich das Gefälle von Arm und Reich. Und die Systemfrage wird ausgelagert.

Second-Hand-Gymnastikschläppchen sind aus mehreren Gründen gut, darunter Kosteneinsparung und ökologische Nachhaltigkeit Foto: Andreas Maria Müller/imago

D er Musiker Frank Zander und weitere Promis servieren jedes Jahr Weihnachtsgänse, das Kinderhilfswerk Arche in Berlin verteilt Geschenke an „bedürftige“ Kinder, die Berliner Tafel verschenkt Gutscheine und Lego-Sets. Selbst das Hofbräuhaus am Berliner Alexanderplatz lädt bedürftige Familien am Heiligabend zum Essen ein.

Sabine Schwedt

ist alleinerziehende Mutter und lebt mit ihren Kindern im Bürgergeldbezug. Sie beklagt, dass sie nicht arm ist, sondern arm gemacht wird. Hier schreibt sie unter Pseudonym, weil sie ihren richtigen Namen zum Schutz ihrer Familie nicht veröffentlichen will.

Ich bin eine solche „Bedürftige“ und trotzdem frage mich immer wieder: Bin ich die Einzige, der all das aufstößt? Ja, es sind tolle Angebote, und die meisten Beschenkten freuen sich darüber. Als alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern bin ich ergänzend auf Bürgergeld angewiesen. Kostet eine Gurke nur 1,39 Euro, freue ich mich darüber, wie über alles, was unseren Alltag finanziell erleichtert. Wenn der dritte verlorene Handschuh vom Schulkind oder die herausgewachsenen Hausschuhe vom Kitakind Sorgen bereiten, reduzieren Geschenke meine Sorgen.

In der Schulklasse, in der Spenden für die Tafel gesammelt werden, gilt selbst ein Teil als arm

Gleichzeitig möchte ich diese Dankbarkeit mit so etwas wie Stolz und auf Augenhöhe ausdrücken. Bei der Tafel anzustehen, nichts anfassen zu dürfen, das Lego-Set mit der Bitte überreicht zu bekommen, dass meine Kinder als Dankeschön ein Bild für die Spender malen sollen, löst ein großes Unbehagen in mir aus. Ebenso wenn der Pfarrer immer wieder von „bedürftigen Kindern“ redet. Meine Kinder bedürftig? Ja, sie gelten als arm. Doch diese Kluft, das distanzierende Wir-sie-Denken – wir, denen es gut geht, und sie, denen es schlecht geht – ist ein Gefälle, das auch Projektionsfläche für das gute Gefühl von Ehrenamtlichen darstellt.

Wenn arme Kinder in der Schule Spenden sammeln

Auf dieser Ebene wird Armut ausgelagert. Sie findet quasi nicht statt beziehungsweise nur an bestimmten Orten: in der Arche, in der Schlange bei der Tafel, unter der Brücke. Dass in der Schulklasse, in der Spenden für Kinder der Berliner Tafel gesammelt werden, selber ein Teil als arm gilt, wird kaum wahrgenommen.

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Vor allem zu Weihnachten oder in der Laternenzeit, in der gern erklärt wird, wie gütig Sankt Martin war, der seinen Mantel geteilt hat, werden „arme Menschen“ homogenisiert. Wer ist denn dieser Bettler am Jahresanfang im Schnee? Der durch die U-Bahn wandert und um Spenden bittet. Warum ist er arm und der heilige Martin reich? Der Bettler bleibt namenlos. Auch in den Medientexten, Podcasts, Videos gibt es dasselbe Schema: Promis werden individuell dargestellt, die Menschen mit Bürgergeldbezug als „arme Masse“.

Dass wir mehr sind als nur eine Bedarfsgemeinschaft, würde uns zwar kei­ne*r absprechen, doch die Erzählung, warum Alleinerziehende mit Kindern in Armut leben, ist unzureichend. Möglicherweise ist bekannt, dass die meisten von uns nicht Vollzeit arbeiten können, weil dann die Kinderbetreuung nicht gewährleistet ist. So verdienen wir zu wenig, um uns eine angemessen große Wohnung leisten zu können und all die Dinge, die den Alltag erleichtern. Vergessen wird aber meist, dass wir in der Regel 24/7 allein für alles zuständig sind. Krankheit, Wege, Zuständigkeiten – alles muss man allein bewerkstelligen.

Auch Po­li­ti­ke­r*in­nen zeigen sich gerne an den Ausgabestellen von Tafeln und Suppenküchen und loben in ihren Schürzen die karitative Arbeit. Dabei ist das Problem hausgemacht: Von den vielen unterschiedlichen Leistungen für Familien profitieren Alleinerziehende am wenigsten. Eva Maria Hohnerlein, Rechtswissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München, spricht von kannibalisierenden Wechselwirkungen. Die unterschiedlichen Leistungen wie Unterhalt, Unterhaltsvorschuss, Kinderzuschlag, Bürgergeld, Wohngeld fressen sich gegenseitig auf.

Das Armutsrisiko für Ein-Eltern-Familien steigt so seit Jahren. So bekomme ich seit diesem Januar 8 Euro weniger Bürgergeld – weil das Kindergeld um 4 Euro ansteigt. Mir wird als „Bedürftige“ das Mehr an Kindergeld gleich wieder vom Regelsatz meiner Kinder abgezogen, während die Gurke weiterhin 1,39 kostet. Die Inflation wird bei der neuen Grundsicherung ignoriert. Statt in den Supermarkt geht es zur Tafel, dadurch entstehen zwei getrennte Welten. Armut ist nicht per se ein Identifikationsmerkmal, sie kann aber eins werden, wenn man nicht merkt, dass sie strukturelle Ursachen hat. Die Haltung „Ich bin nicht arm, ich werde arm gemacht“ ermöglicht eine andere Betrachtungsweise und wirkt empowernd.

Kinder werden dem Staat mehr einbringen als sie kosten

Es gibt in Berlin Reiseangebote für Familien mit Bürgergeld, es gibt Essensausgaben und Kleiderkammern. Das hat alles seine Daseinsberechtigung, ich möchte nicht undankbar sein. Aber ich merke, dass ich den Kopf einziehe, wenn ich bei der Tafel Schokolade für meine Kinder bekomme. Ist es Scham? Ja, auch. Ist es ein Gefühl von Ausschluss? Ja. Ich fühle mich tatsächlich nicht zugehörig. Ist es ein Gefühl von Ungerechtigkeit? Auch das. Hätte ich keine Kinder, wären Konsum und ein gutes Auskommen unproblematisch. Dabei werden meine Kinder später, wenn sie selbst arbeiten, dem Staat mehr einbringen, als sie heute kosten. Das haben Berechnungen gezeigt.

Ja, es wäre schön, wenn ich für meine zwei kleinen Fachkräfte und Steuerzahler ein Lego-Set im Laden kaufen könnte. Ich möchte auch nicht auf eine Gruppenreise fahren, bei der „Bürgergeldfamilien“ unter sich sind und noch einen Erziehungsworkshop aufgedrückt bekommen, nach dem Motto: Die haben es nötig. Ich möchte Inklusion und Teilhabe, so wie viele andere Alleinerziehende auch. Wir sind keine homogene arme Masse – von der Anwältin mit drei Kindern und Burn-out bis hin zur Krankenschwester, die ihr eigenes Kind, das nur mit einer Magensonde leben kann, pflegt. Wir sind viele verschiedene Mütter und Väter mit völlig unterschiedlichen Bildungsbiografien und Bildungsressourcen.

Augenhöhe hole ich mir, indem ich auf Nachbarschaftsportalen und in Elternchatgruppen nach Gymnastikschlappen in Größe 27 frage – die einen wegen der Nachhaltigkeit, ich primär aus ökonomischen Gründen.

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10 Kommentare

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  • Ok, es ist leider so, dass ein Teilzeitgehalt bei Alleinerziehenden kaum ausreicht die Familie zu ernähren. Üblicherweise sollte der Ex Partner auch seinen Part beisteuern, das wird in dem Artikel leider gar nicht thematisiert.



    Nein hier wird ausschließlich die Gesellschaft kritisiert, die dann auch noch durch Hilfen diskriminiert.



    Das ist mir etwas zu billig, sorry. Was wäre denn der Vorschlag der Autorin? 50% Gehaltsaufstockung durch den Staat? Für alle gleich oder dann wieder ungleich nach Einkommensgruppen? Bis zu welchem Alter der Kinder ? Nur wenn der Partner nicht zahlt oder immer ? Alles nicht so ganz einfach finde ich.

  • "das Lego-Set mit der Bitte überreicht zu bekommen, dass meine Kinder als Dankeschön ein Bild für die Spender malen sollen,"



    Ist die Investition für das eigene Seelenheil. So wie Fugger mit Fuggerei in das eigene Seelenheil investiert hat.



    Ein Geschenk ist die freiwillige Abgabe. Sobald eine Gegenleistung erwartet wird, erlischt der Status als Geschenk. Es ist also keine Spende mehr, sondern wie bei Fugger auch eine Investition ins eigene Seelenheil, die offiziell beglaubigt werden soll. Bei Fugger täglich für in beten, beim lego ein Bild malen.

  • Ich weis nicht warum. Aber der Preis der Gurke triggers mich.



    Ein Gurke kostet „nur“ 1,39 und darüber freut sich die Autorin?



    Ich habe die bei dem Preis liegen lassen und zu anderem Gemüse gegriffen.



    Genau solche Zahlen fordern geradezu heraus zu sagen: geh zu Aldi. Die Differenz von 25 günstige Gurken machen das Lego-Set, was mein kleiner bekommen hat.

    Mir fehlen hier die Lösungen, Alternative. Wenn das aufstößt, soll dieses Angebot wegfallen?

    Gerade in letzter Zeit sind Flohmärkte durch wieder beliebter, es gibt Vinted, es gibt Angebote in Bibliotheken und co. Die richten sich an alle, da gehört jeder dazu. Wir nutzen das auch, die Kinder tragen fast nur 2nd Hand. Diese Systeme kann man auch nutzen. Gerade Kindersache Kosten fast nichts, weil der Markt überschwemmt ist.

    Auch den Vergleich über Berichte mit Stars finde ich schwer.

    Aber gut. Jeder macht andere Erfahrungen. Bei uns im Umfeld (Kita, Freunde ) ist klar, das es „arme“ Kinder gibt. Es ist klar, dass man sich gegenseitig unterstützt, ohne Aufhebens drum zu machen. Und das das auch bekannt ist, gesehen wird und Armut nichts abstraktes ist. Vielleicht ist der Pott da einfach realistischer und offener.

  • Ich sehe das zwiespältig:

    Auf der einen Seite kann ich die Frustration über das gesamtgesellschaftliche Hinnehmen von Armut, insbesondere Kinderarmut, sehr gut verstehen. Genauso, wie ich es verstehen kann, das man unzufrieden ist, wenn einem trotz echter Bedürftigkeit immer wieder das Gefühl aufgenötigt wird, man sei im Grunde eine Bittstellerin gegenüber einer quasi "erlauchten" Klasse. Einzelne geschilderte Sachverhalte wie z.B. die Bitte, die Kinder mögen als Dank für ein Legoset eine Postkarte malen, finde ich zudem schlicht übergriffig - so trichtert man schon Kindern ein, weniger wert zu sein.

    Auf der anderen Seite muss ich aber auch zugeben, dass mir hier auch ein anderes Problem auffällt: Die Autorin beschreibt, sie könne als Alleinerziehende "nicht mehr als Teilzeit" arbeiten, und hätte ohne Kinder kein Problem mit dem Auskommen, empfängt aber Bürgergeld. Das impliziert, sie ist mutmaßlich arbeitsfähig, aber arbeitet nicht - ich vermute, weil es sich verglichen mit der gegebenen Situation schlicht nicht lohnen würde. Das ist nachvollziehbar, dämpft aber zugegebenermaßen meine Sympathie für die zum Ausdruck gebrachte Anspruchshaltung - denn zu Augenhöhe gehören Zwei.

    • @Agarack:

      Vielleicht ist auch keine Teilzeitstelle in Sicht.

  • Das Problem ist aber auch, dass unsere linksdrehenden politischen Gestaltungsmacher noch nicht mitbekommen haben, dass wir immer mehr in einen Schaumschlägerfeudalismus abdriften. Da werden die, denen es dreckig geht, nicht mehr so wahrgenommen. Auch weil viele Schaumschläger sich als Wohltäter mit einer Stiftung oder Ahnlichem in der Öffentlichkeit präsentieren.



    Wer will kann sehen, dass die ganz alten Zeiten wiederkommen. Nur das sie früher vor der Kirche mit offenen Händen auf Almosen gewartet haben.

    PS: Das mit dem Bild malen für eine "Gabe" ist ja der Gipfel der Unverfrorenheit.

  • Sehr guter und wichtiger Artikel, den Menschen über die taz hinaus lesen müssten! Er zeigt auch gut die Zusammenhänge auf, die, gerade in Bezug auf die verschiedenen Unterstützungsleistungen sich eher behindern als den Betroffenen noch stärker unter die Arme zu greifen und sie zu unterstützen. Hier verpufft leider viel.

  • Eine Demokratie ist keine wirkliche Demokratie und kann auf Dauer nicht überleben, wenn Menschen in ihr so behandelt werden.



    Wann begreift man das endlich?

  • Armut in Deutschland wird grundsätzlich negiert.



    Es mag viele Länder geben, in denen die Armut viel größer erscheint.



    Letztendlich sind es unterschiedliche Armutssysteme, die nicht einfach verglichen werden können.



    Die Armut in Deutschland findet versteckt statt.

  • Danke für Ihren Gastkommentar. Ihre Erfahrungen müssen Gehör in der Gesellschaft finden.