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Brief an Ministerin Dorothee BärWir sind keine Gebärmaschinen

Es soll mehr Geld für die Erforschung von gynäkologischen Krankheiten geben. Doch wer Frauengesundheit verbessern will, muss auch Abtreibungen legalisieren.

Das Modell einer schwangeren Frau für den Anatomieunterricht aus Elfenbein, 17. Jahrhundert Foto: United Archives/WHA/action press

Liebe Frau Bär,

ich möchte Ihnen eine kurze Geschichte von mir erzählen. Höchstwahrscheinlich habe ich eine gynäkologische Erkrankung – eine Frauenkrankheit, wie Sie sagen würden – doch mit Sicherheit kann ich es nicht sagen, denn diagnostiziert wurde sie bislang nicht. Dabei gebe ich mir große Mühe, eine Diagnose zu bekommen, auch um Folgeerkrankungen zu verhindern. Ich lese mich ein, tausche mich mit anderen Erkrankten aus, notiere meine Symptome und mache Termine bei unterschiedlichen Ärzt_innen. Doch in den Praxen wird mir kaum geholfen. Vielmehr stoße ich dort auf Unverständnis. „Aber wieso wollen Sie denn eine Diagnose? Sie sind doch gar nicht ungewollt kinderlos.“

Ganz als gäbe es nur einen Grund, den Körper zu verstehen: Kinder in die Welt zu setzen. Andernfalls werde ich nicht ernst genommen. Ein Gefühl, das mir und anderen Frauen und Queers nicht fremd ist. Dass Männer in der Medizin priorisiert und alle anderen psychologisiert werden, ist durch verschiedene Studien belegt. Geht es um unsere Gesundheit, werden Schmerzen heruntergespielt, Diagnosen unnötig in die Länge gezogen und einfallslose Behandlungsmethoden vorgeschlagen („Nehmen Sie doch die Pille.“ oder „Versuchen Sie, Stress zu vermeiden!“).

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Deswegen freue ich mich, dass Sie nun etwas ändern und entsprechende Gelder zur Verfügung stellen wollen. Das kommt zwar etwas spät und ich könnte ich Sie fragen, an wem es denn liegt, dass Deutschland in Bezug auf „Frauengesundheit“ noch „Entwicklungsland“ ist. Denn welche Partei war denn in den letzten Jahrzehnten am häufigsten an der Regierung beteiligt?

Aber Schwamm drüber. Es ist nie zu spät, einen Missstand zu beheben. Und ich glaube Ihnen, wenn Sie sich darüber ärgern, dass Medikation immer noch weitestgehend an Männern ausgerichtet, Krankheiten wie Endometriose und Lipödeme nicht ordentlich erforscht und Crashtest-Dummys erst seit Kurzem auch Frauenkörpern nachempfunden sind.

Doch wenn Ihnen wirklich an der Gesundheit der Hälfte der Bevölkerung gelegen ist, reicht es nicht aus, diese einzelnen Forschungsmissstände zu beheben. Sie müssen ein grundsätzliches Umdenken in Politik, Medizin und bei den Krankenkassen anstoßen. Gehandelt werden muss nach der Maxime: Die Gesundheit von Frauen und queeren Menschen zählt! Und auch dann, wenn sie keinen Kinderwunsch haben. Wir sind keine Gebärmaschinen.

Wer sich um die Gesundheit von Frauen und Queers sorgt, muss also dafür sorgen, dass sie selbst über ihre Körper bestimmen dürfen. Alles andere ist scheinheilig. Und zur körperlichen Selbstbestimmung gehört natürlich auch die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung ist längst dafür, doch konservative Kräfte, wie Ihre Partei, sind es, die die Grundrechte bewusst weiter einschränken wollen.

Und es gibt weitere Maßnahmen, die gegen die medizinische Benachteiligung helfen würden: die kostenlose Bereitstellung von Verhütungsmitteln, eine weniger konservative Vorstellung davon, wessen Kinderwünsche unterstützt werden und welche Körper von gynäkologischen Krankheiten betroffen sein können. Aber auch verpflichtende Seminare für medizinisches Personal über den Zyklus und mögliche Erkrankungen von Frauen und Queers können Schmerzen lindern und im besten Fall Leben retten.

Die bessere Erforschung von Endometriose oder die Behebung des Versorgungsmangels für Menschen in den Wechseljahren sind gute Versprechen. Aber ich freue mich, wenn Sie die Gesundheit von Frauen und queeren Menschen radikal in allen Bereichen verbessern. Damit Betroffene in den Praxen nicht mehr abgespeist werden, sondern sie die Hilfe bekommen, die sie benötigen.

Mit freundlichen Grüßen

Carolina Schwarz

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5 Kommentare

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  • Die "kostenlose Bereitstellung von Verhütungsmitteln" ist ja eine Forderung, die nachvollziehbar ist. Aber mal theoretisch gedacht: Wie könnte so etwas ablaufen? Hängt man Automaten mit Kondomen auf? Ich kann mir bildlich vorstellen, wie viele Kondome dann auf der Straße landen.



    Ist die Pille dann kostenlos? Gute Idee, aber den gang zum Frauenarzt wird es nicht ersparen.



    Wie stellen Sie sich die Umsetzung vor, Frau Schwarz?

  • Liebe Frau Schwarz,

    Schwangerschaft ist keine Krankheit. Die Gesundheit von Frauen und queeren Menschen zählt! Da haben Sie recht. Die Gesundheit und das Lebensrecht der Ungeborenen im Mutterleib zählt aber auch! Wie so oft in taz-Artikeln zum Thema Abtreibung werden diese menschlichen Wesen noch nicht mal erwähnt. Sehr einseitig, liebe Frau Schwarz.

  • Inwiefern schadet eine Geld- oder Gefängnisstrafe der Frauengesundheit im Allgemeinen?

  • Dieses „Alles-oder-nichts“-Denken ist wenig zielführend. Entscheidend ist konkreter Fortschritt, nicht die Durchsetzung maximaler moralischer Positionen.

  • Abtreibungen sind unter bestimmten Voraussetzungen bereits legal. Angesichts der damit einhergehenden Güterabwägung ist das auch vollkommen in Ordnung. Es gibt keinen Grund, Frauengesundheit durch das Thema Abtreibung zu blockieren.