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Demo der Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“, November 2025: Suraj Mailitafi hält das Megafon, dahinter Lorenz' engste Freunde Foto: Leon Enrique Montero

Tödliche Polizeischüsse auf Lorenz A.„Es war eine Frage der Zeit, bis einer von uns so stirbt“

Schüsse aus einer Dienstwaffe töteten Lorenz A. aus Oldenburg. Für seine Freunde ist sein Tod die Konsequenz des Rassismus, den auch sie von der Polizei kennen.

Aus Oldenburg

Aljoscha Hoepfner

M it dem Megafon in der Hand stellt sich Suraj Mailitafi auf den Parkplatz vor der Polizeiwache in der Oldenburger Innenstadt. Vor ihm ist der Demozug aus Richtung der Fußgängerzone zum Stehen gekommen. Es ist Anfang November und wie in diesem Jahr schon so oft, protestieren in Oldenburg rund 500 Menschen gegen rassistische Polizeigewalt. Auf ihren Schildern stehen Sprüche wie „Stop Racial Profiling“, „Bin ich der nächste?“ und „Wer schützt uns vor den Beschützern?“. Eine Handvoll Po­li­zis­t:in­nen vor der Wache beobachten das Geschehen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.

Einer ihrer Kollegen hatte in der Nacht auf Ostersonntag 2025, nur wenige Straßen entfernt, den 21-jährigen Lorenz A. mit mehreren Schüssen von hinten getötet. A. hatte nach einer Auseinandersetzung vor einer Bar fliehen wollen, so die Auffassung der Staatsanwaltschaft. Dabei habe der Polizist „irrtümlich“ angenommen, dass A. ihn mit einem Messer angreife. Die Behörde hat im November Anklage wegen fahrlässiger Tötung erhoben. Laut NDR ist eine Überlastung des Gerichts für die Verzögerung verantwortlich.

Der antirassistische Aktivist Mailitafi ist Sprecher der Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“. Dass die Staatsanwaltschaft die tödlichen Schüsse einen „Irrtum“ nennt und den Polizisten nicht wegen Totschlags anklagt, ist laut Initiative Ausdruck mangelnder Verantwortungsübernahme in Fällen von „tödlicher und rassistischer Polizeigewalt“.

Vorwurf: Eingriff in die Pressefreiheit

Bei dem Fotojournalisten Leon Enrique Montero, der für die taz zu diesem Text fotografiert hat, hat die Polizei Hannover in der vorvergangenen Woche eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Dabei wurden Speichermedien, Telefone und Computer beschlagnahmt und Montero selbst erkennungdienstlich behandelt. Nach Angaben der Polizei steht die Maßnahme im Zusammenhang mit einer Auseinandersetzung zwischen linken De­mons­tran­t:in­nen und Personen aus dem rechten Spektrum am Rande der Demonstration „Gerechtigkeit für Lorenz“ am 8. November. „Wir verlangen, dass unser freier Fotograf sein Arbeitsmaterial sofort zurückbekommt“, sagt taz-Chefredakteurin Ulrike Winkelmann. „Es kann nicht sein, dass die Polizei ihn an seiner Berufsausübung hindert. Aus unserer Sicht ist das ein erheblicher Eingriff in die Pressefreiheit“

Mailitafi hebt das Megafon: „Für wen?“ – „Lorenz!“, ruft die Menge in Richtung der Polizist:innen. Noch einmal hallt es durch die Straße: „Für wen?“ – „Lorenz!“ Und dann nochmal und nochmal, in einer Mischung aus Trauer und Wut.

In der ersten Reihe des Demozugs stehen Lorenz' engste Freunde. Viele von ihnen tragen unter ihren Jacken auch heute das T-Shirt mit seinem Gesicht auf der Brust und seinem Namen auf dem Rücken. Zusammen mit erfahrenen Ak­ti­vis­t:in­nen wie Mailitafi haben sie sich in der Initiative zusammengetan. Dass das bereits am Tag von Lorenz' Tod geschah, hat einen Grund: Rassismus durch die Polizei erleben sie schon lange.

Bereits Monate vor Lorenz' Tod hatten einige von ihnen Mailitafi angesprochen und ihm von Racial Profiling und Schikane durch die Polizei berichtet. Ständig würden die Be­am­t:in­nen sie ohne erkennbaren Grund, offenbar nur wegen ihres Aussehens, kontrollieren. „Wir hatten uns darauf verständigt, dass sie sich bei mir melden können, falls etwas passieren sollte und sie Unterstützung brauchen, um öffentlich darauf aufmerksam zu machen“, erinnert sich Mailitafi an das Treffen. Einige Monate vergingen, dann bekam er am Ostersonntag einen Anruf.

Immer wieder die gleiche Erfahrung

Auf dem Wohnzimmertisch bei Ben steht eine kleine Schüssel mit Keksen. Simon und Julian haben auf Sitzkissen und Sofa Platz genommen, Ben holt noch ein Glas Wasser, bevor er sich auf einen Stuhl dazu setzt. Ihre echten Namen wollen die drei Freunde von Lorenz nicht in der Zeitung lesen. Aber sie wollen von ihren Erfahrungen mit der Oldenburger Polizei berichten. „Es war nur eine Frage der Zeit, bis einer von uns durch die Polizei stirbt“, sagt Ben, der als erstes das Wort ergreift. In ihren Augen war die Tötung ihres Freundes ein Höhepunkt von jahrelang erlebtem Rassismus.

Die Freunde denken nicht, dass der Polizist Lorenz in rassistischer Absicht erschossen hat. In ihrer Erfahrung nimmt die Polizei Schwarze und People of Color aber als bedrohlicher wahr, geht respektloser mit ihnen um und greift schneller zu Gewalt. „Es ist ganz klar eine Struktur dahinter“, meint Simon. Sie sind sich sicher, dass der Polizist nicht geschossen hätte, wenn Lorenz weiß gewesen wäre.

Bei Ben haben die Kontrollen angefangen, als er 15 Jahre war, erzählt er: „Ab da war das so, dass ich auf dem Fahrrad oder E-Roller immer wieder aus dem Verkehr rausgezogen und auf Drogen kontrolliert wurde.“ Einmal habe die Polizei ihn auf dem Schulweg angehalten und einen Urintest verlangt: „Es war früh morgens, ich hab's versucht, aber es ging nicht.“ Statt in die Schule musste er dann mit auf die Wache kommen. Seinen „blonden, blauäugigen Kollegen“ hätten die Polizisten damals nicht angehalten. Wie oft Ben in seinem Leben schon von der Polizei kontrolliert wurde, kann er nicht mehr sagen. Inzwischen hat er aufgegeben zu fragen, warum es ausgerechnet immer ihn trifft: „Das bringt nichts. Ich weiß ja, warum.“ In Bens nüchterner Stimme liegt für einen Moment die Erschöpfung der jahrelangen immer gleichen Erfahrung.

Er und Simon waren manchmal zusammen mit Lorenz in der Stadt unterwegs. Ben erinnert sich, wie die Polizei sie einmal angehalten hat, offenbar in der Annahme sie wären flüchtige Tatverdächtige: „Dann hat Lorenz die Polizei gefragt, wie die Täterbeschreibung ist.“ Weder die Kleidung von Ben noch von Lorenz passten zu der Beschreibung. Das einzig Auffällige an ihnen war, dass sie Schwarz sind. Simon, der auch dabei war, wurde nicht kontrolliert. Er ist weiß. „Es gibt etliche solcher Stories. Lorenz und ich werden von der Polizei angehalten, Simon wird einfach ignoriert“, sagt Ben.

Alltägliche Gewalt

„Ich wurde mit niemandem so oft kontrolliert wie mit Lorenz“, erinnert sich Simon an die Zeit, als er gerade seinen Führerschein gemacht hat. Da ist er oft zusammen mit Lorenz rumgefahren. In zwei Jahren seien es 40 bis 50 Kontrollen gewesen, schätzt er. Ohne Lorenz sei er nur zwei oder drei Mal angehalten worden. Auch, als er neulich mit Ben und Julian unterwegs war, seien wieder nur die beiden angehalten worden – obwohl Simon in Sichtweite der Polizisten an den Straßenrand gepinkelt hat. Das finden die Freunde noch immer so absurd, dass sie trotz allem schmunzeln müssen.

Die Kontrollen gehören für Ben und Julian zum Alltag. Im Straßenverkehr, beim Feiern in der Stadt, auf dem McDonald's-Parkplatz oder wenn sie einfach zufällig an der Polizei vorbeilaufen – überall wurden sie schon ohne für sie ersichtlichen Grund kontrolliert. Beim Auflisten ihrer Erfahrungen fallen sie sich mehrmals ins Wort, wenn sie sich an die nächste Geschichte erinnern. Auch von Polizeigewalt berichten beide.

Auf dem Schild der Citywache in Oldenburg kleben Sticker mit Lorenz' Gesicht, wie sie inzwischen überall in der Stadt sind Foto: Leon Enrique Montero

Julian zeigt ein Handyvideo, das er am Wochenende aufgenommen hat. Auf der Aufnahme ist zu sehen, wie ein Freund von ihm nach einer größeren Auseinandersetzung bei einer Party in den Weser-Ems-Hallen, dem örtlichen Messegelände, von einem Security-Mitarbeiter festgehalten wird. Den Auslöser hat Julian nicht mitbekommen. Er geht in seine Richtung, um nach dem Rechten zu schauen. „Dann hat ein Polizist mich aus dem Nichts auf den Boden geschubst und mich mit seinem Knie auf meiner Brust festgehalten“, beschreibt er das weitere verwackelte Geschehen. Warum der Polizist ihn festhielt, weiß er bis heute nicht, erklärt Julian. Er durfte anschließend direkt wieder gehen. Von solchen Vorfällen können laut Ben die meisten seiner Freunde erzählen.

Er und der Großteil der Freundesgruppe sind Anfang 20. Julian ist etwas jünger und im Gespräch anfangs zurückhaltend. Er macht erst seit kurzem negative Erfahrungen mit der Polizei: „Ich finde das richtig schade, dass man bei der Polizei so raussteht, wenn man Schwarz ist.“

Zwei verschiedene Welten

„An der Stelle, wo Lorenz erschossen wurde, haben wir in den Wochen danach getrauert, Wache gehalten“, erzählt Simon. Die Polizei sei ständig an ihnen vorbeigefahren, habe sie mehrmals angesprochen. Die Freunde sehen das als gezielte Provokation.

Colin (Name geändert), ebenfalls ein Freund von Lorenz und auch Schwarz, berichtet der taz, dass er einige Wochen nach Lorenz' Tod auf dem Fahrrad von der Polizei angehalten worden sei. Auf seinem Handy hat er einen Sticker mit Lorenz' Gesicht, wie sie inzwischen überall in der Stadt zu sehen sind. Der Polizist habe den Sticker gesehen und dann gesagt, Colin müsse sich keine Sorgen um seine Sicherheit machen, solange er kein Pfefferspray dabei habe. Eine offensichtliche Anspielung darauf, dass Lorenz A. Pfefferspray eingesetzt haben soll, bevor der Polizist ihn von hinten erschoss.

Ich weiß, immer wenn die Polizei da ist, ist es gefährlich für mich

Ben, Freund von Lorenz A.

Ben spricht von zwei verschiedenen Welten: „Die Leute denken, der Polizist, das ist mein Nachbar, bei uns ist der immer nett und korrekt. Ja, aber nicht zu jedem.“ Sicher fühlt er sich nicht, wenn er die Polizei sieht: „Ich weiß, immer wenn die Polizei da ist, ist es gefährlich für mich.“

Die Erfahrungen der Freunde decken sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Racial Profiling. „Eine Erhebung des Sachverständigenrat für Integration und Migration aus dem Jahr 2023 hat ergeben, dass Personen, die aufgrund von äußerlichen Merkmalen als ausländisch wahrgenommen werden, doppelt so häufig von der Polizei kontrolliert werden wie Personen, die nicht so wahrgenommen werden“, erklärt Vanessa Eileen Thompson. Die Sozialwissenschaftlerin beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit Rassismus und Polizeigewalt in Deutschland und ist unter anderem Sprecherin einer unabhängigen Kommission zur Aufklärung des Todes von Oury Jalloh im Dessauer Polizeigewahrsam 2005. Nach langjähriger Tätigkeit in Frankfurt ist sie heute Professorin für Black Studies an der Queens University in Kanada.

Auch die MIDIS-Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte, die marginalisierte Personen aller Mitgliedsstaaten zu ihren Diskriminierungserfahrungen befragt hat, und der Afrozensus, eine von der Organisation Each One Teach One initiierte Studie zur Lebensrealität von Schwarzen Menschen in Deutschland, belegten: „Rassifizierte Menschen in Deutschland sind ständig von Polizeikontrollen betroffen“, sagt Thompson. Da Fälle von Racial Profiling nicht systematisch erfasst werden, gibt es jedoch keine genauen Zahlen.

Für die Betroffenen sind die Auswirkungen gravierend: Manche meiden den Ort der Kontrolle, andere entwickeln Angstzustände oder Depressionen. „Es handelt sich um eine systematische Form der Entmenschlichung“, erklärt Thompson. Sie betont zudem: „Viele Fälle von polizeilicher tödlicher Gewalt nahmen mit Racial Profiling ihren Anfang.“ Die Kampagne „Death in Custody“ von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland zählt zwischen 1990 und 2024 266 Todesfälle von „rassistisch unterdrückten Personen in Haft, Gewahrsam oder durch Polizeigewalt“. Auf Seiten der Polizei spricht Thompson von einer „systematischen Verleugnung des strukturellen Problems“.

Verlorenes Vertrauen

Marion (Name geändert) sitzt auf einer Bank neben dem Friedhof, auf dem Lorenz im Mai vergangenen Jahres beigesetzt wurde. Sie ist eine Freundin der Familie, kannte Lorenz seit vielen Jahren. Auch sie engagiert sich nun in der Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“: „Ich sehe mich als Mutter von einem Schwarzen Kind in der Verantwortung, unsere Gesellschaft daran zu erinnern, dass es Rassismus im Alltag gibt und dass diese Kinder in besonderer Form davon betroffen sind.“ Mit zunehmendem Alter hat sie festgestellt, wie sich der Umgang mit ihrem Sohn durch die Polizei verändert hat: „Das hat mir als Mutter gezeigt, dass Racial Profiling eine Rolle spielt und dass mein Sohn anders behandelt wird als seine weißen Freunde.“

„Für wen?“-„Lorenz!“, ruft die Menge in Richtung der Polizist*innen, in einer Mischung aus Trauer und Wut Foto: Leon Enrique Montero

Wie viele andere Eltern Schwarzer Kinder sagt auch Marion, dass es genauso gut ihr Kind hätte treffen können: „Dass es früher oder später in Oldenburg dazu kommt, dass die Polizei einen Schwarzen erschießt, das war für uns nicht die große Überraschung.“ Aus Angst sei schlicht Realität geworden. Nach den jahrelangen Rassismuserfahrungen ihres Sohnes und seiner Freunde hat sie endgültig den Glauben an die Polizei verloren: „Das Vertrauen ist mit Lorenz gestorben.“

Hinter den massiven Säulen vor den Eingangstüren des ehemaligen Oldenburgischen Staatsministeriums liegt im ersten Stock das Büro von Andreas Sagehorn. Er ist Präsident der Polizeidirektion Oldenburg und möchte das verlorengegangene Vertrauen durch Dialog zurückgewinnen. Racial Profiling sei ein „wiederkehrender Vorwurf, den wir sehr ernst nehmen“, erklärt er im Gespräch, zu dem er von seinem Pressesprecher begleitet wird. Den „subjektiven Wahrnehmungen“ der Personen, die der taz von Rassismus durch die Oldenburger Polizei berichtet haben, könne er aber nichts entgegnen, da er keine Kenntnisse der konkreten Fälle habe.

Für Reformen wie eine unabhängige Beschwerde- und Ermittlungsstelle oder Kontrollquittungen, eine Bescheinigung über einen tatsächlichen Grund der Kontrolle, sieht er keinen Bedarf. Das System funktioniere gut, wie es ist. Verständnis für die Bestürzung und die Wut nach der Tötung von Lorenz A habe er zwar, aber: „Schwierigkeiten habe ich mit dem immer wiederkehrenden Vorwurf des strukturellen Rassismus. Ich bin überzeugt, dass wir den in der Polizei nicht haben.“

„Es muss sich etwas verändern“

Auch die niedersächsische Innenministerin Daniela Behrens (SPD) wies nach der Tötung von Lorenz A. Vorwürfe von strukturellem Rassismus in der Polizei „mit aller Überzeugung zurück“. Das bekräftigte sie nochmals, auch nachdem in der niedersächsischen Polizei im September gleich zwei Chatgruppen mit rassistischen Inhalten aufflogen, von denen sich eine an der Polizeiakademie Oldenburg gründete. Beide untermauern ihren Befund mit einem Hinweis auf die 2024 erschienene Studie zu Diskriminierungsrisiken in der niedersächsischen Polizei. Tatsächlich kommt diese Studie jedoch zu dem Schluss, dass es sehr wohl mehrere fest in der Polizei verankerte Arbeitsroutinen gibt, etwa die „Lagebeurteilung unter Nutzung ethnischer Kategorien“, die Diskriminierung begünstigen können.

Es muss sich etwas verändern. Es darf nicht sein, dass dafür erst Leute sterben müssen

Simon, Freund von Lorenz A.

„Es ist ein institutionelles Problem“, sagt Astrid Jacobsen über Racial Profiling. Sie ist Professorin an der Polizeiakademie Niedersachsen und Mitautorin der Studie. Die Be­am­t:in­nen müssen selbst entscheiden, wen sie kontrollieren: „Sie greifen dabei auf persönliche und kollektive polizeiliche Erfahrungen zurück, die Gefahr laufen, zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu werden.“ Auch wenn sie keine rassistische Einstellung haben, können die Po­li­zis­t:in­nen deshalb rassistisch handeln.

Auch auf Grundlage dieser Erkenntnisse fordern die Grünen in Niedersachsen Reformen wie eine verbindliche Datenerhebung zu Racial Profiling, unabhängige Polizeibeauftragte und Kontrollquittungen. „Schon in meiner Jugend habe ich erlebt, wie ich – oder vor allem meine männlichen Freunde – ohne ersichtlichen Grund herausgegriffen und kontrolliert wurden“, erzählt die Oldenburger Landtagsabgeordnete Lena Nzume. In Reaktion auf die Tötung von Lorenz A. hat die Partei auf ihrem Bundesparteitag im November einen Beschluss zur Überwindung von „institutionellem Rassismus in Sicherheitsbehörden“ verabschiedet. Ob sie ihre Forderungen umsetzten können, ist fraglich.

Zuletzt hat sich der niedersächsische Polizeipräsident trotz einer entsprechenden Vereinbarung im Koalitionsvertrag von SPD und Grünen gegen die Einführung einer Kennzeichnungspflicht ausgesprochen. Auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CDU) bekräftigte im Dezember im Bundestag anlässlich der geplanten Modernisierung des Bundspolizeigesetzes nochmals sein Vertrauen in die Polizei. Racial Profiling und Polizeigewalt bezeichnete er als „Polemik“. Für ihn gebe es „nur eine einzige Perspektive: Wir stehen auf der Seite der Polizistinnen und Polizisten, nicht auf der Seite der Kriminellen“. Eine von seinem Ministerium geförderte und diesen Februar veröffentlichte Studie kommt dagegen zu dem Schluss, dass Racial Profiling als Form von institutionellem Rassismus ein verbreitetes Problem darstellt und in der Polizei erheblicher reformbedarf besteht.

Durch die Terrassentür von Bens Wohnzimmer bricht inzwischen die Dämmerung herein. Nachdem er, Simon und Julian über eine Stunde von ihren persönlichen Erfahrungen berichtet haben, kommen sie zum Abschluss noch auf die Politik zu sprechen. Aussagen, wie die des Innenministers, bestärken bei ihnen das Gefühl, dass die Politik die Tötung ihres Freundes und den Rassismus in der Polizei nicht ernstnimmt. Dabei betont Ben, dass alle Schwarzen und PoC betroffen sind und ihre Erfahrungen nichts Besonderes seien, nur weil sie Lorenz kannten. Sie kämpfen deshalb selbst für eine Reform des Systems. „Es muss sich etwas verändern“, sagt Simon. „Es darf nicht sein, dass dafür erst Leute sterben müssen.“

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2 Kommentare

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  • Abwarten was bei dem Verfahren herauskommt - falls es überhaupt eröffnet wird. Vielleicht hätte man erwähnen sollen, dass Lorenz A. der Polizei bekannt. Das erklärt dann auch, warum er öfter kontrolliert wurde als unauffällige Mitbürger.

  • Erschütternd.



    Die Rot-grüne Landesregierung muss handeln.