Kamikazedrohnen für die Bundeswehr: Wie die Rüstungsindustrie auf Staatskosten profitiert
Die Bundeswehr will neue Waffen kaufen: Kamikazedrohnen. Großaufträge gehen nun an zwei Start-ups – obwohl sich deren Drohnen erst beweisen müssen.
J ohannes Arlt drückt einen Knopf und hebt die obere Hälfte der Drohne an. „Sehen Sie“, sagt er. „So leicht lässt sich das Teil abnehmen.“ Beim Vorgängermodell habe man dafür noch Schrauben lockern müssen. Nun ist da nur noch der Knopf. „Der lässt sich sogar in Handschuhen bedienen oder im Matsch“, sagt Arlt. In Jeans und Sakko steht der 41-Jährige am Montag auf der Rüstungsmesse Enforce Tac in Nürnberg.
Hinter ihm die weiße Drohne, schmal und so hoch wie ein Mensch. Was Arlt sagen will: Die Bedienung dieser Waffe ist kinderleicht. Und weil auf dem Schlachtfeld jede Sekunde zählt, soll diese Drohne ein Gamechanger sein.
Johannes Arlt war selbst Soldat. In Afghanistan und Mali hat er Drohnen des Typs Heron gesteuert, die primär der Aufklärung dienen. „Über 1.000 Flugstunden“, erzählt er. Dann zog er für die SPD in den Bundestag, saß im Verteidigungsausschuss. Bis er letzten Sommer die Seiten wechselte. Jetzt verkauft er selbst Drohnen, und das für eines der meistdiskutierten Rüstungs-Start-ups dieser Tage: Stark Defence.
Das Fluggerät mit den vier Tragflächen, Rotoren und Sensoren, das Arlt anpreist, heißt „Virtus“. Es ist das neueste Modell. Ob es in der Praxis wirklich hält, was Arlt verspricht, wird derzeit diskutiert. Zu lange könnte der Aufbau im Feld dauern, warnen manche Experten. Zu teuer gegenüber Konkurrenzprodukten, sagen andere.
Dass über diese Waffe überhaupt debattiert wird, liegt an einem aktuellen Auftrag der Bundeswehr. Die will Kampfdrohnen wie die „Virtus“ in großer Stückzahl einkaufen. Am Mittwoch beschloss der Haushaltsausschuss zunächst Verträge in Höhe von 540 Millionen Euro. Damit sollen die „Virtus“ von Stark Defence sowie ein Produkt namens „HX-2“ des Mitbewerbers Helsing gekauft werden.
Gesamtvolumen: Bis zu 2 Milliarden Euro
Insgesamt könnten in den kommenden Jahren Angriffsdrohnen von Stark und Helsing für bis zu 2 Milliarden Euro beschafft werden. Zwar bremste der Haushaltsausschuss damit den Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), der für die neuartigen Waffen der beiden Unternehmen sogar bis zu 4,3 Milliarden Euro ausgeben wollte. Aber im Grundsatz bleibt es dabei, dass damit nun zwei Großaufträge für Kampfdrohnen an zwei junge deutsche Start-ups gehen.
Es sind hohe Beträge, die für womöglich noch gar nicht ausgereifte Waffen gezahlt werden. Das kann als Ausdruck einer neuen Beschaffungspolitik verstanden werden, bei der deutsche Rüstungs-Start-ups gezielt gefördert werden. Der Kauf bei deutschen Produzenten diene „der Wahrung des nationalen Sicherheitsinteresses“, erklärte eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums der taz.
Damit solle unter anderem die „nationale Souveränität“ gestärkt werden. Es ist eine Zeitenwende auch in der Beschaffung, die zudem mit flexibleren Verträgen statt mit jahrzehntelangen Aufträgen an traditionelle Rüstungsunternehmen daherkommt – und mit dem Einkauf ganz neuer Gerätearten.
Waffen wie die „Virtus“ und die „HX-2“ heißen im Fachjargon Loitering Munition, umgangssprachlich werden sie Kamikazedrohnen genannt. Sie fliegen entweder autonom mithilfe künstlicher Intelligenz oder werden ferngesteuert. Die „Virtus Owe V“ kann sogar, darauf ist Arlt stolz, wieder zurückgeholt werden und landen, wenn der Pilot am Boden feststellt, dass sie doch nicht zuschlagen sollte. „Menschenrechtsfreundlich“ nennt er das im Gespräch mit der taz.
„Menschenrechtsfreundliche“ Waffen
Waffen wie diese, mit einer Reichweite um die 100 Kilometer, sollen eine Lücke füllen zwischen der klassischen Artillerie, die nur grob 50 Kilometer weit schießt, und komplexeren, deutlich teureren Lenkflugkörpern, die viel weiter reichen. Welchen Unterschied Drohnen für die Kriegsführung machen, zeigt sich im Ukrainekrieg, in dem laut Experten bis zu 80 Prozent der Opfer durch Drohnen getötet werden.
Stationiert werden sollen die neuen Kampfdrohnen der Bundeswehr ab 2027 in Litauen, zur Abschreckung und zum Schutz der dortigen Bundeswehrtruppen.
Doch die Beschaffungspläne sind umstritten. Helsing bietet seine Kampfdrohnen für den halben Preis einer „Virtus“-Drohne von Stark an. Unter den Haushältern im Bundestag hatte das für Verwunderung gesorgt. Und: Sowohl bei dem Produkt von Stark Defence als auch bei dem des Mitbewerbers Helsing gibt es Zweifel an der Marktreife.
So berichtete die Welt über enttäuschende Tests der „HX-2“ von Helsing in der Ukraine, von Mängeln an Ruder und Flügeln, Fehlfunktionen und Abstürzen. Auch über die „Virtus“-Drohne von Stark berichteten Fachjournale, dass sie ihre Ziele zu oft verfehle. Dann machten auch noch Gerüchte die Runde, dass beide Waffensysteme gar nicht so kampferprobt seien, wie von den Herstellern versprochen.
Ministerium sieht Zweifel ausgeräumt
Aus dem Bundesverteidigungsministerium heißt es dazu, die Bundeswehr stünde mit den ukrainischen Streitkräften im Austausch, die beide Drohnentypen einsetzen. Beide Hersteller hätten die Reife ihrer Produkte „in firmenseitigen und bundeswehreigenen Qualifizierungs- und Testverfahren nachweisen können“. Auch bei der Zielgenauigkeit sollen die Drohnen nun überzeugen.
Kurz vor dem Beschluss im Haushaltsausschuss wurden die Verträge jedenfalls nachgeschärft. Das Gesamtvolumen wurde begrenzt, außerdem müssen alle weiteren Lieferungen nach der ersten Tranche nun einzeln genehmigt werden. Das war in den ersten Entwürfen noch nicht vorgesehen.
Besonderen Ärger hatte zuvor die Gesellschafterstruktur von Stark Defence provoziert – oder zumindest das, was man darüber weiß. Vor allem ein Name sorgte dabei für Aufregung: Peter Thiel. Der Techmilliardär ist ein Vertrauter Donald Trumps mit antidemokratischen Ansichten.
Zweifelhafte Investoren
Stark hält sich dazu bedeckt. Sicher ist: Gegründet wurde das Unternehmen im Jahr 2024 von dem ehemaligen Offizier Florian Seibel. Der hat 2015 bereits Quantum Systems gegründet, ein Start-up, das ebenfalls Drohnen herstellt, allerdings nur zur Aufklärung. Drohnen von Quantum Systems sind in der Ukraine im Einsatz, beim US-Militär und seit 2022 auch bei der Bundeswehr. Investor bei Quantum war schon damals Peter Thiel.
Auch für Stark hat Thiel wieder Geld gegeben. Und nicht nur er, sondern auch ein weiterer Mitgründer der umstrittenen Spionagesoftware Palantir sowie eine Investmentgesellschaft der CIA und der Sohn von Springer-Chef Mathias Döpfner.
Er teile die Bedenken gegen Thiel „ausdrücklich“, ließ schließlich auch der Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) letzte Woche verlauten. Wichtig sei allerdings, dass Thiel keine Entscheidungsbefugnisse habe.
Stark hatte auf die Kritik reagiert und mitgeteilt, Thiel habe keinerlei Einfluss auf das operative Geschäft und keine Sperrminorität. Beteiligt sei er mit einem einstelligen Prozentsatz. Daraufhin ließ auch das Bundesverteidigungsministerium seine Bedenken fallen. Es verlässt sich dabei allein auf eine Zusicherung des Unternehmens.
Kritik von den Grünen
Ex-Soldat und SPD-Mann Arlt hebt bei diesem Thema nur die Augenbrauen. „Ich kann verstehen, dass die Parlamentarier wissen wollen, woher das Geld für Stark kommt. Ich hätte es auch wissen wollen“, sagt er. Dem Bedürfnis seiner Ex-Kollegen sei Stark nun aber nachgekommen, findet Arlt.
Dem Grünen-Politiker Sebastian Schäfer reicht das nicht. Er ist Obmann im Haushaltsausschuss und Mitglied im Vertrauensgremium, das die Wirtschaftspläne der Nachrichtendienste billigt. Schäfer hat die Bundesregierung gefragt, an welchen deutschen Rüstungsunternehmen Peter Thiel noch beteiligt ist. Die Bundesregierung konnte das nicht beantworten.
Sebastian Schäfer
Schäfer wünscht sich generell, dass die Bundesregierung prüft, wem Unternehmen gehören. „Es geht hier immerhin um sehr viel Geld, das wir für ihre Produkte ausgeben. Dann möchte ich auch wissen, welche Investoren welche Anteile und vor allem wie viel Mitspracherecht haben“, sagt Schäfer der taz.
Schäfer ist gar nicht prinzipiell gegen die Drohnendeals. Aber er bemängelt deren Finanzierung. „Was bei beiden Unternehmen nun finanziert werden soll, sind nicht nur die tatsächlichen Systeme, sondern auch der Ausbau der Produktion. Der Bund übernimmt also einen Teil der Entwicklungs- und Ausbaukosten, während die Gewinne privatisiert werden.“ Das geht Schäfer zu weit.
Die neuen Player im Rüstungsbereich
Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren Start-ups im Rüstungsbereich immer wichtiger geworden. Während früher Firmen wie Rheinmetall, KNDS und Airbus das Geschäft quasi unter sich aufgeteilt haben, sind Start-ups wie Stark, Quantum Systems oder Helsing nun vor allem in der Digitalisierung der Verteidigung vorgeprescht. Die wurde laut Experten von den traditionellen Unternehmen eher verpasst, weil die stattdessen weiterhin auf schweres Gerät gesetzt haben.
Noch 2022 sprach der Quantum- und Stark-Gründer Florian Seibel davon, sich nicht als Teil der Rüstungsindustrie zu begreifen. Die Rüstungsindustrie, das seien für ihn „alte weiße Herren in grauen Anzügen“, sagte er damals in einem Interview – und das sei Quantum definitiv nicht. Auf der Rüstungsmesse in Nürnberg präsentiert sich Quantum Systems Anfang dieser Woche kaum noch wie ein Underdog. Bei der Vorstellung eines neuen, unbemannten Fahrzeugs drängen sich die Zuschauer*innen vor dem Stand. Mit Hochglanzbildern und wummernden Beats wird das Fahrzeug präsentiert. Das Publikum fotografiert und applaudiert. Darunter sind muskulöse Männer mit Schirmmützen, Anzugträger, alte weiße Männer und Mitglieder der Bundeswehr.
Viele der neuen Start-ups wurden von ehemaligen Soldaten gegründet oder haben ehemalige Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums in hohen Funktionen. So ist ihnen eine schnelle Vernetzung in die Politik gelungen. In einer aktuellen Studie spricht die Informationsstelle Militarisierung (IMI), die aus der Friedensbewegung stammt, sogar von einem neuen „militärisch-industriellen Komplex“, der sich kaum kontrollieren lasse. Worauf die neuen Start-ups jedenfalls von Anfang an gesetzt haben, ist die Produktion in Europa. Auch damit liegen sie voll im Zeitgeist.
Das Münchner Start-up Helsing präsentiert sich in Nürnberg pompöser als sein Berliner Konkurrent Stark Defence. Auf einem kleinen Podest sind Tische und Stühle aufgebaut, es gibt Gebäck und Kaffee aus der Maschine. Zentral ausgestellt und hinter Absperrband: die Angriffsdrohne „HX-2“. Sie ist halb so groß wie die von Stark und in mattem Schwarz gehalten.
Der Claim: „Protecting our democracies“
Ein Video, das im Hintergrund in Dauerschleife läuft, zeigt sie im Einsatz. Auf einer grünen Wiese baut ein Soldat die Drohne auf und steuert sie vom Laptop aus. Am Ende wechselt das Video in Computerspieloptik: Die Drohne fliegt in einen Panzer und explodiert. „Protecting our democracies“ steht dazu im Bild, es ist der Claim von Helsing.
Von allen Rüstungs-Start-ups in Deutschland galt Helsing zuletzt als die größte Hoffnung. 2021 gegründet, war Helsing im vergangenen Sommer das wertvollste Rüstungs-Start-up in ganz Europa. Einer der Geldgeber ist der Spotify-Gründer Daniel Ek.
Neben der „HX-2“-Drohne hat sich am Stand von Helsing eine Delegation der Bundeswehr versammelt. Ob Helsing auch den Gefechtskopf herstellt, will einer der Männer in Fleckentarn wissen. Wie viel die Drohne wiege, fragt ein zweiter Soldat. Zwölf Kilo. Anerkennendes Nicken unter den Soldaten, dann ziehen sie weiter.
Doch auch wenn am Mittwoch im Haushaltsausschuss nun zunächst die jungen Unternehmen Stark und Helsing den Zuschlag bekamen: Abgeschrieben ist die alteingesessene Konkurrenz dadurch längst nicht. Einer der Hauptprofiteure der Zeitenwende ist nach wie vor Rheinmetall. Nach Recherchen des ZDF hat das Düsseldorfer Unternehmen zuletzt Aufträge in Höhe von 42 Milliarden Euro vom Verteidigungsministerium erhalten – fast die Hälfte des Sondervermögens.
Auch Rheinmetall hat mittlerweile eine Kamikazedrohne entwickelt. Erste Flugerfolge konnte das Unternehmen aber erst vor wenigen Tagen vermelden. Vermutlich im April will der Bundestag nun auch noch mit Rheinmetall einen Vertrag über die Lieferung von Kampfdrohnen aufsetzen.
In Nürnberg indes misst Rheinmetall seiner neuen Drohne auf dem Messestand keine große Bedeutung bei. Nur ein Werbevideo zeigt, wie die Drohne auf einem Übungsgelände fliegt. Ein echtes Ausstellungsstück hat Rheinmetall nicht dabei, dafür sein neuestes Glanzstück, den Raketenjagdpanzer Fuchs JAGM. Schweres Gerät eben.
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