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Mögliche Steinmeier-NachfolgerinnenEine Bundespräsidentin könnte das Land verändern

Lukas Wallraff

Kommentar von

Lukas Wallraff

Im Januar wird ein neuer Bundespräsident gewählt. Oder zum ersten Mal eine Bundespräsidentin. Zeit für eine Frau ist es in jedem Fall.

Bundespräsidentin? Ilse Aigner von der CDU ist schon mal gut aufgestellt, was die Wahl von Frauen betrifft Foto: Daniel Löb/dpa

S tell dir vor, ein Bundespräsident spricht und alle hören zu. Dafür fehlt den meisten inzwischen wohl die Vorstellungskraft. Wer das höchste Amt im Land bekleidet, scheint für viele irrelevant zu sein. Das liegt aber nicht an diesem Amt, sondern an seinem derzeitigen Inhaber, der seit neun Jahren alles dafür getan hat, dass es in Vergessenheit geraten ist.

Wohlwollend könnte man sagen, dass Frank-Verwalter Steinmeier nicht zur Polarisierung der Gesellschaft beigetragen hat. Mit seinen stets ausgewogenen Reden bemüht er sich redlich, für den Erhalt der Demokratie zu werben und den kleinsten gemeinsamen Nenner zu formulieren. Leider führt das aber nur dazu, dass alle brav nicken, wenn sie nicht vorher schon eingenickt sind. Eine neue Debatte hat Steinmeier noch nie entfacht.

Wer mit dem netten Moderator im Schloss Bellevue zufrieden ist, mag sich einen ähnlichen Schutzherrn des Status quo als Nachfolger wünschen. Und natürlich gibt es gerade drängendere Probleme als die Frage, an wen ein politisch eher machtloser Posten im nächsten Januar vergeben wird. Aber es gibt auch die Macht des Wortes – und frühere Bundespräsidenten haben sie durchaus genutzt, um für einen Erkenntnisgewinn zu sorgen. Manchen gelang es sogar, ja, man glaubt es kaum, die Gesellschaft zu verändern.

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Die Älteren werden sich an Richard von Weizsäcker erinnern, der mit seiner Bezeichnung des 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung“ den Blick auf die NS-Zeit nachhaltig geprägt hat, weil das vor ihm kein Unionspolitiker zu sagen gewagt hatte. Mutig war auch Christian Wulff, der zum Entsetzen vieler Parteifreunde feststellte: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Das war schön deutlich und gut. Beim Blick auf die Liste der zwölf bisherigen Repräsentanten der Republik könnte man allerdings den Eindruck gewinnen, dass Frauen nicht zu Deutschland gehören.

Dass es also höchste Zeit für die erste Bundespräsidentin wird, ist jetzt auch der Union aufgefallen – weshalb derzeit nur Kandidatinnen ins Gespräch gebracht werden. Eine stille Parteisoldatin wäre aber kein großer Fortschritt. Deshalb wird es nun spannend, ob die liberale CDU-Kulturpolitikerin Monika Grütters wirklich Chancen hat, die ihrem Parteichef Friedrich Merz eventuell manchmal widersprechen könnte. Noch interessanter ist die Aspirantin Ilse Aigner, weil eine Bundespräsidentin von der CSU die Kanzlerambitionen von CSU-Chef Markus Söder wohl endgültig begraben würde. Aber da geht noch mehr. Wer sich wünscht, dass die nächste Präsidentin eindrucksvoller als Steinmeier wird, muss sich rechtzeitig einmischen und Druck machen.

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Lukas Wallraff
taz.eins- und Seite-1-Redakteur
seit 1999 bei der taz, zunächst im Inland und im Parlamentsbüro, jetzt in der Zentrale. Besondere Interessen: Politik, Fußball und andere tragikomische Aspekte des Weltgeschehens
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16 Kommentare

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  • Frau Grütters hat als Kulturstaatsministerin Herrn Weimer in all seiner Kompetenz den Boden bereitet. Ohne diese Vorbereitung wäre die Empörung über seine Zensurambitionen einfach zu groß gewesen. Also bitte, auf jeden Fall keinen Bundespräsidenten mehr, aber bitte eine Demokratin.

  • Ilse Aigner (csU)???



    Gegenvorschlag: Heidi Reichinnek.



    Dann ginge mal ein linker Ruck durch D.



    😉

  • Warum sollte es jetzt eine Frau sein? Gibt es eine Quote zu erfüllen? Die Position des Bundespräsidenten ist eigentlich recht überflüssig, jeder kann den Grüßaugust spielen - aber ich sehe keinen Grund warum das Amt jetzt unbedingt von einer Frau gehalten werden muss.

  • Schön wäre es, wenn Frauen in der Politik sich positiver auswirken würden als Männer, aber ist das so? 16 Jahre Merkel haben Deutschland abgelähmt, uns die völlige Gasabhängigkeit von Russland beschert und einen Investitionstau in Billionenhöhe hinterlassen und die Bundeswehr ruiniert. Was beschert uns gerade Wirtschaftsministerin Katharina Reiche? Was Ministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien? Was Ministerin für Gesundheit: Nina Warken? Und natürlich Ministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär?! Gibt es von denen irgendwas Positives zu hören, zu lesen, zu sehen. Nein - sie sind alle nur ihrem Parteibuch verpflichtetet, ihrer Ideologie, ihrem Parteivorsitzenden. Eine von alledem unabhängige Frau aber wird es nicht werden.

  • "Eine Bundespräsidentin könnte das Land verändern"



    Ja, genau wie alle männlichen Bundespräsidenten vor ihr.



    Der Kanzler bestimmt die Richtlinien der Politik. Oder die Kanzlerin, in Merkels Fall.

  • Ja, eine weibliche Bundespräsidentin ist überfällig, um die Phalanx der weißen alten Männer im aktuellen Berliner Politbetrieb wenigstens an einer Stelle aufzubrechen.



    Und ja, es wird Zeit für eine profilierte Person, die sich nicht scheut, in politischen Debatten von gesellschaftlicher Tragweite auch mal einzumischen, um endlich die Zeit der Bürger:innenbetäubung durch den aktuellen Bundespräsidenten endlich zu beenden.

    Aber es sollte dann schon eine Person sein, die bekannt ist und auch staatstragend agieren kann. Rita Süsmuth wäre eine gute Wahl gewesen, aber dafür ist es leider viel zu spät.

    Wir brauchen keine Parteisoldatinnen an der Spitze, keinen weiblichen Proporzpopanz und auch keine Politikerin, deren hervorstechende Eignungseigenschaft wäre, Söder auf Bundesebene zu verhindern. Das schafft der Mann nämlich spielend selbst, wenn man in einfach nur reden lässt. So wie einst Stoiber ja auch.

  • Derlei Positionen, wie auch Bundesverfassungsgerichtsvorsitz, Bundestagspräsi oder auch Kanzler, das gehört letztlich stets abwechselnd zwischen Geschlechtern gewählt.

  • Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird in diesem Fall ja die CDU eine Kandidatin durchdrücken.



    Wäre das dann eine Dame von der Qualität einer Klöckner, Reiche, Warken?



    Davor graust es mich schon jetzt!

  • Zeit für eine Frau ist es in jedem Fall.

    Wieso? Was kann eine Frau, im politischen Geschäft, besser als ein Mann? Es ist doch völlig egal, ob als BuPrä sich ein Alpha-Weibchen oder ein Alpha-Männchen austobt oder auch nichts tut.



    Wir sollten aufhören Politikprofiteure zu Bundespräsidenten zu machen, wie wäre es mit einem Politikopfer? Wie wäre es mit einem Soldaten/in die dabei war, als die Bundeswehr auf Afghanistan schmählich fliehen mußte?



    Als Symbol des Mottos, erst denken und dann handeln.

  • Ilse Aigner als Bundespräsidentin? Alles, was recht ist, aber haben wir keine Frauen von größerem Format? An Monika Grütters kann ich mich überhaupt gar nicht erinnern. Wer ist das?



    Wie wäre es mit Erika Roth?



    Oder sollten wir Gabriele Susanne Kerner wählen, besser bekannt als Nena mit den 99 Luftballons?



    Vielleicht sucht ja Ursula von der Leyen auch nach einem neuen Job.

  • Eine Bundespräsidentin - diese Frage stellt sich nicht mehr, sie ist selbstverständlich. Worüber man sich mehr Gedanken machen sollte, ist den kleinsten gemeinsamen Nenner abzulösen, zugunsten großer, klarer Worte, die sich dem Land einbrennen.

    Da fällt erwähnter Richard von Weizsäcker ein, der die ernsthafte Aufarbeitung der deutschen Schuld eingeleitet haben dürfte, da fällt einem Roman Herzog mit seiner Ruckrede ein, da fällt einem Joachim Gauck als Freiheitspräsident ein, mit seinem seiner oft unbequemen Einmischung in gesellschaftliche Debatten.

    Im Lichte dieser Merkmale wünscht man sich mehr Kandidatinnen. Monika Grütters ist bekannt für ihre Schillerrede, in der sie die Debattenkultur beklagt. Jenseits parteipolitischer Erwägungen ist Ilse Aigner als beim Volk unabhängige Politikerin bekannt, eine der wenigen, die dem allmächtigen Söder schon mal widerspricht und die in der Verteidigung der Demokratie einen Schwerpunkt hat.

    Kürzlich wurde noch die Schriftstellerin Juli Zeh genannt. Für gesellschaftlichen Zusammenhalt ist sie ungeeignet - dafür sind ihre Positionen zu Corona und Ukraine zu strittig.

    Das Feld müsste größer sein. Kein Amt gibt dem Land mehr Orientierung.

  • Welches Geschlecht ist doch egal, dass wichtigste ist das die Person unser Land gut repräsentiert und politisch neutral ist.

    • @Marcelo:

      Exakt.



      Mit der kleinen Einschränkung der Verfassungstreue, wenn ich das mal unter der politischen Verfasstheit setzen darf.

  • Verstehe die Aufforderung hier nicht. In der aktuellen CDU/CSU gibt es einen hart rechten Kurs. Wenn diese Bande eine erträgliche Konservative zur Bundespräsidentin macht, dann nur, um sie machtpolitisch kaltzustellen. Und was soll man sich überhaupt von dem Amt erhoffen? Die historischen Beispiele im Text wirken, als könnte der Bundespräsidentin eine Art kollektive Epiphanie wirken. Das wird nicht passieren.

  • Das weibliche Geschlecht ist kein Wert an sich. Ich hätte auch keinen Bock auf Alice Weidel als Bundespräsidentin. Ich wäre schon zufrieden, wenn ich bei zukünftigen Reden des Bundespräsidenten (oder der Bundespräsidentin) nicht einschlafen würde...

    • @MarsiFuckinMoto:

      Einspruch. Bei diesem Amt und in dieser Historie ist das weibliche Geschlecht ein Wert an sich. Es hätte einen hohen symbolischen Wert, eben, dass die Bundesrepublik sich gesellschaftlich fortentwickelt hat, um es positiv zu formulieren.

      Ich bin sonst ein Gegner von Quotenüberlegungen und -forderungen, aber hier bie diesem Amt würde eine Frau automatisch von Beginn an einen Fokus setzen - allein weil man das von ihr erwarten würde.

      Beim Einschlafen bin ich bei Ihnen. Es braucht jemanden, deren Reden sich einbrennen, die zum Nachdenken anregen. Ich finde es aber ausgesprochen traurig, dass Ihnen bei einer möglichen Bundespräsidentin als erstes der Name Alice Weidel einfällt, nur weil die genannt wurde. Andere Namen kennen Sie nicht?